# taz.de -- Rechte Gewalt in Sachsen-Anhalt: Angriffe mit neuer Qualität
> Schläge, Tritte, Messerstiche: 229 Fälle rechter Gewalt registrierte die
> Mobile Beratung Sachsen-Anhalt. Vieles taucht nicht in der Statistik 2025
> auf.
IMG Bild: Kein Schutzschirm: Rechte greifen queere Menschen oft in der Öffentlichkeit an. Foto vom CSD in Wittenberg, Juni 2025
Bereits am ersten Tag des Jahres registrierte die Mobile Beratung für
Betroffene rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt zwei Angriffe. In Halle (Saale)
griffen fünf Personen am 1. Januar 2025 einen 15-Jährigen an, beschimpften
ihn als „Zecke“, würgten und schlugen ihn. In Magdeburg brachten sechs
Personen einen 31-Jährigen zu Boden, traten auf ihn ein und beleidigten ihn
rassistisch. Mit Prellungen und Gehirnerschütterung landete er im
Krankenhaus.
Beide [1][Fälle stehen exemplarisch für eine Entwicklung], die sich in der
Jahresstatistik 2025 der Mobilen Opferberatung Sachsen-Anhalt zeigt: Rechte
Gewalt richtet sich häufig gegen Minderjährige und zunehmend gegen
vermeintliche politische Gegner:innen. Rassismus bleibt dabei das häufigste
Motiv.
Die Beratungsstelle stellte die Zahlen für 2025 am Montag in Magdeburg vor.
Demnach gab es im vergangenen Jahr 229 rechte, rassistische, antisemitische
und queerfeindliche Angriffe. 130 davon waren rassistisch motiviert, unter
den Betroffenen 68 Kinder und Jugendliche.
Verglichen mit den beiden Vorjahren ist das ein Rückgang. Doch die Qualität
der Taten habe sich verändert. Darin zeige sich eine „Strategie der
Einschüchterung und Raumnahme“, erklärte Antje Arndt, Leiterin des
Beratungsprojekts. Zudem sagte sie, die Statistik sei nur ein „Ausschnitt
der Realität in Sachsen-Anhalt“ und nicht vollständig, da die Beratung nur
bekannte Fälle erfassen könne.
## Dunkelziffer rechter Gewalt
Neben Arndt saß am Montagvormittag Saaeid Saaeid, Sprecher des
Flüchtlingsrats in Sachsen-Anhalt. Er betonte, dass es bei den Zahlen der
Rassismusbetroffenen um Menschen gehe, „die hier leben, arbeiten, Kinder
großziehen“. Ihnen werde ihre Herkunft und Zugehörigkeit abgesprochen.
Besonders nach dem [2][Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg]
hätten viele diese Erfahrung gemacht.
Saaeid forderte „wirksamen Schutz für Betroffene“. Selbst wenn sie
Übergriffe bei der Polizei angezeigt hätten, seien viele Verfahren
eingestellt worden. Dadurch „entstehen Wut und Enttäuschung“, erklärte er.
Ebenfalls bei der Präsentation in Magdeburg war Daria Kinga Majewski,
Sprecherin des queerpolitischen Runden Tischs in Sachsen-Anhalt (LSQpRT).
Sie wies darauf hin, dass Angriffe auf queere Menschen oft im öffentlichen
Raum, etwa bei CSD-Veranstaltungen, stattfinden. Das zeige ein starkes
Bestreben, „queere Sichtbarkeit und queeres Leben zu zerstören“.
Auch Majewski betonte, die Zahlen seien besorgniserregend, aber
unvollständig. Körperliche, verbale, emotionale und strukturelle Gewalt
präge das Leben queerer Menschen in Sachsen-Anhalt. „Trotzdem wird kaum
eine Gewalterfahrung zur Anzeige gebracht.“ Es bestehe die Sorge, nicht
ernst genommen zu werden oder erneut diskriminierendes Verhalten zu
erleben. Majewski vermute deshalb eine hohe Dunkelziffer.
Doch selbst Fälle, die bereits vor Gericht sind, landen nicht immer in der
Statistik. Über ein Beispiel berichtete zuletzt die taz: In Magdeburg soll
ein Mann im September 2024 mit einem Messer [3][auf einen damals
80-Jährigen] eingestochen haben. Bei der Gassirunde mit dem Hund habe der
Rentner beobachtet, wie der 56-jährige Tatverdächtige Sticker verklebte.
Darauf: ein Motiv der Neonazi-Partei III. Weg.
Dass es sich um rechtsextreme Sticker handle, habe der Rentner zwar nicht
gesehen, sich aber über die Klebefolienreste beschwert. Da sei der Mann
direkt auf ihn losgegangen, habe den Hund getreten, sein Messer gezückt und
es dem Rentner in den Oberkörper gerammt.
Mittlerweile verhandelt das Magdeburger Landgericht über den Fall. Die
Sticker sind nicht das erste Mal, dass der Angeklagte mit rechtsextremer
Gesinnung auffällt. Doch in der Chronik der Mobilen Beratung taucht der
Angriff auf den 80-Jährigen bislang nicht auf.
Während der Pressekonferenz am Montag in Magdeburg erklärt Antje Arndt, das
liege an den strengen Kriterien der Mobilen Beratung. „Wir nehmen nur Fälle
auf, bei denen wir ausreichende Informationen haben, dass wir sie als
politisch rechts motiviert einordnen können.“ Bislang sei der Messerangriff
als „Verdachtsfall“ geführt. Sollte sich der Verdacht bestätigen, werde er
als Nachmeldung noch in die Statistik aufgenommen.
## Gewalt vor der Landtagswahl
Mit Blick auf die Landtagswahl am 6. September warnte Arndt davor, dass
eine weitere Verbreitung extrem rechter Positionen „die Hemmschwelle zur
Anwendung von Gewalt“ senke. Das zeige auch die Erfahrung aus anderen
Bundesländern. In Sachsen und [4][Thüringen stieg etwa die Zahl rechter
Gewalt] zu den Landtagswahlen.
Doch ob in den kommenden Jahren rechte Gewalt überhaupt noch statistisch
erfasst wird, ist ungewiss. Die Mobile Beratung Sachsen-Anhalt ist abhängig
von Fördergeldern aus dem Förderprogramm „Demokratie leben“ und vom Land
Sachsen-Anhalt. Aktuell plant das Bundesfamilienministerium bei „Demokratie
leben“ zu kürzen. Ohne das Fördergeld „gibt es die Mobile Opferberatung
nächstes Jahr nicht mehr“, stellte Arndt am Montag klar.
27 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.mobile-opferberatung.de/monitoring/chronik-2025/
DIR [2] /Gedenken-an-den-Anschlag-in-Magdeburg/!6140417
DIR [3] /Rechte-Gewalt/!6170328
DIR [4] /Rechtsextremismus-in-Deutschland/!6080484
## AUTOREN
DIR David Muschenich
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