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       # taz.de -- Die Wahrheit: Krauts will be Krauts
       
       > Deutschland gärt! Und dass alle sauer sind, das hat mit einer
       > traditionellen Konservierungsmethode zu tun.
       
   IMG Bild: Wie kommt denn das Sauerkraut ins Klo?
       
       Seit über zehn Jahren blubbert, brodelt und mieft es aus Deutschlands
       avanciertesten Küchen – nach römischer Fischsauce und saurem Rettich. Doch
       auch im Mainstream ist die Leidenschaft für Milchsauervergorenes
       mittlerweile breitflächig angekommen. Für die Jugend heißt das:
       Fermentation rules. Für die Alten: nichts Neues unter der Sonne.
       Stundenlang verkochten Kohl kennt ihr aus euren gutbürgerlichen
       Gasthäusern, und wenn ihr aus dem Rheinland kommt, sind euch auch saure
       Schnibbelbohnen aka „Fitschbunne“ ein Begriff. Für alle
       Migrationshintergründigen und das befreundete Ausland lautet die Warnung
       als simple Formel: Krauts will be Krauts.
       
       Es ist nämlich ein Retro-Trend wie die wilhelminischen Namen der
       Neugeborenen, die Liebe zu Analog-Synthesizern oder die Freude an
       autoritärem Durchgreifen. Etwas Altbewährtes kommt wieder in Mode, weil es
       in fortschrittlicheren Teilen der Welt von Hipstern wiederentdeckt worden
       ist. Alle vorgeblich neuen Erkundungswege erscheinen demgegenüber sinnlos
       und langweilig. Entscheidend ist der Anschluss an die Tradition, dem
       Rettungsanker in der Unübersichtlichkeit der Welt, die von jenen, die sich
       als Checker gerieren, gern als „Komplexität“ bezeichnet wird.
       
       Vielschichtig und altehrwürdig ist nämlich auch der Vorgang der
       Milchsäuregärung. Wenn man bestimmte Nahrungsmittel kleinschneidet, salzt,
       knetet, schichtet und unter Luftabschluss sich selbst überlässt, werden sie
       auch ohne Einsatz von Hitze oder Kühlung lange haltbar. Im entstehenden
       sauren Milieu können Schimmelpilze und schädliche Bakterien nicht
       überleben. Es entstehen und vermehren sich im Gegenteil Vitamine und
       gesundheitsförderliche Mikroorganismen. Durch das Verfahren wird der
       Nährwert gesteigert, der Geschmack säuerlich herzhaft und die Gesundheit
       gefördert, da Verdauung und Immunsystem angeregt werden – getreu dem
       Herrschaftsprinzip „Fördern und fordern“.
       
       ## Kombucha und Miso
       
       Bekannte Erzeugnisse dieser Art sind neben Sauerkraut etwa Joghurt, Käse,
       Sauerteig, Kombucha und Miso. Doch viele weitere Agrarprodukte lassen sich
       fermentieren; bei den Gemüsen am besten knackige, feste Sorten, weil sie
       ihre Struktur besser beibehalten. Das ist das eminent Konservative an der
       Methode. Kein Wunder, dass sie von dänischen Sterneköchen wiederentdeckt
       wurde, um die Reichen mit Gemüse zu Mondpreisen auszunehmen – unter dem
       Banner von Tradition, kreativem Küchenhandwerk, Regionalität und
       Nachhaltigkeit.
       
       Schon in der Vergangenheit waren gesundheitliche Aspekte und nicht
       unbedingt Geschmack die leitenden Kriterien für den Verzehr von
       Fermentiertem. Seine Bekömmlichkeit und Heilkraft machte man sich,
       historisch gesehen, vor allem in den kühleren Teilen der Welt zunutze. Da
       bereits 300 Gramm Sauerkraut die Hälfte des täglichen Vitamin-C-Bedarfs
       decken, war Fermentation früher Zaubermittel für die Wintermonate, in denen
       frisches Gemüse nicht beim Türken nebenan zu haben war.
       
