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       # taz.de -- Sowjetische Ehrenmale in Berlin: Zu viel der Ehre
       
       > Kann man Stalin-Zitate kontextualisieren oder müssen sie weg? Die Kritik
       > an den sowjetischen Ehrenmalen bekommt mit zwei Anträgen neuen Schwung.
       
   IMG Bild: Die sowjetischen Ehrendenkmale in Berlin müssen kontextualisiert werden
       
       Berlin diskutiert über den Umgang mit seinen sowjetischen Ehrenmalen. SPD
       und Grüne fordern mit unterschiedlichen Anträgen im Abgeordnetenhaus
       Änderungen. Der Grüne Andreas Otto will verhindern, dass Putin das Bild des
       siegreichen sowjetischen Soldaten für die russische Propaganda
       monopolisiert und fordert den Senat auf, mit den anderen 14
       Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den Dialog über die Zukunft dieser
       Denkmäler zu treten. Der SPD-Mann Alexander Freier-Winterwerb möchte das
       Denkmal am [1][Treptower Park] umgestalten nach dem Motto: Stalin
       kontextualisieren, die toten Soldaten in den Vordergrund stellen.
       
       Über beide Anträge ist noch nicht entschieden. Der SPD-Antrag liegt beim
       Koalitionspartner CDU, doch die hat sich ihrem Sprecher Olaf Wedekind
       zufolge noch keine Meinung bilden können. Der Grünen-Antrag wird derzeit in
       den Ausschüssen beraten, wo die Linke ihm zustimmte, die anderen Parteien
       sich der Stimme enthielten.
       
       Berlin hat [2][drei sowjetische Ehrenmale]. Ende 1945 wurde das Ehrenmal im
       Tiergarten errichtet. Hier sind diejenigen sowjetischen Soldaten begraben,
       die beim Sturm auf den Reichstag ums Leben kamen. 1949 entstanden die
       Mahnmale in Schönholz und am Treptower Park mit ganz unterschiedlichen
       Funktionen. Schönholz sollte aus der Sicht der sowjetischen Besatzungsmacht
       ein riesiger Soldatenfriedhof werden, erklärt Historiker Jörg Morré vom
       [3][Museum Karlshorst] der taz. Vor allem die Toten, die auf Friedhöfen in
       den drei westlich besetzten Zonen Berlins ruhten, holte man hierher. Anders
       der Treptower Park, so Morré: Hier entstand ein Mahnmal des Sieges. Dass an
       den Rand der Gedenkstätte auch Tote umgebettet wurden, war ursprünglich
       nicht geplant, hätte sich erst in späteren Jahren ergeben.
       
       Die Frage, was die drei sowjetischen Ehrenmale eigentlich sind, stellt sich
       immer wieder neu. Dokumente des Sieges der Sowjetunion über den deutschen
       Faschismus? Orte der Vereinnahmung durch ein aggressives russisches
       Putin-Imperium? 2022 hatte es Forderungen aus der CDU-Fraktion gegeben, die
       Panzer am Tiergarten zu entfernen. 2023 forderte die Pankower
       Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch von den Grünen, ein Stalin-Zitat in
       Schönholz zu kontextualisieren.
       
       ## Heldenerzählung und Siegerkult
       
       Dort steht: „Die Stärke der Roten Armee besteht darin, dass sie keinen
       Rassenhass gegen andere Völker, auch nicht gegen das deutsche Volk, hegt
       und hegen kann, dass sie im Geiste der Gleichberechtigung aller Völker und
       Rassen, im Geiste der Achtung der Rechte anderer Völker erzogen ist.“
       Angesichts des Vorgehens der Roten Armee 1956 in Ungarn und 1968 in der
       Tschechoslowakei sei dies Hohn, meinte die Bürgermeisterin.
       
       Doch geschehen ist nichts. Dies ist in diesem Land, von dem der Zweite
       Weltkrieg ausging, auch besonders schwierig. Ganz anders im Baltikum, in
       Polen und der Ukraine. Dort gab es in den letzten Jahren einen regelrechten
       [4][Bildersturm auf sowjetische Denkmäler], hauptsächlich auf solche mit
       Bezug zum Zweiten Weltkrieg. Sowjetische Panzer wurden abgebaut, seit Putin
       das Bild der sowjetischen Soldaten für seine imperiale Ideologie
       mobilisiert. Die lettische Botschaft in Berlin kritisierte dann auch 2020
       auf ihrer Facebookseite, dass Stalin-Zitate an den Berliner Ehrenmalen
       „ohne Aufklärung im Berliner Stadtbild zu sehen sind“, insbesondere weil
       der Befreiungsmythos „erneut als Grundlage für Grenzverschiebungen in
       Europa benutzt wird“.
       
       Die [5][Menschenrechtsorganisation Memorial] kritisiert, dass das Mahnmal
       am Treptower Park für die Heldenerzählungen im sowjetischen Siegeskult
       stehe und die Leistungen der anderen Sowjetrepubliken neben Russland an der
       Befreiung Deutschlands weitgehend und die der Alliierten vollständig
       ausgeblendet werden.
       
