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       # taz.de -- Erscheinung am Bahngleis: Er trägt den Vogelschwarm wie ein Kostüm
       
       > LSD-Erscheinung oder Touri-Falle? Die Algorithmusjünger saugen dem Gott
       > der Finsternis den Content ab.
       
       Es ist ein gewohnt geschäftiger Werktag im Berliner S-Bahn-Verkehr. Die
       Köpfe wackeln zum Takt der Fahrbewegungen und ich tippe genervt in einem
       Messenger herum. Nächster Halt: Alexanderplatz. Ich stehe auf, der Zug
       kommt zum Stehen und die Tür öffnet sich vor mir wie ein Vorhang. Was ich
       als Nächstes sehe, lässt mich erstarren.
       
       Da steht ein Mann auf dem Bahnsteig. Ganz still wie eine Statue. Die Kapuze
       seines Hoodies ist bis über das Gesicht gezogen, nur seine Hände bewegen
       sich wie die eines Dirigenten. Um sowie auf ihm herum flattern und hopsen
       die berühmten Stare des Bahnhofs Alexanderplatz. Viele sitzen auf den
       ausgestreckten Armen des ganz in Schwarz gekleideten Mannes, seiner Kapuze,
       den Schuhen, den Schultern. Sie bewegen sich zum Takt seiner Finger, die
       unaufhörlich Vogelfutter in alle Richtungen werfen. Wildes Gezwitscher und
       das schwarz-metallic schimmernde Gefieder lässt eine dunkle Wolke
       entstehen, in deren Mitte dieser eher drahtige Mensch steht. Er trägt den
       Vogelschwarm wie ein Superheldenkostüm. Oder das beste Festival-Outfit
       aller Zeiten. Manchmal zuckt ein kurzer Schreck durch sein Gewand, lässt
       einen Schleier durch die Luft wehen, obwohl es vollkommen windstill ist.
       
       Nach einigen Jahren im Berliner ÖPNV ist man ja einiges gewohnt – aber das
       da? Habe ich möglicherweise in einen irgendwem versehentlich aus der Tasche
       gefallenen Rest LSD gefasst? Nirgendwo steht ein Becher oder sonstiges
       Spendengefäß. Nur ein paar Algorithmusjünger, die der Szene gierig grinsend
       den köstlichen Content mit ihren Smartphones absaugen.
       
       „Na, wat denn nu!“, reißt mich eine Stimme aus der Trance. „Rinn oder
       raus?“
       
       Ich drehe den Kopf. Ein genervter Blick. Mein erster Impuls will mich auf
       die Gestalt zeigen lassen, doch ich sehe bereits das Augenrollen, höre
       schon das abfällige „Scheiß Touris“ in der fremden Mundhöhle zappeln und
       setze mich brav in Bewegung. Sekunden später treibe ich wieder in den
       eiligen Stromschnellen des Berliner Alltags dahin.
       
       28 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Maik Gerecke
       
       ## TAGS
       
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