# taz.de -- Linken-Politiker Ferat Koçak: Neuköllner Anliegen im Bundestag
> Nach seinem ersten Jahr im Bundestag lädt der linke Wahlkreisgewinner von
> Berlin-Neukölln zum Austausch. Dabei inszeniert er sich als
> Anti-Abgeordneter.
IMG Bild: Hoffnung mache ihm, wenn Menschen zusammen für etwas einstehen, sagt Ferat Koçak bei seiner Kiezversammlung
Das Erste, was Ferat Koçak bei seiner Kiezversammlung macht, ist, sich zu
entschuldigen. „Ich bin ganz schön aufgeregt“, erklärt er, nachdem er auf
der Bühne Platz genommen hat. „Hier jetzt Rechenschaft abzulegen, das ist
das Wichtigste. Hier sind wir zu Hause“, sagt der Linkenpolitiker. „Das ist
nicht vergleichbar mit irgendeiner Rede im Bundestag.“ In Berlin-Neukölln
zu sein, die Neuköllner und ihre Anliegen zu hören, das sei nach wie vor
seine Priorität.
Damit hat Koçak den Ton gesetzt. Denn der Bundestag, das sind aus seiner
Sicht irgendwie immer noch die anderen. „Die Politiker sind eine andere
Spezies“, erläutert er seine Erkenntnis nach einem Jahr als
Bundestagsabgeordneter. „Sie bekommen sehr viel Gehalt, und das lässt sie
den Bezug zur Realität verlieren.“ Er würde daher ja auch sein Gehalt auf
2.500 Euro deckeln und das, was überbleibt, über den Sozialfonds seines
Wahlkreisbüros verteilen.
Koçak, von 2021 bis 2025 schon Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses,
hatte am Mittwoch ins Sudhaus im Global Village in Neukölln eingeladen. Er
wollte Bilanz ziehen nach seinem ersten Jahr als Bundesparlamentarier und
in den Austausch mit seinen Wähler*innen gehen. Nach den Neuwahlen im
vergangenen Februar hatte sich der aktuelle Bundestag Ende März
konstituiert. Koçak ist als direkt gewählter Abgeordneter für Neukölln der
[1][bundesweit erste Linken-Politiker, der einen rein westdeutschen
Wahlkreis] gewinnen konnte.
## Agenda 2030 als Drohkulisse
Über die Parlamentarier*innen sagt er: „Die wollen, dass wir uns
krank arbeiten.“ Die Abgeordneten hätten „null Plan, um den hart
arbeitenden Menschen zu helfen“, sagt Koçak vor rund 100 Menschen, die am
Mittwochabend zu seiner Kiezversammlung gekommen sind. „Egal, woher wir
kommen, wir wollen ein gutes Leben für uns und unsere Familien“, sagt er.
[2][Mit der Agenda 2030 allerdings drohe ein Abbau des Sozialstaats] und
eine „Situation, die es noch nie in Deutschland gegeben hat“, sagt er.
Gleichzeitig würden sie die Polizeigesetze verschärfen und diejenigen, die
für ihre Rechte auf die Straße gingen, noch als Extremisten darstellen,
„wir sehen das bei den Protesten für Gaza“. Und [3][während Milliarden für
die Bundeswehr da seien], werde bei der Kinder- und Jugendarbeit gekürzt.
Wenn es keine Jugendclubs mehr gebe, bliebe Jugendlichen ja kaum etwas
anderes als der Bund. „Es ist ein Generalangriff auf unser Leben“, sagt
Koçak. „Wir müssen den Druck von der Straße erhöhen.“
Aber eigentlich ist er ja hier, um sich „die Themen, die Sorgen, aber auch
die Ideen und Hoffnungen“ seiner Wähler*innen anzuhören. Eine Handvoll
Leute meldet sich, am Saalmikrofon stellen sie Fragen von „Wie bedroht die
KI unser Arbeitsleben?“ bis zu „Wie ist die Zusammenarbeit mit der Partei
im Bundestag?“. Die Partei habe sich gewandelt, dank vieler neuer junger,
migrantischer und queerer Mitglieder, antwortet Koçak etwas vage.
Eine Frau sagt: „Deine Schlussfolgerung zum Zusammenhang zwischen gekürzter
Jugendarbeit und Wehrdienst finde ich leider sehr unterkomplex.“ Zunehmend
seien auch die Menschen in Deutschland bedroht, aktuell bereits von
Cyber-Angriffen. „Was heißt konkret Verteidigung, und was bedeuten
zerstörte Häuserblocks in der Ukraine für uns hier?“, sagt sie. „Da brauche
ich ganz andere Antworten.“
## Alltag im Bundestag
Ein Zuhörer will wissen, wie er es schaffe, verschiedene Themen
unterzubringen. Der Bundestag sei der Logik nach ja ein Arbeitsparlament,
in dem alle Expert*in für ihren eigenen Bereich seien. „Die Themen bringe
ich nicht nur über meine Reden ein, sondern auch über die
Fraktionssitzungen, wo wir Anträge mitgestalten“, sagt er. Auch über
Anfragen und Gesetzestexte [4][würden sie Sichtbarkeit für Neuköllner
Anliegen] schaffen. Zu der Frau davor sagt er: „Mit Krieg wird Angst
geschürt“, wichtig sei aber die Sicherheit, die bei den Leuten im Alltag
ankomme, etwa genügend Geld im Alter, offene Jugendzentren, Auskommen auch
bei Teilzeitarbeit oder Demos ohne Angriffe.
„Es ist schon hart. Merz & Co wollen, dass es noch härter wird“, beschließt
Koçak nach etwa einer Stunde den Austausch. Doch es gebe ihm Hoffnung, denn
wo immer Menschen zusammenstünden, könnten sie etwas erreichen. „Beim
Krankenhaus Neukölln sind die Mitarbeiter*innen in einen unbefristeten
Streik eingetreten, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen“, sagt er.
Er sei zuversichtlich, dass sie am Ende erfolgreich seien, und erzählt von
einer Mitarbeiterin aus der Reinigung, die ihm ihre Hände gezeigt habe. „So
einen Job, den kann niemand bis 70 machen“, schimpft Koçak. Das gehe
höchstens „als Politiker, wo du bisschen liest und bisschen Papier hin- und
herschiebst“.
30 Apr 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Uta Schleiermacher
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