       [6][Mehr Totengedenken, weniger Stalin], fordert SPD-Mann Alexander
       Freier-Winterwerb für den Treptower Park. „In den Sommermonaten sonnen und
       picknicken viele Menschen auf den Gräberfeldern. Wenn das Ordnungsamt sie
       wegschickt, sind sie oft peinlich berührt, denn viele wissen nicht, dass
       unter ihnen Tote liegen. Hier gehört eine Hinweistafel hin, idealerweise
       mit einer Personalisierung einzelner Toter.“ Die acht in goldener Schrift
       eingravierten Stalin-Zitate will er nicht entfernen, sagt er der taz, aber
       kontextualisieren. Und in einem ungenutzten Raum am Mahnmal würde er gern
       ein Buch mit Namenslisten jener Begrabenen auslegen, deren Namen bekannt
       sind.
       
       ## Andere Perspektiven fehlen
       
       Vor allem stört Freier-Winterwerb aber, dass die Interpretation des Zweiten
       Weltkrieges der damaligen sowjetischen Geschichtsschreibung folgt: Er
       dauerte von 1941, als die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschierte, bis
       1945. Der [7][Überfall Hitlers auf Polen], Frankreich, Dänemark und viele
       weitere Staaten kommt da nicht vor, aber auch nicht der Überfall der
       Sowjetunion auf Ostpolen, das Baltikum und Finnland 1939/40. Der Historiker
       Jörg Morré hält dagegen: „Aus der Logik des Siegesdenkmals, als das das
       Treptower Ehrenmal konzipiert wurde, sind die Jahreszahlen 1941 bis 1945
       schon korrekt.“
       
       Aber was ist, sollten die Forderungen von SPD und Grünen eine Mehrheit
       finden? Ist es rechtlich überhaupt möglich, Änderungen an den Ehrenmalen
       vorzunehmen, ohne dass Russland dem zustimmt? Morré sagt, es sei ein
       Mythos, dass diese Ehrenmale quasi-russisches Territorium seien. „Rechtlich
       sind das Friedhöfe. Für die sind die Kommunen zuständig, im Stadtstaat
       Berlin der Senat.“ Das bestätigt eine Sprecherin des Bundesbeauftragten für
       Kultur und Medien: Die Zuständigkeit liege beim Land Berlin.
       
       Länder und Kommunen seien aber an Gesetze gebunden, nämlich an das
       Kriegsgräbergesetz und den Denkmalschutz, so Morré und die Sprecherin des
       Bundesbeauftragten. 1991 haben sich zudem Deutschland und die Sowjetunion
       vertraglich verpflichtet, Gräber von Soldaten und Kriegsgefangenen im
       jeweils anderen Staat zu pflegen.
       
       In der Praxis, so ist zu hören, sei es in den letzten Jahren vor allem der
       russische Staat gewesen, der die Einhaltung dieser deutschen Gesetze immer
       wieder eingefordert habe. Die anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion
       haben sich mit Ausnahme des ehemaligen ukrainischen Botschafters Andrij
       Melnyk eher selten geäußert. Ihre Stimmen in den Diskussionsprozess
       einzubeziehen, wie es die Grünen fordern, hält Morré darum für geboten.
       [8][Aber auch postsowjetische Menschen, die in Deutschland leben, führen
       hier Debatten].
       
       Und die fallen bei den Menschen, die an den Ehrenmalen am 9. Mai den
       Siegeskult zelebrieren, zumeist Russen, ganz anders aus als bei Mitgliedern
       von Memorial, bei Vertretern der russischen Opposition, die jedes Jahr zu
       diesem Tag über sowjetische und russische Verbrechen informieren – oder bei
       ukrainischen Geflüchteten, die an den Ehrenmalen keinen Ort finden, an dem
       sie um ihre im Zweiten Weltkrieg gestorbenen Angehören trauern können.
       
       Oleksandra Bienert von der Allianz ukrainischer Organisationen sagt,
       ukrainische Perspektiven werden an den instrumentalisierten Denkmälern
       „weitgehend unsichtbar gemacht“. Ihre beiden Großväter hätten wie Millionen
       weitere Ukrainer ihren Beitrag zur Befreiung vom Faschismus geleistet.
       Bienert fordert die Entfernung der Stalin-Zitate und anderer „ideologisch
       geprägter Elemente“. Doch Stalin ganz zu entfernen, dürfte mit „derzeitiger
       Auslegungspraxis des Denkmalschutzes“ kaum zu vereinbaren sein, sagt
       Historiker Morré. „Aber eine kreative Auslegung des Denkmalschutzes oder
       mindestens eine augenfällige Kontextualisierung wäre im Falle der
       Stalin-Zitate unbedingt erforderlich.“
       
       7 May 2026
       
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