       Auch in der Seefahrt sorgte Sauerkraut für die Bekämpfung der
       Mangelkrankheit Skorbut, der die Seeleute vor Entdeckung der heilsamen
       Wirkung des lebenswichtigen Vitamins massenhaft zum Opfer fielen. Captain
       James Cook achtete im 17. Jahrhundert bei seinen Weltumsegelungen stets
       darauf, genügend Fässer Sauerkraut mit an Bord zu nehmen. So konnte bei
       seinen Mannschaften Zahnausfall, Blutarmut und Tod vermieden werden.
       
       Auch heute noch hasst man die Skorbutsymptome wie die Pest. Als Wunderwaffe
       dagegen und als probiotisches „Superfood“ ist inzwischen das Kimchi populär
       geworden. Den fermentierten, pikant gewürzten Chinakohl isst man in Korea
       zu praktisch jeder Mahlzeit. In Frauenzeitschriften ist er wegen seiner
       Wunderwirkung gegen Adipositas und Darmträgheit allgegenwärtig. Der hier
       erhältliche schmeckt als Ersatz für Sauergemüse nicht ganz schlecht, kann
       aber mangels Knoblauch- und Chilipower mit koreanischem Kimchi nicht
       gleichziehen.
       
       Vor allem jedoch hat Kimchi, das gern auch mit Rettich, Möhren oder Gurken
       bereitet wird, vielen Menschen den Weg zum Selberfermentieren gebahnt. Und
       natürlich eine Flut von Ratgeberliteratur erzeugt, die zum Beispiel
       verspricht: „Fermentieren leicht gemacht – mit saisonalen Rezepten durchs
       ganze Jahr! Mit einfachen Schritt-für-Schritt-Anleitungen gelingt dir jedes
       Ferment – ganz ohne Stress oder teures Equipment. Erlebe, wie lecker
       gesunde Ernährung sein kann!“
       
       ## Lecker Sauerkraut
       
       Indem diese Trümpfe geschickt gegen die zeitgenössischen
       Ernährungsstörungen ausgespielt werden, kriegt man sie plötzlich alle: die
       Nachhaltigkeitsfanatiker mit ihrem Regionalfimmel, die Freunde der kurzen
       Wege mit dem E-Auto, die Diätversessenen, Modeopfer, gesundheitsbewussten
       Eltern. Aber auch die Greenpeace-Spender, Kleingärtner, Naturliebhaber und
       Bergsteiger. Es geht ja oft nur darum, dass bei Nachbarn und Bekannten
       wieder viel zu viel Zucchini, Rhabarber und Kürbis geerntet wurde. Ehe man
       seiner überdrüssig wird, macht man es ein oder fermentiert es weg.
       
       Leckeres, probiotisches Sauerkraut herzustellen, ist allerdings nicht so
       einfach. Der Weißkohl muss gestampft werden, um den Zellsaft aus den
       Blättern zu lösen. Das Produkt muss sich drei bis vier Wochen unter
       Luftabschluss zersetzen, damit die Milchsäure ihr segensreiches Werk für
       Aroma und Gesundheit verrichten kann. Tritt in dieser Zeit Sauerstoff
       hinzu, drohen Bakterienbefall und Schimmelbildung.
       
       Man muss also ein bisschen pingelig sein, muss Hygiene über alles schätzen,
       andererseits aber gern Dinge im eigenen Saft brodeln lassen – darum
       empfiehlt sich das Fermentieren als Freizeitbeschäftigung eher für Leute
       mit einem gewissen Aggressionspotential wie auch einem brav gepflegten
       Katalog von Sekundärtugenden. Erstaunlicherweise führt das auch dazu, dass
       sich am Tisch mit dem Selbstfermentierten vom grünen Selbstversorger über
       den Normalo bis zum Burschenschaftler alle ordentlichen Deutschen
       niederlassen können. Und anschließend gemeinsam Luft ablassen.
       
       27 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Mark-Stefan Tietze
       
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