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       # taz.de -- Wohlstandsverteilung in Deutschland: Bis alles brennt
       
       > 81 Prozent finden die Wohlstandsverteilung ungerecht. Die Politik sollte
       > froh sein, dass die Menschen politische Mittel fordern – und nicht
       > einfach alles anzünden.
       
   IMG Bild: Zumindest in den USA sehen immer mehr Menschen „alles anzünden“ als Lösung
       
       Vor ein paar Tagen saß ich mit drei Freundinnen beim Kartenspielen in einer
       Bar, als eine von ihnen uns ihre besten Diebstahltricks verriet. Einer
       ihrer Tipps war zum Beispiel: immer auch etwas bezahlen und das Diebesgut
       einfach sichtbar in der Hand halten. Das ist weniger verdächtig.
       
       Sicherlich geht es meiner Freundin auch um den Adrenalinkick beim Klauen,
       doch es ist auch eine Reaktion auf die Verschlimmerung der Zustände, in
       denen wir leben. Denn sie klaut nicht beim unabhängigen Klamottenladen oder
       dem Restaurant von nebenan, sondern bei großen Unternehmen. Es ist also
       auch ein Versuch, ein kleines bisschen Gerechtigkeit herzustellen.
       
       Das Leben in Deutschland wird immer teurer, doch die Verteuerung trifft
       nicht alle gleich. Während viele Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihre
       Miete oder ihre Lebensmittel bezahlen sollen, wächst die Zahl der
       Superreichen in diesem Land. [1][3.900 Menschen besitzen heute ein Drittel
       des gesamten Finanzvermögens], das aus Familienunternehmen, Einzelhandel
       oder Industrie stammt.
       
       Was also sollte daran verwerflich sein, wenn ich bei einem Discounter eine
       Bio-Avocado für zwei Euro mitgehen lasse, wenn der Besitzer des Discounters
       Milliarden auf dem Konto liegen hat und seinen Angestellten einen Lohn
       zahlt, der oft nicht zum Leben reicht?
       
       ## Empfinden und Wahlwirklichkeit
       
       Dass mit der Verteilung des Wohlstands in diesem Land etwas falsch läuft,
       ist mittlerweile Mehrheitsmeinung in Deutschland. Laut einer
       [2][repräsentativen Umfrage von infratest dimap, die von der ARD beauftragt
       wurde] und für die 2.000 Menschen aus verschiedenen Alters- und
       Einkommengruppen befragt wurden, finden 81 Prozent der Deutschen es
       ungerecht, wie der Wohlstand verteilt ist. Nur 15 Prozent empfinden den
       Status Quo als gerecht.
       
       Komisch ist, dass sich dieses Gefühl der Ungerechtigkeit nicht in den
       Wahlergebnissen der Bundes- und Landtagswahlen widerspiegelt. Doch es zeigt
       zumindest, dass die Mehrheit etwas an den Zuständen ändern möchte. 64
       Prozent fänden es demnach gut, wenn die Vermögenssteuer zurückkehrt, 61
       Prozent, wenn die Steuer auf hohe Erbschaften angehoben würde.
       
       Es sind einfache Hebel, mit denen man der ständigen Verschärfung der Schere
       zwischen Arm und Reich entgegenwirken kann. Doch die Regierung plant
       stattdessen weitere Sozialreformen, die zu noch weiteren Verschärfungen
       führen werden. Dabei sollte die Politik froh sein, dass die Bevölkerung
       überhaupt noch an politische Instrumente zur Herstellung von Gerechtigkeit
       glaubt. Das kann schnell kippen. Gerade in den USA wird sichtbar, was
       passiert, wenn einige wenige einen Rachefeldzug starten, statt auf
       politische Veränderungen zu hoffen.
       
       Anderthalb Jahre ist es her, dass Luigi Mangione auf offener Straße Brian
       Thompson, einen Multimillionär und CEO einer Krankenversicherung, getötet
       haben soll. Seitdem wird Mangione von vielen [3][als Nationalheld, als eine
       Art Robin Hood gefeiert]. Er wird dafür gefeiert, dass er bereit ist, zu
       morden, um all diejenigen zu rächen, denen von der Versicherung
       medizinische Hilfe verweigert wurde. Bislang wartet er noch darauf, dass
       sein Gerichtsprozess beginnt, doch Nachahmer gibt es bis heute.
       
       ## Mangione als Vorbild
       
       Vor wenigen Wochen wurde in Kalifornien ein 29-Jähriger angeklagt, weil er
       ein Papierlager der Kimberly-Clark Coop angezündet hat. In einem Video soll
       der Mann sich gefilmt haben, wie er mehrere Feuer legte. Dabei ist seine
       Stimme zu hören, die sagt: „Alles, was ihr hättet tun müssen, wäre uns so
       zu bezahlen, dass wir davon leben können.“
       
       Gegenüber einem Kollegen soll er sich mit Luigi Mangione verglichen haben.
       Ein anderer Mann hat kurz darauf einen Molotow-Cocktail auf das Haus von
       OpenAI-CEO Sam Altman geworfen, er nannte es „Luigi’ing some CEOs“.
       
       Die Motive hinter den Gewalttaten können sicherlich viele nachvollziehen.
       Doch es ist eine gruselige Vorstellung, dass wir in einer Gesellschaft
       leben, in der einige bereit sind zu töten, um sich gegen Ungerechtigkeiten
       zu wehren.
       
       Weniger gruselig und hoffnungsvoller wäre dagegen ein kollektiver Aufstand,
       eine Revolution gegen die ungerechte Wohlstandsverteilung in diesem Land.
       Denn bislang gilt: Wer von den Armen stiehlt, wird reich. Wer von den
       Reichen stiehlt, kommt ins Gefängnis. Wenn vier von fünf Menschen das
       falsch finden, sollte es doch Mittel und Wege geben, daran etwas zu ändern.
       Vielleicht haben unsere Freundinnen ja ein paar Tipps.
       
       27 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.bcg.com/press/24june2025-globales-vermogen-steigt-um-vier-prozent-auf-512-billionen-us-dollar
   DIR [2] https://www.tagesschau.de/inland/deine-meinung-zaehlt-wohlstand-100.html
   DIR [3] /Prozess-gegen-Luigi-Mangione/!6134904
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Carolina Schwarz
       
       ## TAGS
       
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