# taz.de -- Naher Osten: Nur eine Atempause?
> Selbst wenn der Irankrieg endet – ein neuer Konflikt wartet schon. Das
> früher Unvorstellbare ist möglich: ein Krieg zwischen Israel und der
> Türkei.
IMG Bild: Komplizierte Verhältnisse: Die Türkei unterstützt Ahmed al-Scharaa, Israel lässt Syrien bombardieren. Erdogan und der syrische Präsident
Was machen wir, wenn Israel Istanbul bombardiert? Die Frage scheint völlig
irrational und wäre vor dem Angriff Israels und der USA auf den Iran wohl
auch nicht gestellt worden. Doch seit sich die rechtsradikale israelische
Regierung von Benjamin Netanjahu [1][offen als „neues Sparta“ bekennt] und
ihre politischen Ziele auch zukünftig mit militärischen Mitteln erreichen
will, ist die Frage nicht mehr ganz so abwegig. Der Krieg im Nachbarland
Iran macht vielen Menschen Angst. Sie fürchten, dass der Irankrieg sich
ausweiten – oder aber, dass nach dem Ende Krieges die Türkei ins Fadenkreuz
Israels geraten könnte. Wenn Iran als militärischer Akteur zumindest
vorläufig ausgeschaltet sein sollte, kommen andere Staaten in den Fokus,
die sich den großisraelischen Ambitionen der Netanjahu-Regierung in den Weg
stellen könnten – oder aber von Israel als potenzielle Gegner ihrer Politik
identifiziert werden. Eines dieser Länder ist die Türkei.
Seit Langem profiliert sich der türkische Präsident Erdoğan als Vorkämpfer
für die Rechte der Palästinenser. Seit Erdoğan 2003 an die Macht kam, hat
sich das Verhältnis der Türkei zu Israel kontinuierlich verschlechtert.
Schauplatz der Auseinandersetzung ist Syrien und dort vor allem die
kurdische Frage. Die Türkei will einen ihr wohlgesonnenen stabilen und
starken Zentralstaat, Israel will genau das Gegenteil. Die
Netanjahu-Regierung glaubt, ein in ethnisch und religiös zersplitterter
Nachbar würde ihrer Sicherheit am besten dienen.
Seit dem Sturz Assads hat die Türkei Interimspräsident Ahmed al-Scharaa
massiv unterstützt. Netanjahu macht das Gegenteil: [2][Er ließ Syrien
bombardieren], angeblich um das militärische Equipment der alten Regierung
zu beseitigen, besetzte eine demilitarisierte Pufferzone an den Golan-Höhen
und ermuntert die drusische Minderheit Syriens zur Abspaltung. Ähnlich
agiert Netanjahu gegenüber den Kurden. Er unterstützt deren
Autonomiebestrebungen, um Syrien zu destabilisieren und Erdoğans Bemühungen
einer Beendigung des Krieges mit den Kurden zu unterlaufen. Direkt nach dem
Sturz von Assad im 2024 hatte Netanjahu eine Strategiekommission
eingesetzt, die bereits einen Monat später ihre Empfehlungen vorlegte: Der
Bericht identifiziert die Türkei als die größte Bedrohung für Israel und
empfiehlt, sich auf eine direkte militärische Konfrontation mit der Türkei
vorzubereiten.
Aber ist das nicht völlig abwegig? Die Türkei ist ein Nato-Staat, und
Donald Trump unterhält zu Erdoğan fast so gute Beziehungen wie zu
Netanjahu. Und hat nicht Trump dafür gesorgt, dass Israels
Destruktionspolitik in Syrien nicht zum Tragen kam? Auf Drängen der Saudis
und der Türkei hat er al-Sharaa empfangen und die Sanktionen gegen Syrien
aufheben lassen. Die US-Armee hat die Kurden fallen gelassen und es
al-Sharaa so ermöglicht, die kurdischen Autonomiebestrebungen abzuwehren
und ein Abkommen zu erzwingen, das die Integration der kurdischen Milizen
in die Zentralarmee vorsieht.
