URI: 
       # taz.de -- Freundschaft im Alter: Drei von der Grabstelle
       
       > Damals gingen sie vielleicht nebeneinander die Gleise entlang. Heute
       > führt ihr gemeinsamer Weg sie zum Grab des einen, der nicht mehr dabei
       > sein kann.
       
       „Pünktlich wie immer“, lippenlese ich im Vorbeigehen. Der Mann im dunklen
       Mantel umarmt nacheinander zwei andere Männer vor dem
       Georgen-Parochial-Friedhof in der Greifswalder Straße in Berlin-Prenzlauer
       Berg. Frühling liegt in der Luft.
       
       Hinter der Friedhofsmauer werden die Straßentöne schlagartig verstummen.
       Ich bin selbst erst einmal hier gewesen. Einfach, um zu sehen, was das für
       ein Friedhof ist. Neben dem Eingang gibt es ein Café. Das kam mir charmant
       vor. Ein Ort der Nicht-Trauer. Über den Gräbern werden Vögel singen.
       
       Der erste Mann klopft sich den Staub der Straße von den Schultern, obwohl
       da vermutlich nichts ist. Er trägt einen Strauß Blumen, in weiße Folie
       gewickelt. Die anderen beiden haben ihre Blüten ohne Verpackung dabei. Die
       Männer praktizieren ein rituelles Umarmen, viele Worte braucht es nicht.
       Hände klopfen auf Rücken.
       
       Früher, so stelle ich es mir vor, als ich an ihnen vorbeigehe, trugen sie
       Jeansjacken über schlanken Silhouetten. An den Händen hatten sie noch das
       Öl der Maschinen, Schnauzbärte im Gesicht, ein Lächeln darunter. Auch
       damals roch es nach Frühling.
       
       Schnauzbärte sehe ich auch heute noch. Nur die Bäuche sind runder und die
       Haare unter den Mützen lichter.
       
       Ich gehe hinüber zur Straßenbahnstation. Von hier aus sehe ich, wie der
       eine seine Blumen von der Folie befreit. Zusammen gehen die drei durch das
       Tor. Nebeneinander, wie sie es seit damals tun, als sie die Gleise entlang
       liefen, in die Abenteuer ihrer Leben. Nur dass einer, der Vierte, den Zug
       nicht kommen sah.
       
       Auf dem Weg sprechen sie wenig. Am Grab umarmen sie sich wieder.
       
       Und stellen sie sich jedes Jahr dieselbe Frage, ohne sie laut
       auszusprechen: Wer von uns wird eines Tages allein hier stehen? Wer wird
       der Letzte sein, der Blumen für die anderen bringt?
       
       Meine Straßenbahn kommt, ich steige ein. Am Abend sehe ich „Stand by Me“
       auf DVD und rufe meine ältesten Freunde an.
       
       5 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Klaus Esterluss
       
       ## TAGS
       
   DIR Kolumne Szene
   DIR Alltag
   DIR Freundschaft
   DIR Trauer
   DIR Kolumne Szene
   DIR Kolumne Szene
   DIR Kolumne Szene
   DIR Kolumne Szene
   DIR Kolumne Szene
   DIR Kolumne Szene
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Das zukünftige Ex-Rad: Noch eine Abschiedsrunde drehen
       
       Was hat man nicht alles gemeinsam erlebt! Sich vom liebgewonnenen Fahrrad
       zu trennen, fühlt sich so an, als würde eine Liebesbeziehung zu Ende gehen.
       
   DIR Frisch Aufgebrühtes aus dem Sandkasten: Und jetzt ist Teatime
       
       Pfefferminz, Fenchel oder Hagebutte? Welcher Tee passt wohl am besten zu
       Matschmuffins mit Kastanienblätter-Bröseln und Kieselstein-Topping?
       
   DIR Aus Alt mach Neu: Die Flipflops
       
       Wegwerfen, weil nicht mehr im Trend? Nicht nötig, solange es gute Ideen und
       eine Brotschneidemaschine gibt, weiß die Tochter unseres Autors.
       
   DIR Allein ist auch mal schön: Männer im schlechtesten Alter
       
       Zwischen Mitte 40 und Mitte 50 macht Dating wenig Spaß, finden zwei Frauen
       in der Kaffeeschlange. Für männliche Singles haben sie sogar ein neues Wort
       erfunden.
       
   DIR Verpulverte Endorphine: Hände hoch, wer noch kann
       
       Bis in die Wohnung unserer Autorin sind die Schreie von der Hamburger
       Kirmes zu hören, wo sich Menschen halsbrecherischen Fahrgeschäften
       hingeben.
       
   DIR Unerzähltes aus dem zweiten Stock: Wollen Sie noch etwas trinken?
       
       Ein Unbekannter bittet um Hilfe. Die Angelegenheit ist schnell erledigt,
       doch was sich hinter der Geschichte verbirgt, bleibt offen.