# taz.de -- Bundeshaushalt 2027: Elfmal so viel Geld für Waffen wie für globale Entwicklung
> Hilfsorganisationen kritisieren die erneuten Kürzungen bei
> Entwicklungszusammenarbeit im Etat 2027. Sie warnen vor der Verschärfung
> aktueller Krisen.
IMG Bild: 11-mal so hoch wie der Etat des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ): die Mittel des Verteidigungsministeriums
Es gab einmal das Ziel, dass jeder Euro mehr für Verteidigung auch noch
einmal für Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben werden soll. So hatte es
die Ampelregierung im Koalitionsvertrag stehen. Eingehalten hatte sie es
zwar nicht. Die neue Regierung setzt jedoch ganz andere Maßstäbe. Nach den
am Mittwoch beschlossenen [1][Eckpunkten für den Bundeshaushalt 2027]
sollen die Verteidigungskosten weiter steigen und die Ausgaben für
Entwicklungszusammenarbeit weiter sinken.
Der Etat des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) soll von 10 Milliarden
Euro auf 9,5 schrumpfen. Die Mittel des Verteidigungsministeriums wären
dann 11-mal so hoch. Im fünften Jahr in Folge soll an den Geldern zur
deutschen Armutsbekämpfung, Klimafinanzierung oder Krisenbewältigung im
Ausland gekürzt werden. Der Etat des BMZ ist seit 2022 um knapp ein Drittel
zurückgegangen. Die Aufschlüsselung der Mittel für humanitäre Hilfe, die
überwiegend das Auswärtige Amt finanziert, liegt noch nicht vor.
Der Verband der Hilfs- und Entwicklungsorganisationen Venro und drei seiner
Mitglieder – die Welthungerhilfe, One und Oxfam – warnten am Mittwoch
gemeinsam vor erneuten Einschnitten.
Oxfam-Vorständin Charlotte Becker kritisierte: „Kürzungen bei
Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfen machen nur einen Bruchteil
des Bundeshaushalts aus. Sie retten den Haushalt nicht, fehlen aber genau
dort, wo sie Leben retten können und Perspektiven.“
Venro-Vorstandsmitglied Michael Herbst betonte, während humanitäre Krisen
und bewaffnete Konflikte zunähmen, die Klimaerwärmung voranschreite und
Autokratie auf dem Vormarsch sei, sinke die Bereitschaft zur globalen
Entwicklung – für die [2][Erreichung der UN-Nachhaltige-Entwicklung-Ziele
(SDGs)]. „Deutschland sei Teil des Problems“. Und müsse mit dem
Bundeshaushalt 2027 wieder „ernsthaft geteilte globale Verantwortung“
übernehmen.
Venro fordert mindestens 11,2 Milliarden Euro für das
Entwicklungsministerium. So viel standen dem BMZ 2024 zur Verfügung. Für
humanitäre Hilfe müssten mindestens 2,8 Milliarden Euro vom Auswärtigen Amt
bereitgestellt werden, so der Verband. Aktuell liegt der Wert bei 1
Milliarde.
## Hoffnung auf Nachtragshaushalt
Die Möglichkeit, über sogenannte Nachtragshaushalte später zusätzliche
Gelder für Krisen zu verhandeln, sah Marlehn Thieme, Präsidentin der
deutschen Welthungerhilfe, kritisch. Wenn, wie befürchtet, etwa 40
Millionen Menschen mehr in Armut rutschten und Hunger litten, werde das
Thema sein: „Wie viel Presse brauchen wir, um einen Nachtragshaushalt
hinzubekommen? Wie viel Elend muss erst sichtbar werden?“
Lisa Ditlmann von der Entwicklungsorganisation One hob hervor, dass es um
ein Vielfaches teurer sei, auf Krisen zu reagieren, als ihnen vorzubeugen.
Entwicklungspolitische Erfolge in Gesundheit und Bildung könnten leicht
rückgängig gemacht werden. Ditlmann betonte auch wirtschaftliche Gewinne
durch Entwicklungspolitik: Sicherung von Exporteinnahmen und Aufträge für
deutsche Unternehmen. „Entwicklungszusammenarbeit sichert circa 88.000
Arbeitsplätze“, so Ditlmann.
