# taz.de -- Kunst über Georgiens politische Krise: Bis sich die Erinnerung in Melancholie erschöpft
> Obwohl sie ästhetisch klar ist, lässt einen Tornike Gognadzes Videokunst
> über die Krise in Georgien ratlos zurück. Der Kunstverein Münster stellt
> sie aus.
IMG Bild: Tornike Gognadzes Figuren streiten sich über Erinnerungen: Installationsansicht „Merry-Go-Round“, 2026 im Kunstverein Münster
Auf der Videoleinwand erscheint eine Hand, die ein Weinglas anhebt und es
ruckartig gegen eine Tischkante schlägt. Das Glas zerbricht nicht, aus dem
Off ertönt trotzdem ein klirrendes Geräusch. Klang und Bild sind asynchron.
Mit dieser nahezu unmerklichen Verschiebung von Realität und Wahrnehmung
eröffnet Tornike Gognadze seinen Film „Boom Ball“. Gognadze, 1999 in
Tiblissi geboren und Kunststudent an der Frankfurter Städelschule, stellt
ihn als wandfüllende Videoprojektion ins Zentrum seiner Ausstellung
„Merry-Go-Round“ im Westfälischen Kunstverein Münster.
Die Kamera löst sich aus der Nahaufnahme der Hände und geht in die Totale
über: [1][Auf einer langen Tafel mit weißer Tischdecke] stehen Wein- und
Wasserflaschen, leere Coca-Cola-Flaschen und eine Kristallschale. Rechts
sitzt ein Mann, links eine Frau; beide sind clownesk geschminkt und tragen
Kostüme. Die Szene entfaltet eine kühle, bühnenhafte Ästhetik zwischen
Kabarett und Surrealismus. In der verbindet sich die artifizielle
Künstlichkeit mit einer leisen, erschöpften Melancholie.
Der Protagonist schwelgt in Kindheitserinnerungen aus Georgien, erzählt,
wie er immer wieder in einen Park eingebrochen ist, um auf einem Karussell
zu spielen. Vor seinem inneren Auge war das Fahrgeschäft wunderschön,
obwohl es in der Realität trostlos und rostig war. Eine jener unscheinbaren
Ruinen, die die postsowjetische Landschaft prägten, erzählt er. Ähnlich
ging es der Frau, die ihm gegenüber sitzt. Lange habe sie geglaubt, eine
Giraffe in einem georgischen Zoo gesehen zu haben. Doch ihre Erinnerung
habe ihr einen Streich gespielt.
Der Kurzfilm wirkt zunächst wie ein dramaturgisch durchkonstruiertes
Theaterstück: Die Handlung steigert sich bis zum hitzigen Streit der beiden
Figuren über die Frage, ob individuelle oder kollektive Erinnerungen mehr
Gewicht haben.
## Von der Fiktion zur Dokumentation
So richtig versteht man nicht, worauf das alles hinausläuft. Aber dann
wechselt die fiktionale Inszenierung ins Dokumentarische. Zu sehen ist eine
Videoaufnahme vom Platz des Parlamentsgebäudes am Rustawelis Gamsiri in
Tiblissi in einer Dezembernacht 2024. Demonstrierende überqueren den Platz,
manche mit Flaggen in der Hand, andere mit Tränengas, während
pyrotechnische Geschosse die Dunkelheit durchbrechen.
Das Videomaterial ist wenige Monate nach der umstrittenen Parlamentswahl am
26. Oktober in Georgien entstanden, die von Manipulationsvorwürfen und
Korruptionsdebatten überschattet war. Als Wahlsieger ging die
Putin-freundliche Partei Georgischer Traum hervor, [2][was Proteste im
ganzen Land auslöste] und einen Graben zwischen denjenigen in Georgien
vertiefte, die sich nach Europa orientieren, und denjenigen, die mehr Nähe
zur alten Sowjetmacht Russland wollen.
Gognadze gelingt es, in seinem nur zehn Minuten dauernden Kurzfilm einen
Eindruck von der Verfassung der georgischen Gesellschaft zu vermitteln, die
in einem konfliktreichen Prozess des Erzählens und Neuerzählens ihrer
eigenen Geschichte gefangen zu sein scheint. Was im Fluss der täglichen
Nachrichten oft schwer zugänglich erscheint, bringt der Film auf eine
überraschend verständliche Ebene. Durch Schauspiel, Licht und minimale
Raumgestaltung abstrahiert Gognadze politische Stimmungen, macht sie
greifbar und nachempfindbar.
Ästhetisch geht das alles auf. – Können nicht die Aufnahmen aus der
Demonstrationsnacht mit den funkelnden Farben auch als feierlicher
Schlussakt der beiden Protagonist*innen gelesen werden? – Aber was die
politische Situation Georgiens angeht, so lässt Tornike Gognadze einen so
emotionalisiert wie ratlos zurück.
30 Apr 2026
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## AUTOREN
DIR Theresa Weise
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