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       # taz.de -- Städteverständigung: Bier verbindet
       
       > Fürth und Nürnberg liegen schon immer im Streit. Dennoch teilen sich
       > beide Städte seit Jahren eine Brauerei.
       
   IMG Bild: Zwei Städte, eine Brauerei: in Nürnberg und Fürth ist das Undenkbare denkbar geworden
       
       Beim Bier und beim Fußball, da hört der Spaß auf. Schon immer und heute
       noch. Zumindest in Nürnberg und in Fürth, den mittelfränkischen Städten,
       die stolze Zeiten beim Bierbrauen und mit ihren Fußballvereinen erlebt
       haben. Legendär ist bis heute das Länderspiel vom 21. April 1924, als die
       deutsche Nationalmannschaft nur aus Fürther und Nürnberger Spielern
       bestand, die in getrennten Waggons an- und abreisten. Trotzdem siegten sie
       1:0 gegen die Niederlande. Gefeiert wurde mit Gerstensaft aus der jeweils
       eigenen Stadt – der aus der anderen war ja „Dünnbier“, Prädikat:
       ungenießbar.
       
       Diese Einschätzung hat sich über Jahrzehnte gehalten. Befeuert von ganz
       speziellen Feindschaften, die zwischen Nürnberg und Fürth nicht erst seit
       den Zünften im Mittelalter gepflegt wurden. Wie ein Schreckgespenst spukt
       die bereits beschlossene Fusion von 1922 in den Geschichtsbüchern herum,
       die aber durch einen Volksentscheid, den eine Fürther
       Unabhängigkeitsbewegung angezettelt hatte, verhindert wurde.
       
       Angesichts der historischen Drohkulisse kann man sich ausmalen, wie die
       Verantwortlichen bei der [1][Tucher Bräu AG] und in beiden Rathäusern zu
       zittern begannen, als Ende der 1990er Jahre die Tage der alten Braustätten
       in Nürnberg Nord und der Fürther Südstadt gezählt waren. Die bange Frage
       hieß: Wo kann Tucher Bier brauen, das in beiden Städten akzeptiert wird?
       
       Die Suche nach einer passenden Antwort führte zum Südufer des
       [2][Europakanals], wo Tucher ein großes Grenzgrundstück erwarb, das ab 1999
       schrittweise bebaut wurde. Das Herzstück ist das Sudhaus, das auch die
       Radeberger Gruppe, zu der Tucher seit 2005 gehört, überzeugt hat. Im Herbst
       2008 ging es in Betrieb, 23 Millionen Euro hat es gekostet.
       
       Architektonisch sticht der Glasbetonkubus nicht hervor. Das tut mehr der
       Lagerturm, auf dem in riesigen Buchstaben das bayerische Reinheitsgebot von
       1516 verewigt ist, wonach allein Gerste, Hopfen und Wasser für Bier
       verwendet werden darf.
       
       ## Lokalpolitical korrekt
       
       Herausragend ist dafür das Konzept des Zwei-Städte-Brauhauses: Vier
       silberne Edelstahlbehälter stehen sich im Viereck gegenüber, und
       mittendurch verläuft die Nürnberger-Fürther Stadtgrenze. Markiert wird sie
       von drei goldenen Pfeilern, umrahmt von den zwei Stadtwappen und zwei
       Wahrzeichen, der prächtigen [3][Nürnberger Kaiserburg] und dem schmucken
       [4][Fürther Rathaus] mit dem florentinischen Campanile.
       
       Der Clou: Die malzig-hopfig gewürzte Biersuppe, die in den runden Bottichen
       entsteht, wechselt in sechseinhalb Stunden viermal das Stadtgebiet – ein
       weltweites Unikum! Das Einmaischen erfolgt in Nürnberg, das Filtern im
       Läuterbottich läuft in Fürth, die Würzpfanne köchelt in Nürnberg und der
       Feststoffwhirlpool dreht sich in Fürth. Alles läuft beim Brauen der 14
       Biersorten vom Hellen über Pils und Kristallweizen bis zum Doppelbock
       lokalpolitical korrekt ab.
       
       Auch sonst achtet die Privatbrauerei, deren Geschichte 1672 begann, genau
       darauf, dass keine Stadt benachteiligt wird. Die Postadresse ist in Fürth,
       dafür laufen Gärung, Abfüllung, Lagerung und Abtransport von Fässern und
       Kästen auf Nürnberger Stadtgebiet. Im Gegenzug kommt das Brauwasser über
       die ehemaligen „Humbser-Pipeline“ aus dem Fürther Rednitzgrund – und in der
       Ausstellungsgalerie sind Flaschen, Krüge, Gläser und Bierfilze auf
       Bierlegenden beider Städten zu sehen, ebenso wie im „Schalander“-Gasthaus
       der Braustätte.
       
       Dank der alten Sudbücher mit den Originalrezepten werden Biersorten genau
       lokalisiert. Als Glücksgriff für das Vertrauen der Stadt Fürth in die
       Nürnberger Tucher Bräu entpuppte sich zudem das Comeback des Fürther
       Grüner-Biers, das nach 34 Jahren Pause ab Herbst 2011 einem Siegeszug
       glich. Zeitgleich zum ersten Aufstieg der [5][SpVgg Greuther Fürth] in die
       Bundesliga.
       
       ## Nachhaltiges Vorzeigestück
       
       Das Zwei-Städte-Brauhaus ist zu einem Vorzeigestück geworden, das bei
       Brauereimessen auch wegen seiner Nachhaltigkeit auf Interesse stößt, ohne
       dass es allerdings bisher Nachahmer an einer anderen Stadtgrenze gab.
       
       Bei rund 2.000 Gruppenführungen wurde der Betriebsablauf vorgestellt und
       auf Kapriolen des mittelfränkischen Brauwesens hingewiesen. Dazu gehören
       ungeliebte Übernahmen, wie die von Quelle-Chef Gustav Schickedanz mit der
       Marke „Patrizier“ ebenso wie die Münchner Inselkammer-Gruppe, deren
       Hauptinteresse den Tucher-Immobilien galt. Kein Wunder, dass in so manchen
       Nürnberger Gasthäusern Augustiner statt Tucher Urbräu gezapft wird.
       
       Der Standardgerstensaft im Fürther Sportpark Ronhof ist übrigens das Helle
       von Grüner, an ausgewählten Kiosken gibt es zudem ein Weizen (von Tucher).
       Hier hört bei vielen Fußballfans aber der Spaß auf. Deshalb griffen auch
       Nürnberger jüngst beim 276. Frankenderby, das 1:1 endete, zum Fürther Bier.
       Ausnahmsweise.
       
       11 May 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.tucher.de/
   DIR [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Europakanal_(Regensburg)
   DIR [3] https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Burg
   DIR [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_(F%C3%BCrth)
   DIR [5] https://www.sgf1903.de/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jo Seuß
       
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