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       # taz.de -- Roman von Sharon Dodua Otoo: Worte allein werden nicht helfen
       
       > In „So, in etwa, ist es geschehen“ erdrosselt die Protagonistin ihren
       > Chef mit einem Schal von FC Bayern München. Es ist ein Roman wie ein
       > Geständnis.
       
   IMG Bild: Die deutsch-britische Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo
       
       Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Alliierten Nazideutschland in
       die Zange nahmen, landeten Tausende Insassen von Konzentrationslagern in
       der Lübecker Bucht. Die SS verlud sie auf Boote und brachte sie zu
       Schiffen, die vor der Küste ankerten. Am 3. Mai drängten sich auf der „Cap
       Arcona“ schätzungsweise 4.500 und auf dem Begleitschiff „Thielbek“ 2.800
       Menschen, als die Royal Air Force einen Angriff über der Bucht flog. Ziel
       war die fliehende deutsche Marine, aber auch die Schiffe mit den Gefangenen
       darauf wurden getroffen. Viele ertranken, verbrannten oder wurden
       erschossen.
       
       Der Fall gilt seither als eines der tödlichsten Schiffsunglücke in der
       Geschichte der Seefahrt. In Relation zum Grad der Erschließung der NS-Zeit
       in der deutschen Literatur ist der Fall eher unterbelichtet. Die
       [1][deutsch-britische Bachmannpreis-Gewinnerin Sharon Dodua Otoo] füllt
       diese Lücke nun mit ihrem Roman „So, in etwa, ist es geschehen“.
       
       Otoos Erzählerin ist die Enkelin eines der wenigen Überlebenden des
       Angriffs. Es heißt, er habe sich schwimmend an Land retten können. Jahr für
       Jahr fährt Amata anlässlich dieses Datums nach Timmendorfer Strand, um mit
       ihrer Mutter an einer privaten Gedenkfeier teilzunehmen. Jahr für Jahr geht
       dabei immer auch etwas schief, was nun besonders gilt, denn die
       Afrodeutsche Amata hat versehentlich einen offenen Brief ihres
       Aktivistenvereins samt internen Bearbeitungskommentaren der Mitglieder an
       die Presse verschickt, sie kommt zu spät, weil ihr Chef, der ihr eine
       Mitfahrgelegenheit aufgedrängt hat, immer wieder anhalten muss und darüber
       hinaus die Klappe einfach nicht halten kann.
       
       Vor allem aber geht dies schief: Sie bringt besagten Chef um, erdrosselt
       ihn mit einem Fanschal des FC Bayern München vom Rücksitz seines Wagens.
       Das zu verraten, hat nichts mit einem Spoiler zu tun, denn Otoo hat ihr
       Buch als eine Art Geständnis angelegt. Eine Freundin der Mörderin, selbst
       Staatsanwältin, bringt den Bericht über ihre letzten Stunden vor dem Mord
       als Buch heraus, ergänzt ihn um ein Nachwort und die Aufzeichnung des
       Redeschwalls des Opfers.
       
       ## Ein unmotivierter Mord?
       
       Der Roman als Geständnis, man denkt an Albert Camus’ „Der Fremde“, auch
       weil der Mord hier ebenso überraschend und unmotiviert erscheint. Amata ist
       um die vierzig Jahre alt, wohnt in Berlin, arbeitet für einen wohltätigen
       Verein, hält sich ihre Umwelt mit müder Ironie vom Leib, engagiert sich
       nebenbei in einem antirassistischen Projekt, ist heimlich verliebt. Nichts
       deutet auf Gewaltbereitschaft hin. Warum sollte sie plötzlich jemanden
       umbringen?
       
