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       # taz.de -- Soziologe und Comedian über Männlichkeit: „Glücklich ohne Lamborghini“
       
       > Ein Gespräch mit dem Comedian Aurel Mertz und dem Soziologen Aladin
       > El-Mafaalani über große Egos, fehlende Selbstliebe und gefährliche
       > Trends.
       
   IMG Bild: Aurel Mertz ist ein deutscher Komiker und Moderator. Anfang des Jahres erschien sein Sachbuch-Debüt „Alpha Boys“
       
       taz: Herr Mertz, Sie starten Ihr Buch „Alpha Boys“ mit einer ziemlich
       grundlegenden Verwirrung. Männer hätten heute eigentlich mehr Freiheiten,
       und trotzdem zieht es viele zurück zu traditionellen Rollenbildern. Haben
       Männer wirklich mehr Freiheiten heute? 
       
       Aurel Mertz: Ja, wir haben mehr Freiheiten im Vergleich zu den
       traditionellen Rollenbildern. Allein schon: Wir können andere Männer
       lieben! Diese große Freiheit sorgt bei vielen Leuten aber für eine gewisse
       Verwirrung. Manche wollen schon wissen, wo es langgehen soll für sie. Das
       stürzt sie in eine Krise der Unwissenheit.
       
       taz: Herr El-Mafaalani, haben junge Männer aus soziologischer Perspektive
       mehr Freiheiten oder eher mehr Druck? 
       
       Aladin El-Mafaalani: Grundsätzlich gibt es mehr Freiheiten. Das heißt
       gleichzeitig aber auch, dass man aus viel mehr Möglichkeiten ziemlich
       eigenverantwortlich entscheiden muss. Und es gibt auch ein Weniger – an
       Dominanz und Überlegenheit. Deswegen werden Ressourcen wichtiger bei der
       Beurteilung, wie man mit dem Mehr an Freiheiten umgehen kann.
       
       taz: Was meinen Sie mit Ressourcen? 
       
       El-Mafaalani: Im Bildungssystem sieht man etwa: Jungs haben nicht verloren,
       aber Mädchen haben so stark gewonnen, dass sie sie überholt haben. Bei
       Bildungsabschlüssen insgesamt haben auch Männer zugelegt, aber bei höheren
       Abschlüssen haben Frauen die Männer überholt. Das lässt sich auf viele
       Bereiche übertragen. Es gibt mehr Möglichkeiten bei gleichzeitigem Verlust
       an Überlegenheit. Ganz zugespitzt: mehr Möglichkeiten, weniger Dominanz.
       
       Mertz: Das ist doch nicht das Problem. Sondern dass die Gesellschaft uns
       Männern einredet, dass Dominanz so extrem wichtig sei. Wir sehen, dass
       Frauen Männer in Bildungssachen überholen, und gleichzeitig wird uns
       eingeredet, dass du Status und Macht erreichen musst. Das stürzt [1][Männer
       in die Krise], weil sie dann nicht mehr wissen, wohin sie gehören. Das
       klingt mir bei dir zu entschuldigend. Wir müssen es vielmehr schaffen, dass
       auch soziale Werte bei Männern belohnt werden. Männer müssen glücklich sein
       können, ohne in einem Lamborghini zu hocken.
       
       El-Mafaalani: Ich habe erst einmal nur die Grundlage jeder
       Backlash-Bewegung beschrieben. Das ließe sich auch auf Rassismus
       übertragen. Sozialisation ist heute insgesamt anstrengender, weil die
       Gesellschaft komplexer wird – nicht nur mit Blick auf
       Geschlechterverhältnisse. Das alte Männlichkeitsbild ist noch nicht
       verschwunden, und für die neuen Verhältnisse gibt es noch keine plausibel
       funktionierenden Bilder. Es gibt zwar viele Vorbilder anderer Männlichkeit
       in der Öffentlichkeit, aber Figuren wie Donald Trump und Wladimir Putin
       sind weiterhin erfolgreich.
       
       Mertz: Mich wundert diese extreme Nostalgie, die manche mit diesen alten
       Männlichkeitsbildern verbinden! Es wird etwa immer so positiv auf das alte
       Familienbild geschaut. Da wird einfach komplett vergessen, wie viel
       Missbrauch zwischen den vier Wänden passiert ist. Da gab es so viele
       unterdrückte Gefühle, Alkoholprobleme, häusliche Gewalt. Das taucht in
       keiner Statistik auf, weil es natürlich nicht erfasst wurde.
       
       taz: Sie beginnen Ihr Buch zunächst mit der Beobachtung von
       Männlichkeitsbildern und -performances und landen schließlich in einem
       Dschungel auf Bali. Wie kam das? 
       