Kritik gab es aber auch an der stärkeren wirtschaftlichen und
geopolitischen Ausrichtung von Entwicklungspolitik, wie sie die Reformpläne
von Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) vorsehen.
Bislang sei noch nicht klar, welche Auswirkungen die Neuausrichtung und
Kürzungen selbst in diesem Jahr haben, sagte Thieme von der
Welthungerhilfe. Sie werde beobachten, wie viel am Ende Unternehmen
profitierten und wie viel Geld Nichtregierungsorganisationen erhielten.
Becker ergänzte: „Es ist eine große Sorge, dass Investitionen sehr
wahrscheinlich in Ländern getätigt werden, die wirtschaftlich schon relativ
weit entwickelt sind“, nicht aber in den ärmsten Ländern. „Und genau da ist
natürlich der Bedarf an Hilfe besonders groß.“
Kritik an den Reformplanen kommt auch von Grünen und Linken. Ende Februar
hatte Alabali Radovan im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung darauf reagiert und unter anderem betont, dass in der
bilateralen Zusammenarbeit auch zukünftig die Unterstützung die ärmsten
Länder im Fokus stehe.
Die Grünen-Bundestagsfraktion wollte in einer Kleinen Anfrage an die
Bundesregierung wissen, wie die Bundesregierung plant, die völkerrechtlich
vereinbarten Ziele einzuhalten, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für
Entwicklung und 0,2 Prozent für die ärmsten Länder (LDCs) zu verwenden. Die
Antwort: Es bleiben „wichtige internationale Ziele“. Zur zukünftigen
Ausgestaltung des BMZ-Haushalts könnten jedoch keine Aussagen gemacht
werden. [3][2025 sank die sogenannte ODA-Quote auf 0,56 Prozent].
## Vage Antworten
Auf die Frage, ob die Bundesregierung auch in Zukunft mindestens 6
Milliarden Euro jährlich für die internationale Klimafinanzierung und
mindestens 1,5 Milliarden jährlich für Biodiversität bereitstellen werde,
blieb die Antwort vage: Die Regierung werde „weiterhin ihren fairen Anteil“
leisten.
„Die Antworten auf unsere Kleine Anfrage lassen zentrale Fragen offen: Wie
die [4][Nord-Süd-Kommission] arbeiten soll, welche Vorhaben konkret gekürzt
werden, wie Deutschland seine internationalen Zusagen noch einhalten will –
Fehlanzeige“, kommentiert Bundestagsabgeordnete Schahina Gambir von den
Grünen auf Anfrage der taz. Parteikollegin und entwicklungspolitische
Sprecherin Claudia Roth kritisierte: „Wer internationale Zusagen macht, sie
aber im Haushalt nicht ausreichend finanziert, verspielt Vertrauen und
Glaubwürdigkeit bei unseren Partner*innen und der Zivilgesellschaft –
und untergräbt die Grundlagen wirksamer Entwicklungszusammenarbeit.“
Die Fraktion die Linke hatte Mitte April einen Gegenantrag in den Bundestag
gebracht. Sie will den „Einfluss von Milliardären weltweit“ zurückdrängen
und „globale Gerechtigkeit durch mehr Umverteilung und
Entwicklungszusammenarbeit voranbringen“. Unter anderem sollen
Freihandelsabkommen einem „Gerechtigkeitscheck“ unterliegen, die 0,7
Prozent ODA-Quote erreicht und die globale Superreichensteuer unterstützt
werden.
30 Apr 2026
## LINKS
DIR [1] /Bundeshaushalt-2027/!6174655
DIR [2] /Nachhaltigkeitsziele-der-UN/!5957909
DIR [3] /OECD-Zahlen/!6169474
DIR [4] /Vorschlag-der-SPD-Fraktion/!6163490
## AUTOREN
DIR Leila van Rinsum
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