       War es bei Camus die Sonne, die auf seinen Meursault herunterbrannte und
       ihm den Impuls gab, den Araber vor ihm zu erschießen, so ist es bei Amata
       eine Gestalt neben Brockhaus’ Auto, in der sie ihre Mutter erkennt, und von
       der sie ein Kommando zu erhalten meint, eine Berechtigung. Worte würden
       nicht mehr helfen, schreibt sie, wenige Zeilen bevor sie den Mord
       schildert. Es sei nicht um ihren Chef gegangen. „Nein, mir ging es nie um
       ihn, er war austauschbar. Mir geht es um meine Neffen. Ich sorge mich um
       ihre Zukunft. Ich möchte nicht wie Denver und Papa den Westen komplett
       aufgeben.“
       
       Denver, die Schwester, und der Vater sind längst ausgewandert, haben
       kapituliert vor der rassistischen deutschen Gesellschaft, vor Leuten wie
       dem Chef, der den sprechenden Namen „Brockhaus“ trägt und so ziemlich alle
       Eigenschaften in sich vereint, die man der Figur des alten weißen Manns
       zuordnet.
       
       Dieser Brockhaus schwätzt ohne Unterlass, ist vermeintlich progressiv,
       tatsächlich aber ein Spießer mit sexistischem und rassistischem Einschlag.
       Dabei ist er tatsächlich „austauschbar“, wie Amata schreibt, erwähnt alle
       paar Seiten in seinem Redeschwall, dass er zuvor ja schon als
       Steuerberater, als Koch, Mechaniker und noch in vielen weiteren Berufen
       gearbeitet habe. Nicht eigentlich eine Person sitzt da am Steuer, es ist
       die von Männern um die sechzig geprägte Mehrheitsgesellschaft. Der Roman
       stellt letztlich die Frage, ob der alte weiße Mann sterben muss, damit
       Menschen wie Amata und ihre Familie hier leben können.
       
       ## Akt politischen Widerstands?
       
       Sie selbst bejaht dies, ist mit sich im Reinen, interpretiert den Mord als
       Akt des politischen Widerstands. Natürlich lässt sich der Roman auch in
       Bezug auf transgenerationale Traumata lesen, aber es geht vor allem um die
       Legitimität spezifischer Formen des politischen Kampfs. Um die Frage,
       welche Tat die richtige ist in einem Kreislauf der Unterdrückung.
       
       Die Toten der „Cap Arcona“ sind in diesem Roman die ersten Opfer in einer
       Gewaltspirale, die untergründig bis heute wirkt. Amata erfährt in ihrem
       Alltag keine Übergriffe, aber sie bekommt beständig zu spüren, dass sie als
       anders und nicht zugehörig angesehen wird. Die Gewalt wirkt also weiter,
       und nun schlägt sie zurück, greift sie zum Schal.
       
       Amatas Freundin, die fiktive Herausgeberin ihres Berichts, verurteilt diese
       Tat in einem Nachwort. Sie, die Juristin, hat sich für den Kampf mit Worten
       entschieden, für Politik also, für das Aufhalten der Gewaltspirale. Sie hat
       auch das letzte Wort und darf damit als Gewinnerin in diesem Wettstreit
       verstanden werden.
       
       Reichlich überkonstruiert ist diese Anordnung, und sie geht auch zulasten
       der literarischen Plausibilität. Hier mag Entscheidendes nicht
       zusammengehen. Die ins Groteske gesteigerte Wurstigkeit von Brockhaus passt
       nicht zu der psychologischen Glaubwürdigkeit, die Otoo für ihre Hauptfigur
       reklamiert. Wenn der eine nur Karikatur ist, fällt es einem schwer zu
       glauben, dass die andere wirklich aus Fleisch und Blut sein soll.
       
       Auch die Geschichte der „Cap Arcona“ wirkt hier deplatziert. Otoo findet
       nicht die sprachliche Tiefe für die Behandlung dieses historischen Unheils.
       Und schlimmer: Sie scheint nicht einmal nach ihr gesucht zu haben. Amatas
       Geständnis kommt über weite Strecken in einem solchen Plauderton daher,
       dass man ihr weder den Mord noch das Trauma abnimmt. Kurzum: Als eine Art
       politische Erörterung mag das Buch seine Punkte setzen, literarisch aber
       ist es gründlich misslungen.
       
       5 May 2026
       
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