# taz.de -- Gustav Seibts „Sommer mit Goethe“: Das Aufjauchzen des Klassikers
> „Safer Sex“ und „Zeitmaschine“ heißen Kapitel im Goethe-Buch des
> Literaturkritikers Gustav Seibt. Ein schöner Einstieg ins kulturelle
> Gedächtnis.
IMG Bild: Das Juno-Zimmer im Goethehaus am Frauenplan in Weimar. Die Göttin Juno gilt als die Schützerin der Ehe
Es ist dann doch ein wenig schneller gegangen, als der Autor das
vorgeschlagen hat. Handgestoppte 5:36,02 Minuten hat der Rezensent für die
Lektüre des ersten Kapitels von Gustav Seibts „Ein Sommer mit Goethe“
gebraucht. Er hätte sich viel mehr Zeit nehmen müssen. 30 Minuten solle man
jedem Kapitel widmen, so schlägt es der Autor vor, der auf doch recht
eigentümliche Weise den Versuch unternimmt, den Literaturfreund:innen
im Land den deutschen Großschriftsteller, der vielen so fremd geworden ist,
wieder ein wenig näherzubringen.
Goethe also. Muss das sein? Keineswegs. Es sei keine Schande, Goethe nicht
gelesen zu haben. Gleich im ersten Satz seines Reiseführers durch die
Gedankenwelt des Dichters stellt Seibt das klar. Aber schade sei es eben,
wenn man es nicht tue. Na dann!
Los geht es mit der Ballade „Der Schatzgräber“, die wahrscheinlich schon
lange keine Schüler:innen mehr auswendig lernen müssen. Das mag lange
anders gewesen sein. Zu ihrem Glück, denn mit ihren fünf Strophen zu je
acht Zeilen sei sie „kurz für ein erzählendes Gedicht“, wie Seibt meint.
Und zugänglich sei das Stück noch dazu, weil es so prägnant auf den Punkt
bringe, worum es geht. „Tages Arbeit! Abends Gäste! / Saure Wochen! Frohe
Feste!“
Da hat der Meister kurz und bündig so eben mal die heute in Verruf geratene
Work-Life-Balance besungen. „Kürze“, so ist das Auftaktkapitel
überschrieben. Die habe Goethe meisterhaft beherrscht, der junge wie der
alte. Und Goethe, der sein Leben lang Freude an der Spruchdichtung gehabt
habe, sei doch immer auf der Suche gewesen, „etwas Kontextunanbängiges,
dauerhaft Gültiges zu schaffen und in Natur und Kunst zu finden, anwendbare
Faustformeln“. Faustformeln, welch wunderbares Wort in einem Reklamebuch
für Goethe.
## Faust als Lehrmeister
Faust, genau. [1][Der darf natürlich nicht fehlen.] Der Tragödie erster
Teil ebenso wenig wie der zweite. Seibt steckt die Leser:innen in eine
Zeitmaschine, so der Titel eines Kapitels. Es geht nicht nur in die Jahre
1825 bis 1831, in denen Goethe den Faust zwo vollendet hat. Viel weiter
zurück geht es – in die Antike unter anderem, aus der Goethe Helena
aufbrechen lässt, auf dass sie 2.000 Jahre später auf einer Ritterburg
lande.
Das ist aber noch lange nicht die große Kunst. Eine literarische Figur in
der Handlung um ein paar Jahrtausende zu versetzen, ist gar nichts gegen
die sprachlichen Zeitsprünge, zu denen Goethe angesetzt hat. Gerade höre es
sich noch wie eine Parodie an, „wie ein ins Deutsche übersetzter
Euripides“, was Helena zu ihren Gatten Menelaus sagt: „Gegrüßet seid mir,
der eh’rnen Pforte Flügel ihr / Durch euer gastlich ladendes Weiteröffnen
einst / Geschahs daß mir, erwählt aus vielen, Menelas / In
Bräutigams-Gestalt entgegenleuchtete.“ Doch auf der Ritterburg dann
beherrsche sie es bald dank Faust als Lehrmeister, sich den Mitteln der
mittelalterlichen Versepik zu bedienen, und vervollständigt brav die von
Faust angespielten Sätze mit den richtigen Reimen.
Es bereitet Seibt ein diebisches Vergnügen, das ist nur allzu
offensichtlich, diese Entdeckungen für diejenigen aufzubereiten, die sich
daranmachen wollen, Goethe neu oder endlich mal zu entdecken. Und wer
seinen Euripides parat hat, die griechischen Tragödienfiguren kennt, wer
weiß, was es mit Baucis auf sich hat, und mehr als nur eine vage Erinnerung
an [2][Ovids Metamorphosen] hat, der wird bestimmt auch seine Freude haben,
auch wenn er vielleicht nicht gleich so euphorisch wird wie Seibt, wenn der
an einer Stelle jubelt: „Was für eine Geistesoperation!“
## Mitten im Atheismusstreit
Aber leicht macht es Seibt seinen Leser:innen gewiss nicht. Wer seinen
Sommer mit Goethe erleben will, muss sich auf intellektuelle
Herausforderungen gefasst machen. Und so können aus den fünf Minuten reiner
Lesezeit schnell mal mehr werden als die von Seibt ins Spiel gebrachte
halbe Stunde. Mal eben nachschlagen, wer gleich wieder dieser Sulpiz
Boisserée war, dem Goethe so viele Briefe geschrieben hat. Ja, richtig, der
gelehrte Kunstsammler und Architekturhistoriker war einer derjenigen, die
angeregt haben, am unvollendeten Kölner Dom endlich weiterzubauen.
