# taz.de -- Berliner CDU-Fördergeldaffäre: Kultursenatorin Wedl-Wilson tritt zurück
> Die Kritik des Rechnungshofs an ihr fiel vernichtend aus: Fünf Monate vor
> der Wahl zum Abgeordnetenhaus zieht Wedl-Wilson die Konsequenzen.
IMG Bild: Vor noch nicht einmal einem Jahr erst von Kai Wegner ins Amt eingeführt: Sarah Wedl-Wilson
Fünf Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus hat Berlins Kultursenatorin
Sarah Wedl-Wilson (parteilos, für CDU) ihren Rücktritt eingereicht. Sie
habe Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) um ihre Entlassung
gebeten, teilte Wedl-Wilson am Freitagmittag mit. Wegners Partei bildet in
Berlin mit der SPD eine schwarz-rote Koalition.
Als Grund nannte die wegen der CDU-Fördergeldaffäre unter Beschuss stehende
Politikerin mit, sie wolle Schaden von dem wichtigen Kampf gegen
zunehmenden Antisemitismus in Berlin abwenden. Sie gehe diesen Schritt aus
Verantwortung gegenüber der Stadt Berlin und ihren Bürgern.
Dass Wedl-Wilson nicht mehr im Amt zu halten war, hatte sich bereits am
Donnerstag abgezeichnet. In einem mit Spannung erwarteten Bericht
bezeichnete der Landesrechnungshof Berlin die Förderung von 13 Projekten
gegen Antisemitismus aus einem Sondertopf über 3,4 Millionen Euro für
„evident rechtswidrig“.
„Die betreffenden Zuwendungsbescheide hätten auf dieser Grundlage nicht
erlassen werden dürfen“, erklärten die Rechnungsprüfer. Sie attestierten
der Kulturverwaltung unter anderem fehlende Förderkriterien und eine
willkürliche Auswahl der Projekte. Nötige fachlich-inhaltliche Prüfungen
hätten nicht stattgefunden.
Hintergrund des Berichts der Rechnungsprüfer ist ein Sonderprogramm, das
die Berliner Kulturverwaltung aufgelegt hatte, um dem wachsenden
Antisemitismus in der Stadt zu begegnen. Ausgewählt wurden die Projekte
allerdings nicht nach fachlichen Kriterien oder durch eine Jury.
Stattdessen legten CDU-Fraktionschef Dirk Stettner und der finanzpolitische
Sprecher der Fraktion, Christian Goiny, der Verwaltung eine Liste von
Projekträgern vor, die sie für förderwürdig hielten.
## Druck aus der CDU-Fraktion
Dabei machten beide ungewöhnlich großen Druck auf die Verwaltung, wie sich
im derzeit laufenden Untersuchungsausschuss zur Fördergeldaffäre zeigt. Das
belegen unter anderem Chatverläufe zwischen Goiny und Wedl-Wilson. „Bitte
spätestens Montag die Bescheide verschicken“, drängte Goiny die
Kultursenatorin wenige Tage nach ihrer Ernennung. Der Grund für Goinys
Druck auf die Senatorin: Kulturstaatssekretär Oliver Friederici verlangte
die Einhaltung der Landeshaushaltsordnung und eine fachliche Prüfung der
Anträge.
Das wollten die CDU-Abgeordneten nicht hinnehmen. Schließlich gab die
Senatorin dem Druck nach und schrieb: [1][„Wir können uns aber darüber
hinwegsetzen, was wir hiermit tun werden.“]
Wenig hilfreich für die Kultursenatorin war auch das breitbeinige Auftreten
von Goiny und Stettner im Untersuchungsausschuss am vergangenen Freitag.
Auf die Frage, warum er diesen Druck ausgeübt habe, sagte Goiny: „Wenn ich
mich einsetze als Abgeordneter, dann, weil ich das möchte. Ich brauche
keinen Fachbeirat und keine Expertise.“
Zuletzt wollte Wedl-Wilson noch retten, was zu retten war, und entließ kurz
vor der Veröffentlichung des Rechnungshofsberichts ihren Staatssekretär.
Doch auch das half nicht mehr.
Jetzt muss Berlins Regierender Bürgermeister eine neue Kultursenatorin
suchen. Es ist schon die dritte Umbildung des Senats in der laufenden
Legislaturperiode. Wedl-Wilson selbst war auf den früheren Kultursenator
Joe Chialo gefolgt, der nach Protesten gegen Kürzungen im Kulturbereich
zurückgetreten war. Vor Chialo hatte Ende April 2024 bereits
Verkehrssenatorin Manja Schreiner (CDU) ihr Amt aufgegeben, nachdem ihr die
Universität Rostock im Zuge einer Plagiatsaffäre den Doktortitel entzogen
hatte.
Wegner hat am Freitag das Rücktrittsgesuch angenommen. „Sarah Wedl-Wilson
übernimmt politisch und persönlich Verantwortung – dafür gebührt ihr
Respekt“, erklärte Wegner. „Die Senatsverwaltung für Kultur und
Gesellschaftlichen Zusammenhalt wird nun sicherstellen, dass es eine
rechtssichere Förderkulisse bei Projekten gegen Antisemitismus geben wird“,
kündigte Wegner an. „Wir werden im Kampf gegen Antisemitismus in Berlin
nicht nachlassen.“
Für die Opposition ist der Rücktritt erwartungsgemäß ein gefundenes
Fressen. „Ganz offenbar hat die Berliner CDU den Kompass für Recht und
Gesetz verloren“, erklärte der grüne Spitzenkandidat Werner Graf. „Ein
Sumpf aus CDU-Ortsverbänden, CDU-Fraktion und CDU-Hausleitung hat sich über
das Gesetz gestellt und sich den Staat zur Beute gemacht.“ Nun seien alle
aufgefordert, „bis zur Abwahl dieses Senats darauf zu achten, dass der
Berliner Zivilgesellschaft und Kultur kein weiterer Schaden mehr entsteht“.
Die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp forderte auch Konsequenzen für
Stettner und Goiny: „Es kann nicht sein, dass die beiden mutmaßlichen
Drahtzieher der Affäre verschont bleiben“, sagte Eralp. „Sie haben
erheblichen Druck auf die Senatorin ausgeübt und ihre Wunsch-Förderlisten
eingereicht.“ Hier trage auch Kai Wegner als Parteivorsitzender der CDU die
Verantwortung. „Die Fördermittelaffäre ist längst ein Fall Wegner.“
Selbst der Koalitionspartner im schwarz-roten Senat ging ungewöhnlich
deutlich auf Distanz. „Als Regierender Bürgermeister und
CDU-Parteivorsitzender trägt Kai Wegner die Verantwortung dafür, dass die
Fördermittelaffäre weiter lückenlos aufgeklärt wird“, sagt
SPD-Spitzenkandidat für die Wahl zum Abgeordnetenhaus, Steffen Krach. „Dazu
gehört auch die Frage, warum er monatelang nicht eingegriffen hat, um die
Selbstbedienungsmentalität in seiner Fraktion und das rechtswidrige Handeln
zu unterbinden.“
24 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Uwe Rada
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