Alles richtig, doch dann kam der gemeinsame Angriff mit Israel auf Iran.
Der vermeintlich vernichtende Schlag gegen die Mullahs ist zu Trumps
Albtraum geworden. Nicht nur die Weltwirtschaft, auch die Nato steht
seitdem mehr denn je auf dem Spiel. Im Juli findet der jährliche
Nato-Gipfel ausgerechnet in Ankara statt. Er könnte zum Abgesang der Nato,
wie sie bisher war, werden. Trump will raus aus dem Irankrieg, er will raus
aus dem Nahen Osten und er hat die Nase voll von der Nato. Bereits jetzt
formen sich neue Allianzen, die den Konflikt zwischen Israel und der Türkei
zukünftig befeuern werden. Israel schließt sich eng mit den türkischen
Gegnern Griechenland und Zypern zusammen. Die Türkei setzt im Gegenzug auf
Ägypten, das Israels Gazakrieg genauso massiv kritisiert wie die Türkei.
Die Saudis und die Golfstaaten sind von den USA frustriert und suchen
ebenfalls neue regionale Allianzen, beispielsweise mit Pakistan, das
wiederum eng mit der Türkei verbunden ist.
Da die israelische Rechte eine Zweistaatenlösung mit den Palästinensern
strikt ablehnt und stattdessen von Großisrael träumt, dürfte ein Ende des
Irankriegs und der Rückzug der USA nur eine Atempause vor einem neuen
Waffengang bringen. Und in dem könnten sich im schlimmsten Fall tatsächlich
Israel und die Türkei gegenüberstehen. Sicher: Israelische Bomber über
Istanbul sind nach wie vor eine kaum vorstellbare Schreckensvision. Vieles
steht dem entgegen – Netanjahu könnte die Wahl im Herbst verlieren, Trump
durch eine Niederlage bei den Kongresswahlen im November zu einer
rationaleren Außenpolitik gezwungen werden und die Nato auch nach dem
Gipfel in Ankara noch in der Lage sein, einen bewaffneten Konflikt im
eigenen Lager zu verhindern, doch auch die Zündler stehen weiterhin in den
Startlöchern. In Israel sowieso, aber auch Erdoğan käme ein eskalierender
Konflikt mit Israel durchaus zupass. In der Türkei finden wahrscheinlich im
kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen statt: Um überhaupt noch einmal
antreten zu können, muss er vorgezogene Wahlen durchsetzen, um seine
aktuelle Amtszeit vorzeitig zu beenden. Nur dann erlaubt die Verfassung,
dass er noch einmal antritt, weil das dann nicht als seine dritte Runde als
Präsidentskandidat zählen wird.
Auf den ersten Blick ist die Lage für Erdoğan hoffnungslos. Die türkische
Wirtschaft kommt seit Jahren nicht aus der Krise, die Bevölkerung verarmt.
Entsprechend schlecht sind seine Umfragewerte. Doch Erdoğan hat vorgesorgt.
Er hat fast alle wichtigen Personen der Opposition verhaften lassen – und
Israels brutale Kriege in Gaza und dem Libanon und dessen Vorgehen in
Westjordanland spielen ihm in die Hände. Die Islamisten und damit seine AKP
triumphieren über die Heuchelei des Westens, was die säkulare Opposition
schwächt. Eine Verschärfung des Konflikts mit Israel würde ihm bei der Wahl
zweifellos helfen. Und der eigene Machterhalt ist für Erdoğan genauso
wichtig wie für Netanjahu.
3 May 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.juedische-allgemeine.de/israel/netanjahus-ungluecklicher-sparta-vergleich/
DIR [2] /Ein-Jahr-nach-Assads-Sturz/!6134181
## AUTOREN
DIR Jürgen Gottschlich
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