# taz.de -- Vereinigte Staaten von Europa: Gegen nationale Borniertheit
> Eine Antwort auf Angriffe gegen Europa sind die Vereinigten Staaten von
> Europa. Dafür braucht es die Zivilgesellschaft, aber die ist leider
> schwach.
IMG Bild: am Rande einer Fridays for Future Demo in Berlin, nahe Brandenburger Tor
Mit dem Irankrieg und der Grönland-Krise ist es unübersehbar: Wir leben „in
einer Ära der Großmächte, in der die Starken tun, was sie können, und die
Schwachen erleiden, was sie müssen“. So hat es der kanadische Premier Mark
Carney in Davos auf den Punkt gebracht. Carney zählt zu den wenigen
Regierungschefs im Westen, die das Ausmaß der Veränderung benannt haben.
Die meisten seiner Amtskolleg*innen in Europa versuchen es noch immer
mit einem business as usual. Das ist gefährlich.
Und was tut die kritische Zivilgesellschaft? Sie ist – man muss es leider
so hart sagen – derzeit ein Totalausfall. Ausgerechnet von jener Kraft, die
oft als erste Veränderung einforderte, hört man wenig. Ein Weckruf ist
daher bitter nötig: Lasst uns auf den Straßen dieses Kontinents eine
Bewegung formen! Eine Bewegung, die den Autokraten und Oligarchen dieser
Welt etwas entgegensetzt: Europa! Ein Europa, das sich enger
zusammenschließt und handlungsfähig wird. Das seine Demokratie ausbaut. Das
international mit den Mittelmächten kooperiert, die seine Werte teilen. Das
sich von den Autokraten unabhängig macht. Und das jene fossilen wie
digitalen Profitinteressen in die Schranken weist, die den Autoritarismus
überall antreiben.
Dabei ist klar: Mit Staatschef:innen wie Giorgia Meloni in Italien oder
dem Slowaken Robert Fico wird das nicht gehen. Nötig ist ein Europa der
Mutigen. Auch wenn Europa nicht in jedem Fall im gleichen Tempo läuft. So
führten bei der Währungsunion zunächst nur einige Länder den Euro ein und
entfernten im Schengenraum die Schlagbäume.
Deutschland zählte früher zu den Mutigen, lange Zeit gehörte auch die Union
dazu, sie war tatsächlich mal „Europapartei“. Die Wende kam, als die
Bundesregierung sich nach der Bankenkrise mit rigider Austeritätspolitik
aus der europäischen Solidarität verabschiedete. Ein gravierender Fehler,
der rechtsextremen Parteien den Weg ebnete. Auch heute sind es führende
Teile der Union, die zaudern und blockieren. Kanzler Friedrich Merz will
die transatlantische Partnerschaft „nicht voreilig abschreiben“. Den
Vorstoß des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für Eurobonds
hingegen blockierte Merz – und lässt ein „mehr Europa“ an Glaubenssätzen
wie der schwarzen Null scheitern. Als hätten nationale Borniertheit und
marktradikale Dogmen die EU nicht erst in die vertiefte Abhängigkeit
geführt.
Das zeigt: Wir dürfen Europa nicht weiter technokratischen Regierungen
überlassen. Die nötigen Veränderungen sind so tiefgreifend, dass sie ohne
gesellschaftliche Mobilisierung nicht kommen werden. Wir brauchen ein
„[1][Pulse of Europe 2.0]“ – diesmal allerdings getragen von einem breiten
Bündnis aus Gewerkschaften, Aktivist*innen, Unternehmen, Kirchen,
migrantischen sowie Umwelt- und Sozialverbänden. Mit den „Vereinigten
Staaten von Europa“ gibt es auch eine Vision: ein Europa, das seine Werte
wie Demokratie, Freiheit, soziale Gerechtigkeit verteidigt und sich in
einer gemeinsamen Kraftanstrengung unabhängig macht. Für so ein Europa der
Hoffnung würden viele Bürger*innen zu
Unabhängigkeitskämpfer*innen werden.
Aber was für eine Unabhängigkeit brauchen wir?
Erstens: Unabhängigkeit von fossilen Energien. Es ist ein historischer
Fehler, die Abhängigkeit von russischem Gas durch neue Abhängigkeit von
LNG-Importen aus den USA und Katar zu ersetzen. Was es jetzt braucht, ist
eine europäische Kraftanstrengung für eine Energie- und Wärmewende – und
zwar in einem rasanten Tempo.
Zweitens: Unabhängigkeit von den großen US-Techkonzernen. Die Unternehmen
kontrollieren alles: von den Social-Media-Plattformen über die zentralen
Daten-Clouds und KI-Anwendungen bis hin zu Satelliten. [2][Digitale
Souveränität] ist eine demokratische Notwendigkeit – und auch nur mit einer
europäischen Kraftanstrengung zu erreichen. Dafür muss Europa auf einer
Open-Source-Basis eine eigene Infrastruktur entwickeln.
Drittens: Unabhängigkeit in der Sicherheitspolitik. Da die USA als
Schutzmacht ausfallen, ist Sicherheit nicht mehr im nationalen Karo
denkbar. Sie ist auch nicht mit dem Primat marktkonformer Politik und
konkurrierender Rüstungskonzerne zu schaffen. Es braucht nun mutige
Schritte hin zu einer europäischen Armee und einem gemeinsamen
Beschaffungswesen.
## Frieden ohne militärische Sträke ist nicht möglich
Zugegeben: Eine Bewegung für ein unabhängiges Europa ist
voraussetzungsvoll. Die EU hat ein schlechtes Image. Zwar startete Brüssel
mit dem Green Deal das größte sozial-ökologische Reformprogramm, das die
Welt bisher gesehen hat. Aber die Kräfteverhältnisse sind schlecht: Gerade
setzt die EU wieder eine Agenda von Deregulierung und Abschottung um.
Allianzen über Landesgrenzen und Sprachbarrieren hinweg sind anspruchsvoll,
sie erfordern Einfühlungsvermögen für unterschiedliche Erfahrungen und
Zusammenhänge. Allerdings scheuen viele Organisationen der
Zivilgesellschaft selbst in diesen Zeiten, sich allgemeinpolitisch zu
positionieren. Zudem fehlt es der Zivilgesellschaft bei Fragen der
Sicherheitspolitik an Expertise. Viele Akteur*innen der alten
Friedensbewegung gestehen sich nicht ein (oder wollen es nicht erkennen),
dass in der neuen Weltordnung Frieden nicht ohne militärische Stärke
möglich ist. So bitter das ist.
Das technokratische Image der EU, komplizierte Bündnisprozesse, fehlende
Expertise – eine Bewegung für Europa zu schaffen ist schwierig. Doch die EU
ist das Beste, was wir haben, um den Autokraten entgegenzutreten. Einfach
war es auch 1832 nicht, als beim [3][Hambacher Fest] Zehntausende für ein
geeintes und demokratisches Deutschland einstanden. Ein solches Momentum
braucht es nun wieder – gegen nationale Kleinstaaterei, Tech-Oligarchen,
Autokraten. Und für eine europäische Demokratie.
So ein Momentum kann man nicht am Reißbrett planen. Die Wahrscheinlichkeit
indes ist hoch, dass US-Präsident Donald Trump bald den nächsten Anlass für
eine weitere Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen liefert.
Darauf sollten wir uns vorbereiten. Jetzt!
6 May 2026
## LINKS
DIR [1] /Pulse-of-Europe/!t5391133
DIR [2] /Kuenstliche-Intelligenz-und-Demokratie/!6168197
DIR [3] https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/das-hambacher-fest-1832
## AUTOREN
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