Und wenn sich die Leser:innen gerade fragen mögen, was es wohl mit dem
Atheismusstreit auf sich hatte, der 1798 an der Universität Jena unweit von
[3][Goethes Weimar] ausgetragen wurde, können sie in das Thema einsteigen
und sich fragen, wie die Denker jener Zeit sich darüber unterhalten haben
mögen, ob es eine moralische Weltordnung ohne den Glauben an die Existenz
Gottes geben kann. Oder sie blättern einfach weiter zu Kapiteln mit Titeln
wie „Freiheit“, „No Sympathy For The Devil“ oder „Safer Sex“.
Vielleicht geht es da ja ein wenig leichter zu und man kommt ohne
Blitzbesuche bei Wikipedia aus. Fußnoten gibt es nämlich nicht im Buch,
auch kein Glossar. Vielleicht wollte man niemanden verschrecken mit
kleinstgedruckten Nebentexten oder einem angehängten Lexikon zur
Sommerlektüre über Goethe.
Vielleicht aber geht Seibt davon aus, dass irgendwie schon bekannt sein
muss, wer Goethes nimmermüder Gesprächspartner Eckermann war, welche Rolle
jener Winckelmann gespielt hat, über den die Deutschen ihre Liebe zur
klassischen Antike entdeckt haben, und welche Gedanken den Philosophen
Johann Gottlieb Fichte wohl zu einem der bedeutendsten Vertreter des
Idealismus gemacht haben.
## Seekrank vor Sizilien
Idealismus? Es schadet der Lektüre gewiss nicht, wenn man kurz mal in diese
Denkrichtung abbiegt. Ja, Seibts Goethesommer ist alles andere als ein
leicht zugängliches Leseerlebnis. Was soll man auch anderes erwarten von
diesem humanistisch gebildeten Großkritiker, der bis 1996 neun Jahre lang
das Literaturressort der Frankfurter Allgemeinen geleitet hat und seit 2001
für die Süddeutsche Zeitung schreibt. Wer das Buch nicht nur gelesen,
sondern durchgearbeitet hat, wer mit Seibts Begeisterung mitzugehen in der
Lage ist, wird einen bildungsbürgerlichen Vollrausch erleben. Um Goethes
Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ geht es natürlich auch bei Seibt
und um dessen Geburt als Bildungsbürger auf dem Theater. Passt doch.
Alle, die nicht ganz so tief einsteigen möchten in Goethes Gedanken, können
auch auf ihre Kosten kommen. Sie wissen am Ende, dass der Dichterfürst vor
Sizilien seekrank wurde, dass er nicht allzu streng nachkontrolliert hat,
was seine Sekretäre von seinen diktierten Worten zu Papier gebracht haben,
oder dass er vielleicht nie mehr so richtig glücklich war, seit er im Jahre
1788 Rom über die Milvische Brücke verlassen hat. Kein „Aufjauchzen“ mehr.
So ist das Kapitel überschrieben, das Goethes Definition von Lebensfreude
zusammenfasst.
Und wer wirklich nicht viel über Goethe weiß, der wird vielleicht doch
schon einmal vom Werther gehört haben. Der sei für Goethe kein Roman über
die Liebe gewesen, weiß Seibt, sondern einer über Selbstmord. Wieder was
gelernt. „Über allen Gipfeln / Ist Ruh’“, das kennt man doch auch.
„Evergreen“ heißt das Kapitel, das Seibt dem Gedicht widmet, jenem „zarten
Gebilde“, wie er es nennt, zu dem Goethe selbst lange nicht so wirklich
stehen wollte. Heute sei es nicht umzubringen, man erkennt es noch auf dem
verstimmtesten Klavier wieder.
## Tief im kulturellen Gedächtnis verankert
50 Tage lang würde der Sommer dauern, würde man jeden Tag ein Kapitel Seibt
lesen. Das geht doch. Heinrich Lee, jener „Grüne Heinrich“ aus Gottfried
Kellers Bildungsroman, hat alle 40 Bände der Goethe-Ausgabe an 40
aufeinanderfolgenden Tagen verschlungen, als er sie nach einem Spaziergang
im Haus vorgefunden hat. Alle 40 Bände der letzten von Goethe höchstselbst
redigierten Werkausgabe, der „Ausgabe letzter Hand“, wie sie der Dichter
selbst nannte – ein Irrsinn! Mit diesem endet Seibts Sommer.
Dessen 50 Kapitel sind im Vergleich alles andere als wahnsinnig. Die sind
zu bewältigen, und auch wenn das ganz sicher nicht für einen wirklich
tiefen Einblick in das Werk des Dichterfürsten reicht, kann die Lektüre
glücklich machen. Am Ende hat man immerhin einen ersten Einblick in fast
all die Werke, deren Namen tief im kulturellen Gedächtnis des Landes
verankert sind und die doch kaum noch gelesen werden. „Torquato Tasso“,
„Clavigo“, der „West-östliche Divan“ und jede Menge mehr.
Man muss sich nach der Lektüre ja nicht gleich der ehrwürdigen, bereits
1885 gegründeten Goethe-Gesellschaft anschließen, deren Beirat Seibt
angehört. Aber als kleine Goetheaner:innen werden sich durchaus all
diejenigen bezeichnen können, die bis zum Ende Spaß an diesem auf beste
Weise fordernden Bildungserlebnis hatten.
Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Fassung haben wir
fälschlicherweise von „Aufjuchzen“ geschrieben. Da hatten wir Goethe falsch
zitiert. Es muss „Aufjauchzen“ heißen.
28 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Andreas Rüttenauer
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