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       # taz.de -- 1. Mai in Berlin: Raver, vereinigt euch!
       
       > In Berlin existieren am 1. Mai Parallelwelten: Während die einen ein
       > entpolitisiertes Straßenfest feiern, halten andere am Revolutionsanspruch
       > fest.
       
   IMG Bild: Anziehungspunkt Oranienstraße – auch ohne Revolution
       
       Was unterscheidet den [1][1. Mai] vom CSD, der Fête de la Musique oder dem
       Karneval der Kulturen? Oberflächlich betrachtet erst mal nichts. Der einst
       revolutionäre Kampftag ist vielfach verkommen zu einem
       [2][durchkommerzialisierten Straßenfest].
       
       Statt „Arbeiter, vereinigt euch!“ heißt es für viele heute „Raver,
       vereinigt euch!“ Verstärkt wird dieser Trend, der vor allem bei einem
       Großteil der Jugendlichen vorherrscht, durch Tiktok und Instagram. Dort
       dominieren Guides: „Outfits am 1. Mai“ oder „Wo feiern am 1. Mai“. Aufrufe
       zu den dennoch stattfindenden zahlreichen Demos bleiben in ihrer
       Sichtbarkeit dagegen unterrepräsentiert.
       
       Ein Influencer empfiehlt etwa: 12 Uhr Pre-Drinks am Aperol-Spritz-Stand an
       der Admiralsbrücke, 14 Uhr Görlitzer Park Day-Rave – hier immerhin mit
       Politik-Begleitprogramm –, 15 Uhr Boot-Rave, 16 Uhr Schlesischer Busch (DJ,
       Musik, Cocktails), 18 Uhr Späti-Rave, abends: Open Air im Prince Charles,
       Else, Renate, Butzke, About Blank – oder jedem anderen Club, der die Chance
       wittert, mit dem entpolitisierten „Kampftag“ Kasse zu machen. Das zeigt:
       Die vielfach besungene politische Clubkultur ist oft wenig mehr als ein
       schmückendes Anhängsel.
       
       Die exzessive Feierei kann man auch als eine Folge der [3][Eventisierung
       durch das MyFest] verstehen, einst vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und
       dem Senat initiiert, um den Kreuzberger Krawallen entgegenzuwirken. Es war
       jenes Fest, immerhin noch getragen von der Nachbarschaft statt hippen Bars,
       die die Massen der Partyhungrigen in den einst revolutionären Kiez lockte.
       
       ## Gesoffen wird auch ohne MyFest
       
       Vom Erfolg, aber auch dem Alkohol- und Müllrausch überrollt, ist es mit dem
       MyFest seit nunmehr vier Jahren vorbei. Doch die Menschen pilgern einfach
       weiter nach Kreuzberg und Neukölln und haben die Saufzone damit noch
       vergrößert. Wie massiv dieser Sog ist, wird sich wieder im Görli zeigen.
       Zwar sind der Park und seine Umzäunung zum zentralen Symbol des Kampfes um
       eine alternative Stadt geworden und ist der Versuch redlich, das
       Feierpublikum dort auch mit Inhalten anzusprechen. Doch kaum einer der
       Feiernden wartet ernsthaft auf die Pausen zwischen den Live-Acts, um die
       Reden der SDAJ zu hören.
       
       Kritisieren könnten die Jungsozialist*innen auch gleich, wie sich in
       der Gastro- und Clubszene der 1. Mai als lukratives Geschäftsmodell
       etabliert hat. Spätis verlangen Mondpreise, eine Flasche Rotkäppchen kostet
       an dem Feiertag schnell 14 Euro. Clubeintritte bewegen sich zwischen frei
       und bis zu 30 Euro.
       
       Dass in diesem Jahr ausgerechnet am 1. Mai das Gallery Weekend beginnt,
       wirkt wie die makabre Pointe einer Stadt, die ihren Widerstand längst
       selbst verwertet. Statt Demos gibt es Vernissagen, statt Straßenschlachten
       Preisschlachten.
       
       Einige Influencer haben zumindest noch den Anstand, ihren ausführlichen
       Feier- und Outfit-Guides in Klammern einen Pflichtsatz anzuhängen: („und
       vergesst nicht, auf eine Demo zu gehen.“).
       
       ## Demos ohne Sauftouristen
       
       Immerhin: Ein anderer Teil jener, die sich in der tendenziell
       links-liberalen Berliner Großstadtblase bewegen, tut genau das. Für sie
       bleibt der 1. Mai ein [4][revolutionärer Kampftag], wenn auch nicht
       unbedingt ein kollektiver oder einer, der die Interessen der Werktätigen,
       aka Lohnabhängigen in den Mittelpunkt stellt. Denn [5][das Demoangebot
       rings um den Tag ist so vielschichtig wie die zersplitterte linke Szene]
       und reicht von zwei feministischen Demos über jene des DGB, dem
       Umverteilungs-Happening im Grunewald bis hin zur 18-Uhr-Demo.
       
       Zumindest auf dieser revolutionären Demo lässt sich aber auch ein
       Gegentrend ausmachen. Trotz Rekordbeteiligungen – im vergangenen Jahr
       nahmen etwa 25.000 Menschen teil – ist der Anteil der schaulustigen
       Krawall-Tourist*innen schon seit einiger Zeit rückläufig. Zu groß sind wohl
       die Party-Gegenangebote, zu wenig gibt es zu schauen, [6][seit die Krawalle
       der Vergangenheit angehören].
       
       Während also Hunderttausende feiern, versammeln sich auf der größten
       linksradikalen Demonstration des Landes all jene, die sich gänzlich andere
       Verhältnisse herbeisehnen. Einig sind sie sich dabei nicht: Neben einem
       antiautoritären Block, der, angestoßen von der Interventionistischen
       Linken, sein Comeback feiern wird, sind es vor allem rote, stramm
       sozialistische Gruppen, die letzten Reste der Autonomen und eine Vielzahl
       migrantischer Gruppen, die die Demo tragen. Die Solidarität mit Palästina
       ist zwar nach dem Höhepunkt vor zwei Jahren nicht mehr das alles
       dominierende, aber doch ein einigendes Thema.
       
       Was der Demo aber nicht gelingt, ist ein Angebot an jene zu schaffen, die
       nicht an Revolutionsfantasien glauben, obwohl sie in einer kapitalistischen
       Welt struggeln, in der sich die Preisspirale nach oben dreht,
       Sozialleistungen gekürzt werden, der rechte Autoritarismus auf dem
       Vormarsch ist und Solidarität erodiert.
       
       Für das Partyvolk, das ganz unbewusst am Tag der Arbeiterklasse seine
       eigene Entpolitisierung zur Schau stellt, braucht es mehr als Parolen, die
       mit ihrem eigenen Leben wenig bis nichts zu tun haben. Es bräuchte ein
       revolutionär-linkes Angebot, dass sie abholt, wo sie sind: Und sei es beim
       Späti und ihrem Ärger über den teuren Rotkäppchen.
       
       29 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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