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       # taz.de -- Tödliche Fahrradunfälle: Hamburg schweigt zu seinen Verkehrstoten
       
       > In diesem Jahr sind bereits drei Radfahrer bei Lkw-Unfällen gestorben.
       > Doch die Behörden antworten nicht einmal auf Anfragen zum Thema.
       
   IMG Bild: Was soll man fordern? Mahnwache des ADFC an der Winsener Straße in Hamburg-Wilstorf, wo ein Lkw einen Elfjährigen überrollt hat
       
       Vor knapp zwei Wochen ist in Hamburg [1][ein 11-Jähriger auf seinem Rad von
       einem Lkw überfahren worden], nicht einmal zwei Tage später wurde ein
       53-Jähriger tödlich überrollt. Es ist der dritte getötete Radfahrer in
       diesem Jahr. Deren Zahl steigt seit Jahren, nicht nur in Hamburg.
       
       Der Fahrradclub ADFC hat in Wilstorf, wo der 11-Jährige zu Tode kam, eine
       Mahnwache organisiert. Es kamen 800 Leute. „Es gibt eine riesige
       Anteilnahme“, sagt Dirk Lau vom ADFC. „Aber dass es sich in politischem
       Handeln niederschlägt, ist in Hamburg noch nicht erreicht“.
       
       Und dann sagt er noch etwas, das zeigt, welche Spuren die vielen Toten
       selbst bei jenen hinterlassen, die nicht Angehörige oder Freunde sind: „Die
       Leute, die diese Mahnwachen organisieren, sind immer stärker belastet. Es
       gibt jetzt tatsächlich einen Arbeitskreis bei uns dazu.“
       
       Hamburg hat einen grünen Senator für Verkehr und Mobilitätswende, den
       Grünen Anjes Tjarks, und es ist ohne Zweifel, dass er sich [2][vor allem
       die Wende auf die Fahnen geschrieben hat]. Vielleicht macht es das noch
       schwieriger für die Leute, die sich fragen, warum so viele
       Radfahrer:innen in der Stadt sterben.
       
       ## Abbiegeassistenten für städtische Fahrzeuge
       
       Tjarks hat durchgesetzt, dass alle städtischen Lkw über 3,5 Tonnen Gewicht
       Abbiegeassistenten haben, die die Fahrer warnen, wenn eine Kollision mit
       Radfahrenden droht. Er hat sogar durchgesetzt, dass nicht nur die neu
       angeschafften Fahrzeuge damit ausgerüstet sind, sondern auch alte
       nachgerüstet werden. Damit tut Hamburg mehr als die entsprechende
       EU-Richtlinie erfordert.
       
       Aber was nützt das, wenn trotzdem [3][immer wieder Radfahrer zu Tode
       kommen] – und das in den meisten Fällen durch abbiegende Lkw, [4][sogar
       solche mit Abbiegeassistent]? Fragt man Expert:innen vom ADFC oder dem
       Deutschen Verkehrssicherheitsrat, ist die Antwort ziemlich eindeutig: Es
       braucht getrennte Wege für Rad- und Autoverkehr, getrennte Ampelphasen,
       sodass die Radfahrenden vor den Autos losfahren. Und es braucht geringere
       Geschwindigkeiten.
       
       Bereits jetzt ist vorgeschrieben, dass Lkw mit Schrittgeschwindigkeit
       abbiegen. Nur: das wird kaum kontrolliert. In den Gerichtsverhandlungen
       nach den tödlichen Unfällen ist es immer wieder Thema, dass die Fahrer eben
       doch schneller gefahren sind.
       
       ## Selbst die Fahrradlobby ist ratlos
       
       „Was sollen wir denn noch fordern?“, fragt Dirk Lau vom ADFC mit so etwas
       wie Verzweiflung. Und die Antwort lautet: nichts, was nicht schon seit
       Jahren gefordert wird. Die Frage ist nur: Warum wird es nicht umgesetzt?
       
