# taz.de -- Pressefreiheit in Tschechien: Vorbild Ungarn?
> Die tschechische Regierung plant, die Rundfunkgebühren abzuschaffen und
> die Sender aus dem Haushalt zu finanzieren. Kritiker warnen vor stärkerer
> Einflussnahme.
IMG Bild: Tausende von Studenten nehmen am 22. April 2026 an einer Demonstration zur Unterstützung der öffentlichen Medien in Prag teil
Die tschechische Regierung greift nach dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk:
Die Koalition aus der rechtspopulistischen ANO sowie den
Rechtsaußen-Parteien SPD und Motoristen will die Rundfunkgebühren
abschaffen. Sowohl das tschechische Fernsehen (ČT) als auch der Hörfunk
(ČRo) sollen ab Januar 2027 direkt aus dem Staatshaushalt finanziert
werden. Mit der Änderung hätte die Regierung deutlich mehr Möglichkeiten
zur Einflussnahme.
Als Begründung verweist Prag auf einen angeblichen europäischen Trend: Das
Gebührensystem sei veraltet, nur in zehn EU-Ländern würden noch Gebühren
erhoben, und auch diese dächten über einen Ausstieg nach. Der Vergleich
hinkt: Länder wie Frankreich oder Dänemark haben die Gebühr zwar
abgeschafft, aber durch zweckgebundene Steuermodelle ersetzt – nicht durch
direkte Staatsfinanzierung, wie Tschechien sie plant.
Beide Sender zusammen sollen künftig 7,8 Milliarden tschechische Kronen
(rund 320 Mio. Euro) aus dem Staatshaushalt erhalten – fast 18 Prozent
weniger als derzeit über die Gebühreneinnahmen. Die Mittel sollen
inflationsindexiert sein, der Zuwachs aber auf fünf Prozent gedeckelt
werden. Noch vor Inkrafttreten plant die Koalition einen Zwischenschritt:
Ab Mitte 2026 sollen Senioren über 75, Unter-26-Jährige und Unternehmen von
der Gebührenpflicht befreit werden, was die Sender schon früher unter Druck
setzt.
Eine Fusion beider Häuser ist laut Kulturminister Oto Klempíř nicht
geplant, die bisherigen Aufsichtsräte bleiben bestehen. Formal soll keine
staatliche oder politische Instanz den Sendern übergeordnet sein.
[1][Ministerpräsident Andrej Babiš (ANO)] signalisierte zuletzt
Gesprächsbereitschaft. Entscheidend ist laut Babiš, dass beide Sender über
ausreichende Mittel und finanzielle Sicherheit verfügten.
## Entlassungen vorprogrammiert
Die Senderchefs schlagen dennoch Alarm. ČT-Generaldirektor Hynek Chudárek
erklärte, mit dem vorgeschlagenen Budget seien Entlassungen unvermeidlich.
ČRo-Direktor René Zavoral hält das bestehende Gebührensystem für stabil,
unabhängig und fair für alle. Eine staatliche Finanzierung bedeute nicht,
dass Bürger weniger zahlen. Sie täten es nur indirekt und damit letztlich
alle, auch die heute Befreiten. Schwerwiegender sei etwas anderes: „Eine
der Errungenschaften des November 1989 war die größtmögliche Unabhängigkeit
der öffentlich-rechtlichen Medien vom Staat. Der Vorschlag ist in dieser
Hinsicht ein Rückschritt.“
Die Belegschaft zieht mit. Über 3.000 der rund 4.500 Mitarbeiter beider
Häuser unterzeichneten eine Petition gegen die Regierungspläne. Am 22.
April riefen die Gewerkschaften beider Sender eine zeitlich unbegrenzte
Streikbereitschaft aus. Sollte die Koalition den Entwurf weiterverfolgen,
werde ein Streik im Programm spürbar sein.
Widerstand gab es zudem im Parlament: Abgeordnete der liberal-konservativen
Oppositionskoalition Spolu, der Bürgermeisterliste Stan und der
Piratenpartei sprachen von einem Angriff auf die Medienunabhängigkeit.
Stan-Parteichef Vít Rakušan zog einen drastischen Vergleich: Er wolle
nicht, dass Tschechien denselben Weg einschlage wie [2][Ungarn unter Viktor
Orbán]. Auch Staatspräsident Petr Pavel äußerte sich: Die Frage der
Finanzierungsform sei zweitrangig, entscheidend seien verlässliche
Garantien gegen politische Einflussnahme.
Auch international schlagen die Pläne Wellen: 15
Pressefreiheitsorganisationen, darunter „Reporter ohne Grenzen“ und das
International Press Institute (IPI), riefen die EU-Kommission auf, den
Entwurf auf seine Vereinbarkeit mit dem European Media Freedom Act zu
prüfen. Die geplante Reform gilt als Test der neuen EU-Mediengesetzgebung
und ist, nach dem Verfahren gegen Ungarn Ende 2025, der zweite Fall dieser
Art.
5 May 2026
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## AUTOREN
DIR Florian Bayer
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