# taz.de -- Russischer Atomkonzern: Die Welt bleibt abhängig von Rosatom
> Mit Rosatom kontrolliert Wladimir Putin den vielleicht wichtigsten
> Atomkonzern der Welt. Diese Macht weiß er auszunutzen.
IMG Bild: Ein von Rosatom veröffentlichtes Bild zeigt die Baustelle des AKW Al-Dabaa in Ägypten
Ein breites Lächeln, wie es ihm immer entfährt, wenn er sich überlegen
fühlt, huschte Wladimir Putin im Juni 2025 in seiner Heimatstadt St.
Petersburg über das Gesicht: „Rosatom ist der unbestrittene weltweite
Marktführer in der Entwicklung der Kernenergie“, sagte der Kremlherrscher
auf dem Wirtschaftsforum der Newa-Stadt. Der Konzern, den er aus den
Überresten der sowjetischen Atomindustrie neu zusammengesetzt hatte, baue
gerade 41 Atommeiler in 11 Ländern.
Rosatom ist längst das neue Gazprom: Der Gasriese hatte einst fast halb
Europa von seinen Erdgasexporten an sich gebunden. „Putin hat verstanden,
dass man mit Atomenergie Staaten viel abhängiger machen kann als mit Öl und
Gas“, sagt der in die Ukraine geflohene frühere Rosatom-Manager Konstantin
Batozkij.
Und das geht viel länger: „Der Bau eines AKW dauert zehn Jahre, es ist 60
Jahre in Betrieb mit russischen Brennstoffen, und der Rückbau dauert
weitere bis zu 20 Jahre“, rechnet der Träger des Alternativen Nobelpreises
Wladimir Sliwjak von der russischen Ökogruppe Ecodefense vor.
Rosatom, in dem auch die Nachfolgefirmen des sowjetischen Erbauers des AKW
Tschernobyl Glawatomenergo inkorporiert wurden, kontrolliert derzeit den
Löwenanteil der weltweiten Atommeiler-Neubauten. Zudem gebietet er über 13
Prozent der globalen Urangewinnung und 46 Prozent der Urananreicherung:
Rosatom hat US-Mitbewerber bei einer kasachischen Uranmine ausgestochen und
reichert nun das geförderte Uran des größten Uranproduzenten der Welt an.
## Was Rosatom bietet
Der Weltmarktanteil bei Brennelementen beträgt 17 Prozent. Denn inzwischen
werden nicht nur die Brennstäbe für russische WWER-Druckwasser-Reaktoren
produziert, sondern auch für westliche Meiler.
Anfang April war eine Delegation der russischen Duma (Unterhaus) in
Ägypten, um Baufortschritte am AKW Al-Dabaa zu inspizieren. Vier Reaktoren
russischer Bauart mit jeweils 1.200 Megawatt an der Mittelmeerküste bringen
das arabische Land ins Atomzeitalter.
Sie sind ein gutes Beispiel, wie Rosatom Verträge gewinnt und Länder in
lange Abhängigkeit von Russland holt: 25 der 28,75 Milliarden Dollar
vereinbarter Baukosten hat Rosatom über einen russischen Staatskredit
mitgebracht. Der hat lange Laufzeiten, ist oft zehn Jahre zinsfrei, aber
die staatliche russische Außenhandelsbank Vneshekonombank will Dollar
bekommen, nicht ägyptische Pfund: Das Währungsrisiko liegt bei den
ausländischen Kundinnen, in diesem Fall bei Ägypten.
Aber Rosatom bietet mehr: Die im türkischen Akkuyu im Bau befindlichen vier
Reaktorblöcke gehören gar nicht der Türkei. Rosatom baut sie auf eigene
Kosten, die Türkei verpflichtet sich nur zur Abnahme der 4800 Megawatt
Strom, von dem der erste von Oktober an fließen soll. In Ruppur in
Bangladesch hat Rosatom nicht nur den Großteil der 12 Milliarden Dollar
Baukosten mittels russischem Staatskredit mitgebracht, sondern auch gleich
russisches Personal.
Rosatom, das seinen Umsatz im vorigen Jahr auf fast 35 Milliarden Dollar
und seinen Auslandsanteil daran auf 17,2 Milliarden Dollar gesteigert hat,
geht auch anderweitig geschickt vor: Bei Projekten im Ausland werden
international anerkannte Firmen wie Siemens Energy, Framatome und
südkoreanische Unternehmen als Zulieferer einbezogen.
## Frankreich will keine Rosatom-Sanktionen
Rosatom ist zwar mit keinen westlichen Sanktionen belegt, da gerade
Frankreich in EU-Runden immer wieder auf die große Abhängigkeit von
angereichertem Uran aus Russland hinweist: „Die weltweite Nuklearindustrie
kann ohne Rosatom nicht arbeiten“, sagte Teva Meyer von der Universität
Mulhouse dem TV-Sender „arte“.
Doch Rosatom hat unter seinen gut 550 Tochterfirmen und 415.000
Mitarbeitenden neben der zivilen Nuklearsparte auch viele militärische
Produktionseinheiten. Neben Atomkraft werden auch Atomwaffen produziert:
„2007 wurde Rosatom von Putin so gestaltet, dass es militärische und zivile
Atomaktivitäten vereint“, sagt Sliwjak. Rosatom sei für ihn „ein Staat im
Staat“, denn Putin „wollte eine Organisation als Instrument für
geopolitischen Einfluss“.
Der nach der russischen Annexion der Krim nach Kyjiw geflohene
Ex-Rosatom-Manager Batozkij ruft zu Sanktionen gegen den Atomkonzern auf
wegen der Hilfe bei der Einnahme des ukrainischen AKWs Saporischja:
Mitarbeitende dort haben in ukrainischen Medien berichtet, wie sie
gekidnappt und gefoltert wurden. Die russischen Okkupanten wollten von den
AKW-Arbeitern wissen, wie die westlichen Technik-Veränderungen in den
sowjetischen Reaktoren funktionieren.
Finnland hat nach der russischen Vollinvasion 2022 in der Ukraine den Bau
eines weiteren russischen AKW abgesagt. Der künftige ungarische Premier
Péter Magyar plant ein Überprüfen der Rosatom-Pläne für das im Bau
befindliche AKW Paks-2. Doch in China, Indien, Bangladesch, der Türkei,
Ägypten und Usbekistan – wo erstmals ein russischer Kleinreaktor entstehen
soll – baut Rosatom.
Und Russland setzt inzwischen vor allem auf den Globalen Süden: Mit Michail
Tschudakow als Vizechef der Internationalen Atomenergiebehörde hat Russland
einen Mann, der qua Amt alle Atomprojekte weltweit mitbekommt. Mit Niger,
Burkina-Faso und Mali hat der Kreml kürzlich Absichtserklärungen für AKWs
unterzeichnet. Iran, Nicaragua, Bolivien und Tadschikistan haben Interesse
an Rosatom-Anlagen bekundet.
Wie so oft beim Lächeln verrät Putin auch beim Reden, dass er das Gegenteil
meint von dem, was er sagt: „Wir hängen unsere Partner nicht an einen
Haken, um etwas zu bauen und dann einen Markt zu schaffen, den wir dann
dauerhaft kontrollieren.“ Genau das ist das Geschäftsmodell von Rosatom.
24 Apr 2026
## AUTOREN
DIR Mathias Brüggmann
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