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       # taz.de -- Roman von Yavuz Ekinci: Die Gewalt in Frage stellen
       
       > Der kurdisch-türkische Schriftsteller Yavuz Ekinci widmet sich in seinem
       > neuen Roman dem Leid, das der Krieg zwischen PKK und türkischer Armee
       > verursacht.
       
   IMG Bild: Bergpanorama in der Provinz Batman
       
       Nicht immer ist es von Vorteil, in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal,
       wenn man nichts anderes will, als zu schreiben. Keine Flugblätter, keine
       Manifeste, sondern Romane und Erzählungen. Denn der Verfolgungswahn von
       Diktatoren oder solchen, die es noch werden wollen, stürzt sich irgendwann
       auch auf die Literatur. Die Energie, mit der Staatsanwälte dann noch den
       hintersinnigsten Hintersinn in einem literarischen Text erkennen wollen,
       scheint unerschöpflich. Manche lesen die Bücher aber auch gar nicht mehr.
       Ihnen reicht, wenn jemand etwas behauptet, was irgendwie eine Anklage
       rechtfertigt.
       
       Die Verfolgung des 1979 in Batman geborenen türkisch-kurdischen
       Schriftstellers Yavuz Ekinci [1][durch die Erdoğan-Justiz] ist so ein Fall.
       2018 erschien sein Roman „Die Tränen des Propheten“ mit der Geschichte von
       Mehdi, der glaubt, ihm sei der Erzengel Gabriel erschienen. Seitdem hält er
       sich für einen Propheten und zieht erfolglos vor Klimawandel und Kriegen
       warnend durch die sozialen Medien und die Straßen seiner Stadt.
       
       Eine Geschichte, die die Macher der rechten islamistischen Tageszeitung
       Yeni Akit veranlasste, Ekinci Blasphemie vorzuwerfen. Was wiederum die
       türkische Staatsanwaltschaft auf ihn aufmerksam machte, die ihn 2022 wegen
       acht Tweets, die Ekinci zwischen 2012 und 2014 auf Twitter veröffentlicht
       hatte, anklagte. Belanglose Äußerungen und Wünsche zum kurdischen
       Neujahrsfest, die aber dem Richter für einen Prozess ausreichten, bei dem
       Ekinci zu anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Ein Urteil, das
       bis heute nicht rechtskräftig ist.
       
       Dann, im März 2023, wurde Ekincis gerade auf Deutsch erschienener [2][Roman
       „Die, deren Träume zerbrochen sind“ in der Türkei wegen angeblicher
       Terrorpropaganda verboten und beschlagnahmt]. Absurderweise war das Buch
       bereits seit neun Jahren im Handel und offiziell 2014 auf der Frankfurter
       Buchmesse am Stand des türkischen Kulturministeriums vorgestellt worden.
       Weil Ekinci wegen der Anklage sieben Jahre Haft drohten, floh er
       vorübergehend nach Deutschland. Am 10. November 2025 wurde das Verfahren
       wegen Verjährung eingestellt.
       
       ## Ausdruck des Leids
       
       Da bisher vor allem Politiker und Journalisten Ziel der Justiz Erdoğans
       waren, scheint es im Fall von Ekinci um die Statuierung eines Exempels zu
       gehen. Wie in „Die Tränen des Propheten“ ruft Ekinci auch in „Die, deren
       Träume zerbrochen sind“ in keiner Weise zu Gewalt auf. Im Gegenteil, der
       Roman stellt die Gewalt infrage und ist vor allem Ausdruck des Leids [3][im
       jahrzehntelangen Krieg zwischen PKK und türkischer Armee].
       
       Das beginnt mit der Schilderung der Verlorenheit, in der Ismail seit
       achtzehn Jahren im Exil in Deutschland lebt. Nie ist sein Held und
       Ich-Erzähler hier richtig angekommen, nie hat er Batman, die Stadt, in der
       er geboren wurde und als Lehrer gearbeitet hat, vergessen können. Aber sein
       Mut hat nicht ausgereicht, um sich der Guerilla anzuschließen. Nach dem
       Untertauchen von Yusuf trieb ihn dann die Angst vor Verhaftung und
       Gefängnis in die Fremde. Zuvor hatte ihn sein Vater verstoßen, der den
       bewaffneten Befreiungskampf ablehnt und überzeugt ist, das Ismail seinen
       Lieblingssohn überredet hat, in die Berge zu gehen.
       
       Yavuz Ekinci lässt sich in „Die, deren Träume zerbrochen sind“ wie schon in
       „Die Tränen des Propheten“ von Motiven aus dem Koran inspirieren. Der
       Geschichte von Yusuf, dem Josef aus dem Alten Testament, ist im Koran eine
       ganze Sure gewidmet. Gleichzeitig ist Ismail eine Anspielung auf den Sohn
       Abrahams, der als Prophet zu einem der Stammväter des Islam wurde.
       
       In Ekincis Roman kehrt Ismail nach achtzehn Jahren im deutschen Exil nach
       Batman zurück. Sein Vater ist inzwischen alt und krank, und er will noch
       vor seinem Tod seine Zuneigung wiedergewinnen. Dafür macht er sich auf die
       Suche nach Yusuf, um dem Vater das sehnlichst gewünschte Lebenszeichen
       seines Sohnes überbringen zu können. Denn seit er in den Bergen ist, hat
       die Familie kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten.
       
       ## Zu viel Empathie?
       
       Über Freunde und Kontaktmänner versucht Ismail seinen Bruder hinter der
       irakischen Grenze aufzuspüren. Auf seinem Roadtrip mit Mini-Bussen und
       Pick-ups durch die Berge der Autonomen Region Kurdistan erfährt Ekincis
       Antiheld das ganze Elend des Kampfes zwischen PKK und türkischer Armee. Er
       beschreibt das Misstrauen der Menschen, die immer auf der Hut sind, damit
       der Feind nicht die Positionen von Guerillastellungen erfährt.
       
       In einer Nacht sucht Ismail ein Albtraum heim, in dem er gefoltert wird,
       weil man ihn für einen türkischen Spitzel hält. Und ein Mitreisender
       schimpft auf die kurdische Polizei, die an jeder Ecke den Bus gründlicher
       durchsuche als die türkische Armee auf der anderen Seite der Grenze. Auch
       der kurdische Nationalismus kommt Ismail inzwischen fremd vor.
       
       Wie Mehdi in „Die Tränen des Propheten“ hat Ismail in „Die, deren Träume
       zerbrochen sind“ das Gefühl, unter einem Zuviel an Empathie zu leiden. Er
       bewundert den Enthusiasmus, mit dem eine Journalistin, die ihm auf seiner
       Suche nach Yusuf weiterhilft, sich für die kurdische Sache einsetzt; aber
       ihm selbst entgleitet nach all dem Elend [4][der Glaube an den
       Befreiungskampf]. Stattdessen leidet er mit den drangsalierten Menschen.
       
       „Die, deren Träume zerbrochen sind“ ist ein melancholisches Buch. Eines,
       das das Leid und die Widersprüche im Befreiungskampf benennt. Kein
       Manifest, sondern ein Roman, der die Fragen, die die Wirklichkeit stellt,
       offen lässt. Der einfach nur gute Literatur ist.
       
       5 May 2026
       
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