       Mertz: Meine Beobachtung war, dass sich wahnsinnig viele Männer, [2][gerade
       junge, von sehr autokratischen Männlichkeitsbildern angezogen fühlen]. Das
       ergibt Sinn in einer Gesellschaft, die ihnen vermittelt, dass Dominanz,
       Status und Macht alles sind. Rechte Bewegungen nutzen das als Nährboden.
       Aber auch die Industrie hat Männer entdeckt: Es gibt plötzlich „männliche“
       Energydrinks wie Monster Energy Assault oder Duschgels mit Namen wie „Gun
       Powder“. Und dann Trends wie Looksmaxxing, bei dem Männer sich den Kiefer
       mit einem kleinen Hammer bearbeiten, um wie ein „Chad“ auszusehen. In das
       Camp bin ich gefahren, um das nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern
       ins Gespräch zu kommen mit denen, die sich von diesen Männlichkeitsbildern
       angezogen fühlen.
       
       taz: In Ihrem Buch machen Sie sich virtuos lustig über bestimmte Männer und
       ihre Männlichkeitsperformance. Gleichzeitig erkennen Sie Parallelen zu sich
       selbst, etwa beim Ego. 
       
       Mertz: Wir sind alle Teil des Patriarchats. Wir haben alle Egos, die uns
       immer wieder überwältigen. Neulich habe ich während eines Streits nach zwei
       Minuten gemerkt, dass ich absolut nicht recht hatte. Und dann habe ich echt
       überlegen müssen, wie ich da wieder rauskomme. Irgendwann musste ich es
       zugeben. Diese Schwierigkeit, das Ego zu überwinden, beobachte ich eher bei
       Männern. Ich weiß nicht, ob das Sozialisierung oder Genetik ist.
       
       taz: Ist Ego eine soziologische Kategorie? 
       
       El-Mafaalani: Ego nicht direkt, aber Eigennützlichkeit und Wettbewerb. Wir
       sind eine kompetitive Gesellschaft und stehen oft in einem Wettbewerb
       miteinander. Man ist die ganze Zeit in Spielen drin, in denen es darum
       geht, sich durchzusetzen. Für Frauen ist es strukturell einfacher, von der
       Zurückhaltung mit mehr Selbstbewusstsein ins Spiel zu kommen. [3][Für
       Männer ist die Bewegung komplexer und das überfordert sie vielleicht.]
       
       taz: Wie äußert sich diese Überforderung und Orientierungslosigkeit? 
       
       Mertz: In diesem Männercamp gab es Lagerfeuerabende, bei denen man über
       Gefühle sprechen sollte. Da saßen die Leute mit ihren Muskeln und haben
       sich geöffnet. Ein Mann sagte, dass die Menschen in den Werbevideos ihm das
       Gefühl geben, sich selbst zu lieben – und dass er das auch lernen wolle. Er
       habe nie gelernt, sich selbst zu lieben. Das ist dann eine Teufelsspirale:
       Menschen ohne Selbstliebe versuchen, die Leere mit Dominanz zu füllen. Aber
       damit unterdrücken sie nur andere. Was wäre, wenn wir als Gesellschaft
       andere Wege anbieten würden – wenn wir sagen, dass es erstrebenswert ist,
       sozial statt dominant aufzutreten? Dann könnten wir viele erreichen. Dieser
       Weg muss aber auch belohnt werden.
       
       taz: Ein zentrales Versprechen dieser Szene ist, dass dominantes Auftreten
       Frauen anzieht. Gleichzeitig brauchen Frauen heute keine Ehe mehr, um sich
       sozial zu etablieren. Müssten Männer lernen, besser mit Zurückweisung
       umzugehen – oder auch mit einem Leben ohne Partnerin? 
       
       El-Mafaalani: Sie beschreiben sehr gut, was ich vorhin meinte: Junge Frauen
       könnten aufgrund der gestiegenen Optionen genauso Orientierungsprobleme
       haben wie junge Männer – haben sie aber nicht. Wahrscheinlich, weil sie
       dabei gewinnen, während Männer eher verlieren. Männer verlieren an
       Dominanz, an Klarheit. Frauen gewinnen Optionen und kommen besser damit
       zurecht. Es geht hier nicht um Schuld, sondern um eine nachvollziehbare
       Dynamik. Für mich ist das die Haupterklärung dafür, dass junge Männer eher
       AfD und CDU wählen und junge Frauen eher Linke und Grüne. So einen Kontrast
       hat es historisch noch nie gegeben.
       
       taz: Ist das ein deutsches Phänomen? 
       
       El-Mafaalani: Das passiert überall, wo sich Frauen emanzipieren. Junge
       Frauen sind deutlich progressiver als ihre Mütter und Großmütter, [4][junge
       Männer etwas konservativer als ihre Väter und Großväter]. Daraus entsteht
       eine enorme Diskrepanz. Wenn sie so groß wird, dass Frauen sagen: „Ich
       brauche keinen Mann“, könnte die Geburtenrate unter ein Kind pro Frau
       sinken. Denn man muss sich einigermaßen verstehen, um ein Kind miteinander
       großziehen zu wollen.
       
       Mertz: Die Grundfrage ist, wie Männer für Frauen attraktiv bleiben können.
       Ganz ehrlich: indem sie keine Arschlöcher sind. In diesen Szenen wird über
       Frauen gesprochen, als wären sie ein mystisches System, das man
       manipulieren muss – man müsse sie spiegeln, im richtigen Moment an ihren
       Vater erinnern. Dahinter steckt vor allem Angst vor Zurückweisung, die es
       bei einer Begegnung auf Augenhöhe nun einmal geben kann. Dabei geht es
       einfach darum, einen Menschen kennenzulernen und zu schauen, ob es passt.
       
       9 May 2026
       
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   DIR Katrin Gottschalk
       
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