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       # taz.de -- Putinismus im Film „Der Magier im Kreml“: Eine postmoderne Diktatur
       
       > Der Spielfilm „Der Magier im Kreml“ inszeniert das Russland des
       > Putinismus als Ort, an dem man seine Wut ausleben kann. Macht
       > funktioniert über Chaos.
       
   IMG Bild: Der Diktator und sein Berater: Putin (Jude Law) und Vadim Baranov (Paul Dano) in „Der Magier im Kreml“
       
       Dies ist keine Filmkritik. Auch wenn es hier um einen Film geht. Es ist
       vielmehr der Versuch, sich der spezifischen Form von Putins Herrschaft auf
       diesem Wege anzunähern. Denn genau das verspricht [1][„Der Magier im
       Kreml“].
       
       Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli will der
       fiktive Film Einblick in das reale Betriebssystem des russischen
       Autoritarismus geben. Eine Realfiktion. Eine fiktive Dokumentation.
       
       Er zeichnet die Zeit nach dem Untergang der Sowjetunion nach, als
       US-Berater Russland eine neoliberale Schocktherapie verpasst hatten – was
       in den 1990er Jahren in eine Gesellschaft ohne Gesetz mündete. In jeder
       Hinsicht – ökonomisch, gesellschaftlich, sexuell. Ein blanker
       Raubtierkapitalismus. Es war die Zeit der Oligarchen. All das ist ja
       bekannt. Aus diesem Nährboden aber ging der Putinismus hervor – als
       autoritäre Wende, die sich von dieser Dekadenz ebenso nährte, wie sie sie
       beherrschen wollte.
       
       Dieses neue Gegenmodell macht der Roman/Film nicht an Putin fest, sondern
       an einer fiktiven Figur – eben dem titelgebenden „Magier“.
       
       Dieser ist dem realen Berater Wladislaw Surkow nachgebildet. Wie jener
       steigt er vom Produzenten von Reality-TV-Shows zur grauen Eminenz Putins
       auf.
       
       ## Die Realität nach dem Modell einer TV-Show gestalten
       
       Dieser Werdegang ist, so die zentrale Behauptung des Films, alles andere
       als zufällig. Denn genau darin soll das Geheimnis des Putinismus liegen:
       eine Macht, die die Realität nach dem Modell einer TV-Show gestalten will.
       Eine postmoderne Diktatur sozusagen.
       
       Dazu brauchte es eben, so da Empoli, einen „Magier“, der die Russen mit
       seiner Inszenierung der Realität hypnotisierte.
       
       Es ist dies eine allzu simple Vorstellung, wie politische Macht
       funktioniert. Die Wiederbelebung der alten Mär vom Priesterbetrug. Als gäbe
       es einen Strippenzieher, der im Hintergrund die Fäden zieht, an denen das
       Publikum wie Marionetten hängt. Als sei die Manipulation der Massen ein
       einfacher Betrug.
       
       Wilhelm Reich hat schon in den 1930er Jahren solch eine These
       zurückgewiesen: Die Massen seien nicht getäuscht worden, sie haben den
       Faschismus vielmehr gewünscht. Autoritäre Macht ist nicht einfach eine
       Inszenierung. Sie muss an einen Wunsch gekoppelt sein.
       
       ## Den Volkszorn schüren
       
       Jenseits solcher Mystifizierung zeigt da Empoli aber dennoch etwas
       Entscheidendes für Putins Reich. Das wird an einer zentralen Szene
       deutlich.
       
       Als die Orange Revolution in der Ukraine ausbricht, herrschte im Kreml
       Angst vor einer möglichen Ansteckung, vor einer Ausbreitung des
       Aufbegehrens. Die Gegenstrategie, die er – im Film ist es der „Magier“ –
       dabei entwickelt, ist vielleicht der Kern dieser Herrschaft: Sie besteht
       darin, den Volkszorn nicht zu unterdrücken, sondern vielmehr zu schüren,
       ihn anzustacheln. Ob die Biker der „Nachtwölfe“, ob religiöse Eiferer, ob
       neue Kommunisten – die Wut all dieser einzelnen Gruppen, Sekten, Bewegungen
       wird nicht unterbunden, sondern vielmehr genährt und befördert.
       
       Russland als Ort, wo man seine Wut ausleben kann, lautet die perfide
       Parole. In vereinzelten Gruppen. Manche stehen einander feindlich
       gegenüber. Manche gleichgültig. Wesentlich aber ist, dass sie getrennt
       bleiben. Denn so schalten sie sich gewissermaßen gegenseitig aus, heben
       sich in ihrer Wirkung auf. (Für wirkliche Gegner hörte sich dieses Spiel
       schnell auf.) Das widerlegt alle Vorstellungen von der [2][Kraft der
       Multitude], der Vielheit.
       
       Das Ziel lautete: Chaos stiften, um die Verbindung all der Wütenden zu
       einem gemeinsamen politischen Willen zu verhindern. Putins Macht
       funktioniert nicht darüber, Ordnung herzustellen, sondern Chaos! Ein Chaos,
       das bei ihm mündet, über das er herrscht.
       
       Im Unterschied zum alten Autoritarismus, der keine Position neben sich
       duldete, besetzt der Putinismus alle Positionen, spielt alle Rollen, führt
       alle Diskurse, bedient sich aller Zeichen. Statt die Opposition zu
       unterdrücken, eignet er sich vielmehr alle Ideologien und Bewegungen an, so
       der Russlandexperte Peter Pomerantsev. Er ist Macht und Opposition in
       einem.
       
       Das aber heißt: Es gibt keine wirklichen Gegenkräfte. Ein beklemmendes
       Fazit.
       
       29 Apr 2026
       
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