       Die Antwort ist mehrteilig und beginnt damit, dass die Innenbehörde nicht
       einmal auf die taz-Anfrage antwortet. So ist nicht zu erfahren, ob es unter
       Innensenator Andy Grote (SPD) mehr Geschwindigkeitskontrollen geben soll
       und ob es Interesse an einem Runden Tisch zum Thema Lkw-Abbiegeunfälle
       gibt, wie ihn der ADFC fordert. Auch nicht, ob es im Haus andere Ideen
       gibt, wie sich solche Unfälle vermeiden lassen.
       
       Dass die Hamburger Innenbehörde bremst, sobald etwas den Vorrang des
       Autoverkehrs antasten könnte, hat Tradition. Tempo 30 oder Zebrastreifen
       vor Schulen oder Altenheimen? Nach Möglichkeit lieber nicht.
       
       Seit dem letzten Wahlkampf gibt es einen Bremser an noch höherer Stelle:
       Bürgermeister Peter Tschentscher, ebenfalls SPD, hat [5][ein Moratorium
       beim Abbau von Autoparkplätzen im öffentlichen Raum ausgerufen]. Das
       behindert den Ausbau von Radwegen. „Offenbar sind ihm Kfz-Stellplätze
       wichtiger als der Schutz von Menschenleben“, hat der Hamburger ADFC bitter
       in einem offenen Brief geschrieben. Die Senatskanzlei nimmt dazu auf
       taz-Anfrage keine Stellung.
       
       Die Behörde für Verkehr und Mobilität antwortet zwar, aber so unkonkret,
       dass es vor allem eine freundliche Geste bleibt. Wie viele geschützte
       Kreuzungen mit getrenntem Auto- und Radverkehr gibt es in der Stadt?
       Statistisch nicht erfasst. Wie viele getrennte Ampelschaltungen? Ebenfalls
       nicht erfasst. Andere Ideen zur Verringerung der Radtoten? Ohne Antwort.
       Ein runder Tisch wie vom ADFC vorgeschlagen? Man sei „selbstverständlich im
       Austausch“.
       
       Der Hamburger Senat hat vor Jahren den Entschluss verabschiedet, die Zahl
       der Verkehrstoten auf null zu reduzieren. [6][Der Plan heißt „Vision Zero“]
       und auf dem Papier soll dieses Ziel in der Verkehrsplanung, -führung und
       -überwachung verankert werden.
       
       Aber Vision Zero würde Geld kosten und rechnet man pragmatisch, vielleicht
       auch zynisch, rechnet es sich nicht. Ein Verkehrstoter kostet
       gesamtwirtschaftlich unter anderem durch Produktivitätsausfall knapp eine
       Million Euro. Die Kosten für einen Kreuzungsumbau mit getrennten Spuren
       liegen im hohen sechsstelligen oder sogar siebenstelligen Bereich. Und es
       gibt viele Kreuzungen in Hamburg. Viel mehr als Verkehrstote.
       
       Woher kommt Veränderung? Bitter gesprochen, braucht es Tote. Und es braucht
       ausreichend viele Menschen, die sich nicht damit abfinden. Vor 35 Jahren
       überrollte ein zu schnell fahrender Lkw in der Hamburger Stresemannstraße
       ein neunjähriges Mädchen. Man kann die Stelle von der taz-Redaktion aus
       sehen. In den folgenden Tagen versammelten sich dort Demonstrierende, zwei
       Wochen lang, immer zur Todesstunde. Die Polizei ließ sie gewähren.
       
       Die damalige Stadtentwicklungssenatorin Traute Müller (SPD) berief einen
       runden Tisch ein, der vor allem eine Forderung hatte: Tempo 30. Müller
       setzte das in eine Senatsvorlage um, aber Senatorinnen-Neuling, der sie
       war, versäumte sie es, vorab das Einverständnis des Innensenators
       einzuholen. Um das Gesicht zu wahren, winkte der Senat die Entscheidung
       durch. Aber ein paar Monate später musste Traute Müller das Verkehrsressort
       abgeben. Wenn man heute mit ihr darüber spricht, scheint sie nichts zu
       bereuen. „Alle nachfolgenden Senatoren, auch die der CDU, haben nichts am
       Tempo 30 geändert.“
       
       23 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Friederike Gräff
       
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