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       # taz.de -- Trauerbewältigung: Das Nichts fühlen
       
       > Wie soll es weitergehen, wenn plötzlich Verwandte und Freunde in kurzen
       > Abständen sterben? Wie soll man umgehen mit der Trauer und der Leere?
       
   IMG Bild: Von Tod, entmilitarisierten Männern, und rauschenden Bäumen
       
       Die Bäume rauschen, die Sonne scheint. Auf den Parkplatz, die Autos, das
       Supermarkt-Schild. Ich denke: schön. Und dann: Hör auf, es schön zu finden.
       
       Zu viele Menschen, die mir nahe standen, sind gestorben. Zuerst mein
       Stiefvater. Dann mein [1][Vater], kurz darauf mein Opa. Vor einem Monat ein
       alter Freund aus meiner Heimat und ein weiterer aus meiner alten Band. Vor
       einer Woche mein Onkel.
       
       Sie alle starben an ihren eigenen Kriegen. Sie fanden nie ihren Frieden. Es
       mag eine Kette von Zufällen sein, doch es fühlt sich nicht so an. Die sechs
       Toten haben alle etwas gemeinsam. Sie waren Männer.
       
       Aufgewachsen in einem Land, in dem Gefühle irgendwann gefährlich wurden.
       Männer, die ihr Inneres entmilitarisiert haben. Übrig blieb Schweigen.
       
       ## Das Nichts fühlen
       
       Ich könnte jetzt weiter schwadronieren. Sagen: [2][toxische Männlichkeit].
       Dass du nicht selbst toxisch sein musst, um davon regiert zu werden. Es
       schwebt stets herum wie ein Gas auf der Suche, irgendwo fest zu werden.
       Vorzugsweise in Körpern, die dann keine Schwäche zeigen und sich nicht
       helfen lassen können.
       
       Doch das will ich nicht sagen. Große Begriffe verleiten nur dazu, das
       Denken zu beenden und das Leise zu übertönen.
       
       Die Sonne scheint immer noch. Irgendwo da draußen ist immer ein Krieg.
       
       Ich habe das Gefühl, ich kann nichts fühlen. Ich kann das Nichts fühlen.
       Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und starre ins Leere. Doch es
       gibt keine Leere. Die Leere ist voll. Voll mit Stimmen, die schon zu meinen
       Toten sprachen. „Stell dich nicht so an“, sagt eine besonders schlaue.
       
       ## Wer steht mir nah?
       
       Täglich führe ich Ringkämpfe mit Traurigkeit. Von außen sichtbar ist dann
       nur eine Hülle in zu großen Sneakern, die auf dem Bürgersteig stehen bleibt
       und mit Toten spricht:
       
       „Ihr Lieben, ich vermisse euch. Aber nicht die Welt, die euch gemacht hat.“
       
       Heute setzt sich die Hülle nach einigen Minuten in Bewegung. Zur
       Ausstellung von Mark Leckey in der Julia Stoschek Collection in Berlin. Die
       großen Augen der tanzenden Raver:innen in der Videoinstallation sind
       näher an der Wirklichkeit als meine [3][Trauer]. Sie wirken vertraut.
       Vielleicht, weil ich mehr Zeit anonym in Clubs verbracht habe als mit
       jenen, die in den letzten Monaten starben.
       
       Die Autorin Clarice Lispector schreibt in „Todas as crónicas “, sie brauche
       keinen Schmerz, um zu beweisen, dass sie lebe – es genüge ihr, dass ihr
       Herz in der Brust schlage wie ein blindes Tier, das gegen eine Wand rennt.
       
       ## Sie würden schweigen
       
       Wie verwöhnt musst du sein, um diesen Satz nicht zu zerschlagen und die
       Trümmer auf Bluesky zu posten? Was würde mein Vater dazu sagen, zu so viel
       Zärtlichkeit, und mein Stiefvater und mein Opa und mein Onkel und meine
       Freunde?
       
       Ich ahne es. Sie würden gar nichts sagen. Sie würden schweigen. Sie würden
       es in ihrer Brust einschließen. Dort würde es weiterarbeiten wie der Pilz
       aus „[4][The Last of Us]“, der das Nervensystem übernimmt. Ein Parasit, der
       sie von innen auffrisst.
       
       Trauer macht bescheuert. Trauer macht pathetisch, lächerlich, hart und
       bitter. Und wenn ich nicht aufpasse, dann bleibt sie.
       
       Abends sitze ich im Musikstudio und versuche, die Trauer in Bewegung zu
       halten. Ich spiele einen Bass ein, als würde ich versuchen, den Takt des
       Herzens von Lispector künstlich nachzubauen. Falls meins mal unerwartet
       aussetzt. Wie das der anderen.
       
       Irgendwo da draußen ist immer ein Krieg. Manchmal reicht es, das zu spüren.
       Und sich ganz langsam zu entwaffnen.
       
       26 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Philipp Rhensius
       
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