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       # taz.de -- Versuch eines Beitrags: Über Männer
       
       > Unser Autor will nicht wütend sein oder um Vergebung bitten und auf
       > keinen Fall einen Debattenbeitrag über den Mann von heute schreiben. Er
       > scheitert.
       
   IMG Bild: Ob „neu“, „gut“, „modern“ oder „fein“ – zu oft in den vergangenen Jahren hatte man gehofft, dass sich der Mann ändern würde
       
       Es ist ja mal wieder so typisch. Da will man also einen Essay schreiben,
       darüber, was es heißt, im Mai 2026 ein Mann zu sein, nach dem Fall Pelicot,
       nach dem Ulmen-Fernandes-Komplex, während der Debatten [1][um
       Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt, toxische Männlichkeit], um das
       Patriarchat an und für sich, also quasi während all der Debatten um
       Männlichkeit in Zeiten der Krise, des Verfalls, der Desorientierung.
       
       Da setzt man sich also hin, natürlich nicht „man“, da geht es schon mal
       los, sondern „ich“, ich setze mich also hin, mein Hintern sitzt
       buchstäblich auf einem Berg voller Wissen, auf einem Berg aller Texte und
       Bücher und Paper, die über „den Mann heute“ in der jüngeren und ferneren
       Vergangenheit geschrieben wurden.
       
       Dann sitze ich da, berauscht von der eigenen Gedankenschärfe und dem
       Erklärungswillen und überzeugt davon, es jetzt aber allen mal so richtig
       schön intellektuell zu zeigen, den Menschen, die in den vergangenen Wochen
       ihre eigenen Texte in Zeitungen und Magazinen oder in ihren Insta-Stories
       veröffentlicht haben. Und dann, bevor der erste Satz überhaupt
       aufgeschrieben ist, merkt man, nein, Unsinn, merke ich, dass ich scheitern
       werde.
       
       Denn ich wollte ja nicht jammern und nicht wehklagen. Ich wollte mich weder
       selbst zerfleischen noch mich verteidigen. Ich wollte nicht wütend sein und
       traurig schon mal gar nicht. Ich wollte nicht um Vergebung betteln, mich
       nicht einschleimen und ich wollte keine Statistiken hervorkramen oder
       Vergleiche anstellen. Ich wollte nicht schreiben: „So schlimm ist es nun
       auch wieder nicht.“ Und ich wollte nicht schreiben: „Es ist in Wahrheit
       alles noch viel schlimmer.“ Ich wollte kein Lob von der falschen Seite und
       von der richtigen Seite eigentlich auch nicht. Ich wollte kein Verständnis,
       keine Absolution und ich wollte auf keinen Fall, unter keinen Umständen,
       einen „wertvollen Debattenbeitrag“ leisten, denn das ist das Langweiligste,
       was man, Stopp!, was ich mir überhaupt vorstellen kann.
       
       ## Alle doktern sie am Mann herum
       
       Denn kaum sagt einer heute „Debattenbeitrag“, kommen sie alle angeschlurft,
       die Erklärer, die Einordner, die Betroffenheitsdarsteller, und jeder hat
       noch schnell etwas beizutragen zur großen Frage des Mannes, als handle es
       sich beim Mann um ein reformbedürftiges Rentenkonzept (obwohl – irgendwie
       ja schon auch). Oder aber, und das stimmt ja eher, um einen Problemfall,
       eine Fallstudie, einen Tatverdächtigen, eine pädagogische Baustelle.
       
       Überall wird da gerade am Mann herumgedoktert. Man misst seine Sprache aus,
       seine Blicke, seine Haltung, seine Hände in den Hosentaschen, seine
       Stimmlage, seine Witze, seine Unsicherheit, vor allem seine Sicherheiten.
       Der Mann, so lautet zumindest der gegenwärtige Konsens der Kommentarspalten
       und Selbstvergewisserungsschleifen, ist heute einer, der sich zu
       entschuldigen hat, bevor er überhaupt den Mund aufmacht, der Doofmann.
       
       Zugleich wird von demselben Mann, der ja eigentlich nicht mal zum geradeaus
       Laufen zu gebrauchen ist, verlangt, er solle ein „guter“ Mann sein. Dieses
       „gut“ ist natürlich das verlogenste Wort überhaupt. Man klebt dieses
       Etikett auf Dinge, die sonst keine Eigenschaften haben außer Langeweile:
       gute Butter, gute Schuhe, guter Freund.
       
       [2][Was also soll das sein, ein guter Mann im Jahr 2026?] Der sentimentale
       Zeitgeist antwortet sofort: Einer, der zuhört. Als hätten die Jahrtausende
       des männlichen Elends darin bestanden, dass er keine Ohren besaß. Der
       therapeutische Zeitgeist sagt: [3][Einer, der über Gefühle spricht]. Als
       wäre das Reden über Gefühle nicht oft nur die eleganteste Methode, ihnen
       auszuweichen – indem man sie benennt, sortiert und einordnet, bis nichts
       mehr übrig bleibt, was tatsächlich weh tut.
       
