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       # taz.de -- Spielfilm „Gavagai“ von Ulrich Köhler: Eine Medea umgeben von Jetskis
       
       > In „Gavagai“ inszeniert Ulrich Köhler einen Film im Film rund um
       > Machtverhältnisse und Rassismus. Er spiegelt damit auch eigene
       > Erfahrungen.
       
   IMG Bild: Der Geschmack des Meeres: Maja (Maren Eggert) und Nourou (Jean-Christophe Folly) in „Gavagai“
       
       Die Neufassung, die Regisseurin Caroline Lescot (Nathalie Richard) von
       „Medea“ dreht, klingt nach einem typischen, etwas zu intellektuellen
       Arthouse-Experiment. In ihrem Film ist die antike Figur der Kindsmörderin
       eine weiße Frau, die einem schwarzen Jason nach Afrika folgte. Bei der
       Premiere, die auf einem fiktiven Filmfestival in Berlin stattfindet, ruft
       das Casting entsprechendes Unbehagen hervor. Ob sie glaube, dass sich
       Rassismus so einfach umdrehen lasse, fragt eine Journalistin auf der
       Pressekonferenz. Caroline antwortet ausweichend und spricht vom „Elefant im
       Raum“. Ihr Hauptdarsteller Nourou Cissokho ([1][Jean-Christophe Folly]),
       der Jason spielt, sieht sich als einziger Schwarzer unter lauter Weißen für
       einen kurzen Moment als diesen Elefanten.
       
       Ob im glamourösen Hollywood oder im spröden Deutschland: Wenn Filme von
       Filmemachern handeln, ist meist Nabelschau im Spiel. Regisseur Ulrich
       Köhler zieht in seinem Film, in dem „Medea“ der Film im Film ist, auf so
       vielen Ebenen so etwas wie Spiegel ein, dass die darin verarbeiteten
       eigenen Erfahrungen als Filmemacher fast schon wieder unkenntlich werden.
       
       Die thematischen Reflexionen rund um das „Medea“-Thema sind noch die am
       einfachsten zu fassenden. Im Film-im-Film wird Medea von Maja (Maren
       Eggert) verkörpert, als eine Art Germanin, die in einem Flüchtlingsboot mit
       Jason und den Söhnen zusammen in Senegal um Asyl bittet. Das filmische
       Konzept steckt die Figuren in antikisierende Kostüme, belässt die Umgebung
       aber in der Moderne, in der junge Männer auf Jetskis Wellen schlagen.
       
       Was Regisseurin Caroline damit im Film erreicht, kann man als
       Zuschauer:in von „Gavagai“ nur bedingt erfassen. Auch weil sich von der
       ersten Szene an der Dreh selbst, die nächste Reflexionsebene, dazwischen
       schiebt. Da sieht man eine leicht überforderte Regisseurin die Aufnahme
       einer Szene unterbrechen, an der ihr nichts zu passen scheint. Die Söhne im
       Boot sollen keine Schwimmwesten tragen – man sagt ihr, das sei Vorschrift
       –, Maja soll nicht so bürgerlich daherkommen, die Kostüme setzen die
       falschen Akzente.
       
       ## „Fütterung“ der Statisten
       
       Wenn sich die weiße Regisseurin über die Schwarzen Mitarbeiter am Set
       aufregt, sieht das nicht gut aus. Erst recht, als sich herausstellt, dass
       es eine Hierarchie gibt, die die Schwarzen, am Drehort Senegal rekrutierten
       Statisten, vom Catering-Service ausschließt. Um bessere Stimmung zu machen,
       ordnet Caroline Hühnchen für alle an, was wiederum böse Kommentare über
       „Fütterung“ nach sich zieht.
       
       Vielleicht gehen Jason-Darsteller Nourou und Medea-Darstellerin Maja hinter
       den Kulissen auch deshalb ein Verhältnis miteinander ein, weil es sich für
       sie so anfühlt, als würden sie die rassistischen Spannungen damit
       überwinden. Aber ihre jeweiligen Lebenslagen sind so unterschiedlich, dass
       man für ihre Liebe nur schwer eine Zukunft sieht: Nourou lebt in
       Frankreich, wo er sich nicht angekommen fühlt, wird aber im Senegal
       seinerseits als Fremder wahrgenommen. Maja hat in Berlin ein Kind und einen
       Mann, von dem sie sich scheiden lässt.
       
       Soweit bewegt sich Köhler mit „Gavagai“ noch auf einigermaßen vertrautem
       Terrain: Ein Film-im-Film und seine Entstehung bilden bestimmte
       Machtverhältnisse und Rassismus-Erfahrungen ab. Im nächsten Schritt wagt er
       etwas Komplizierteres und versucht die Darstellung einer Rezeption. Wie
       käme eine von Caroline gedrehte „Medea“-Neufassung im Berlin von heute an?
       
       ## Er fühlt sich doppelt entmündigt
       
       Auch da gibt es das Premieren-Drumherum, dass von Alltagsrassismus und
       Machtstrukturen durchsetzt ist. Man sieht Nourou, der sich im Foyer des
       Interkonti angekommen, erstmal eine Zigarette dreht und vom polnischen
       Türsteher eilfertig darauf hingewiesen wird, dass hier nicht geraucht
       werden darf. Die Situation eskaliert schnell und in vertrauten Bahnen. Der
       Türsteher will Nourous Ausweis sehen, Nourou will sich als Hotelgast nicht
       herumbefehligen lassen.
       
       Als Maja – „Long time no see!“ – dazukommt, wird alles nur noch schlimmer.
       Maja bezieht die Hotelleitung mit ein und fordert eine Entschuldigung für
       Nourou. Dieser fühlt sich durch Majas Auftreten doppelt entmündigt.
       
       So wird Jason-Darsteller Nourou quasi selbst zu Medea. Er behauptet, Maja
       aus Liebe nach Berlin gefolgt zu sein. Maja selbst aber scheint an der
       Fortsetzung der Affäre, an ihrer Kriegsbeute, wenn man so will, nur noch am
       Rande interessiert. Ist ihr Einsatz dafür, dass der vermeintlich
       rassistische Türsteher entlassen wird, Kompensation eines Schuldgefühls
       gegenüber Nourou? Dieser erlebt seinen eigenen Gutmenschen-Frust, als er
       sich wiederum beim Türsteher entschuldigen will und im Taxi eines ihn
       subtil bedrohenden [2][Mišel Matičević] landet.
       
       Dass [3][Köhler hier vielerlei eigene Erfahrungen rund um Dreh und Premiere
       seines Films „Schlafkrankheit“ (2011)] verarbeitet, liegt auf der Hand und
       bleibt doch hinter all den Spiegelungen gut versteckt. So vermag „Gavagai“
       – der Titel benennt die prinzipielle Schwierigkeit des Verstehens – zwar
       mit der Vielfalt seiner Reflexionen zu faszinieren, auf emotionaler Ebene
       aber hält er zu viel zurück, um mitzureißen oder zu berühren.
       
       3 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Barbara Schweizerhof
       
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