       ## Eigentlich schon immer überfordert
       
       Der politische Zeitgeist sagt: Einer, der reflektiert. Reflektiert wird
       heute ja eh alles, nur nicht die eigene Lächerlichkeit. Der marktliberale
       Zeitgeist sagt: Einer, der Care-Arbeit übernimmt, achtsam kommuniziert,
       präsent Vater ist, ambitioniert aber nicht toxisch, erfolgreich aber nicht
       dominant, begehrenswert aber nicht aufdringlich, verletzlich aber nicht
       schwach, sportlich aber nicht narzisstisch, entschlossen aber nicht
       autoritär, modern aber bitte auch bis zu einem gewissen Grad handwerklich
       begabt.
       
       Viel Erfolg damit. Denn der Mann war doch immer schon überfordert, auch mit
       weniger. Früher musste er den Krieg gewinnen, das Feld bestellen, den Vater
       beerben, nicht weinen, früh sterben. Heute muss er Elternzeit beantragen,
       die Kita-App bedienen können, seine Privilegien benennen und fermentieren
       lernen. Und, machen wir uns doch mal ehrlich: Dass sich der Mann zu ändern
       hat, zum guten, zum besseren, zum modernen Mann – diese Forderung ist nun
       wirklich schon selbst ein alter, weißer Mann.
       
       Ein echter alter, weißer Mann, nämlich der Literaturnobelpreisträger John
       M. Coetzee, schrieb in seinem Roman „Sommer des Lebens“ über seine
       Versuche, ein „feiner Mensch“ zu sein, woran er selbstverständlich mehr als
       einmal scheitert, er ist ja schließlich ein Mann. Aber dieses „fein“, das
       klaue ich mir jetzt, denn als Mann weiß ich natürlich, dass gut geklaut
       besser ist als schlecht selbstgemacht. Deshalb vielleicht so: Der feine
       Mann weiß, dass er gemacht ist. Von Eltern, Schule, Pornografie,
       Fußballplätzen, Chefs, Enttäuschungen, Romanen, Feigheiten, Pop, Zufällen
       und vom Patriarchat.
       
       Ein feiner Mann kann arbeiten, ohne die Arbeit als Ausrede zu benutzen. Er
       kann lieben, ohne Besitz daraus zu machen. Er kann Vater sein, ohne sich
       dafür Denkmäler zu errichten, nur weil er einmal den Kindergeburtstag
       organisiert hat. Er kann begehren, ohne zu verwüsten. Er kann verlieren,
       ohne rachsüchtig zu werden. Er kann altern, ohne lächerlich-sentimental
       seiner Jugend nachzutrauern, obwohl fast alle Männer lächerlich altern,
       weil sie nie gelernt haben, [4][dass Würde spannender ist als
       Gravel-Cycling].
       
       Ein feiner Mann ist auch keiner, der überall Haltung vorführt, weil Haltung
       heute zu häufig nur dekorierter Opportunismus ist – diese perfekt
       austarierten Texte, in denen Männer öffentlich ihre eigenen Defizite
       auflisten, in der exakt richtigen Tonlage aus Reue und Selbstbewusstsein,
       sodass am Ende doch wieder Bewunderung übrig bleibt.
       
       ## Am besten Erwartungen zurückschrauben
       
       Aber vielleicht ist auch völlig egal, ob man vor das Wort „Mann“ ein „gut“
       oder ein „modern“ oder ein „fein“ setzt, um eine Hoffnung zu formulieren,
       denn zu oft in den vergangenen hundert Jahren hatte man gehofft, dass sich
       der Mann ändern würde. Passiert ist das allerdings nie, und deshalb könnte
       man die Erwartungen auch einfach ein bisschen zurückschrauben. Vielleicht
       würde es schon helfen, wenn der Mann weiß, dass es in seiner Seele dunkle
       Orte gibt, wo Eitelkeit, Wut, Rassismus, Frauenverachtung und Aggression zu
       Hause sind. Wenn er weiß, dass er um diese Orte einen riesigen Bogen macht,
       einfach nicht hingehen, am besten überhaupt nicht hingehen.
       
       Das Wichtige ist nicht, diese Orte zu leugnen, einen Zaun drumrum zu bauen
       oder sie in die Luft zu sprengen – sie lassen sich nicht sprengen – sondern
       eine Landkarte von diesen Orten zu haben. Damit man weiß, wo sie sind.
       Damit man weiß, wann man ihnen gefährlich nahe kommt. Das Wissen um diese
       dunklen Orte darf aber zu einer Sache nicht führen, nämlich zu der
       Entschuldigungs-Bazooka: „So bin ich eben, mimimi.“ So bin ich eben heißt
       nämlich immer: Entwickle du dich doch bitte für mich mit.
       
       Und so weiter und so fort. Was ich da gerade geschrieben habe, ist
       natürlich genau das, was ich nicht schreiben wollte – ein sogenannter
       Debattenbeitrag. Was für eine Niederlage. Was für eine durch und durch
       männliche Niederlage: komplett gescheitert und trotzdem ins Ziel gekommen.
       Wie so ein richtiger Mann.
       
       9 May 2026
       
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