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       # taz.de -- Ivan Novak von Laibach im Gespräch: „Wir verhören den Mechanismus hinter dem Groove“
       
       > Ist das slowenische Künstlerkollektiv „sick of Music“, wie es auf dem
       > neuen Album heißt? Ivan Novak spricht über Luigi Mangione und ein Konzert
       > auf Kuba.
       
   IMG Bild: Ivan Novak mit der Abteilung für Lederhosen von Laibach
       
       taz: Wie viel „Blues Brothers“ steckt in Laibach? Die endlosen Tanzgesten
       in Ihrem aktuellen Video „Allgorhythm“ legen diese Frage nahe. 
       
       Ivan Novak: Die Tanzszenen aus dem US-Film „Blues Brothers“ wirken durch
       choreografierte Absurdität, als diszipliniertes Chaos. Dabei wird Bewegung
       zu einer Art komischer Maschinerie. In diesem Sinne lässt sich von einer
       entfernten Verwandtschaft sprechen. Die Abfolge von Tanzgesten in
       „Allgorhythm“ spiegelt diese Logik wider – nicht als Hommage, sondern als
       paralleler Mechanismus.
       
       taz: Sie wiederholen die „Blues Brothers“?
       
       Novak: Die anarchische Freude der „Blues Brothers“ wird in „Allgorhythm“ zu
       etwas, das eher einer algorithmischen Zwangshandlung nahekommt: eine
       Choreografie, die die Rhythmen des Scrollens, der Dateneingabe und der
       Verhaltenserfassung nachahmt. [1][Der Körper tanzt nicht mehr frei – er
       führt aus]. Wenn es bei uns Anklänge an die „Blues Brothers“ gibt, liegen
       sie weniger im Einfluss als in einer gemeinsamen strukturellen DNA – der
       Transformation von Musik und Bewegung in ein System. In der Absicht liegt
       der Unterschied: Die „Blues Brothers“ zelebrieren den Groove; Laibach
       verhören den Mechanismus dahinter.
       
       taz: In der Choreografie von „Allgorhythm“ drängt sich ein Vergleich mit
       dem Stummfilmklassiker „Modern Times“ von Charlie Chaplin auf. Durch die
       Arbeiten des US-Filmpioniers zieht sich eine existenzielle Traurigkeit, die
       auch Ihnen nicht ganz fremd scheint.
       
       Novak: Wahrscheinlich steckt mehr Chaplin in uns, als wir bereitwillig
       zugeben würden – aber auch hier nicht als Zitat, sondern als Affinität.
       [2][Chaplins Logik ist der von „Allgorhythm“ nicht allzu weit entfernt.]
       Gesten werden wiederholt, Bewegungen mechanisch absolviert, das Gefühl, der
       Körper ist in einer Schleife („Loop“) gefangen, die er nicht selbst
       entworfen hat – all das ist auch Chaplins Vision. Doch wo er Raum für einen
       Bruch lässt – damit der Körper rebellieren, stören, entkommen kann –, neigt
       unsere Choreografie dazu, den Loop zu schließen. Das System hat kein
       Außerhalb mehr; es ist verinnerlicht.
       
       taz: Und die Trauer? 
       
       Novak: Die Traurigkeit ist wesentlich. Bei Chaplin agiert sie als
       zerbrechlicher menschlicher Rest innerhalb der Maschine – eine Art Würde
       unter Druck. Unsere ist vielleicht abstrakter, weniger persönlich: nicht
       die Traurigkeit eines Individuums, sondern eines Zustands. Eine stille
       Einsicht, dass die Mechanismen, die wir einst nachahmten, nun unsere
       Lebenswelt geworden sind. Wenn Chaplin in Laibach steckt, dann nicht allein
       in der Geste, sondern in dem zugrunde liegenden Paradoxon: Humor als
       Vehikel für Unbehagen und Bewegung, als Möglichkeit sowohl der Kontrolle
       als auch des Kontrollverlustes.
       
       taz: Was ist eigentlich mit der guten alten Apokalypse passiert? Seit wann
       findet sie wie „Allgorhythm“ in Bonbonfarben statt? 
       
       Novak: Bei der „guten alten Apokalypse“ handelte es sich schon immer ebenso
       sehr um eine Frage der Ästhetik wie des Glaubens. Einst erschien sie in
       Schwarz-Weiß, in Rauch, Ruinen und Endgültigkeit. Heute entfaltet sie sich
       anders: nicht als Bruch, sondern als Zustand. In „Allgorhythm“ kündigt die
       Apokalypse sich nicht an – sie wiederholt sich in Endlosschleifen. Sie ist
       in Feeds verstreut, farblich weichgezeichnet, konsumierbar gemacht. Die
       Bonbonfarbpalette ist dabei kein Widerspruch, sondern Strategie:
       Katastrophe, übersetzt in Vergnügen, Kollaps, verpackt als Entertainment.
       Was ehedem furchterregend war, macht nunmehr süchtig.
       
       taz: „Iʼm sick of Music“ heißt es im Titelstück Ihres neuen Albums. Ist
       Ihnen Musik lästig? 
       
       Novak: Sie ist überbewertet und unverzichtbar zugleich. Und genau deshalb
       hält sie sich so hartnäckig. Musik hat schon immer zu viel versprochen:
       Transzendenz, Einheit, Befreiung, ja sogar Wahrheit. Diese Versprechen
       werden selten erfüllt, doch sie prägen weiterhin unsere Erwartungen. In
       diesem Sinne ist Musik überbewertet – nicht, weil es ihr an Kraft mangelt,
       sondern weil wir sie mit Erwartungen überfrachten, denen sie nicht
       gewachsen ist. Gleichzeitig ist sie eines der effizientesten Systeme, die
       je entwickelt wurden, um Emotionen, Erinnerung und kollektive Erfahrung zu
       organisieren. Sie umgeht die Sprache, verankert sich im Körper und
       wiederholt sich unermüdlich. Das macht es schwer, sie aufzugeben, selbst
       wenn man „die Musik satthat“. Mit genau diesem Widerspruch spielt „Musick“:
       Sättigung versus Abhängigkeit.
       
       taz: Liefern Sie mit der Schreibweise „Musick“ eine Referenz an den
       okkulten britischen Schriftsteller Aleister Crowley? 
       
       Novak: Die Schreibweise ist Absicht und steht – zumindest indirekt – [3][in
       Verbindung zu Aleister Crowley] und seiner Verwendung des Begriffs
       „Magick“. Crowley fügte das zusätzliche „k“ ein, um rituelle Praktiken von
       Bühnenillusionen abzugrenzen – um ein System zu kennzeichnen, das den
       Anspruch erhebt, auf die Realität einzuwirken, statt sie lediglich
       darzustellen. In diesem Sinne deutet der Wechsel von „music“ zu „Musick“
       auf eine ähnliche Verschiebung hin: von Entertainment zu Tätigkeit, von
       Ausdruck zu Mechanismus.
       
       taz: Der altertümliche Anklang ist also Absicht? 
       
       Novak: Die Schreibweise ist keine Erfindung von uns. „Musick“ ist eine
       archaische Form des Wortes – gebräuchlich im frühneuzeitlichen Englisch,
       bevor die Standardisierung es zu „music“ reduzierte. Der Begriff trägt
       daher ein historisches Echo in sich, eine Erinnerung daran, dass das, was
       wir heute als stabile, neutrale Kategorie betrachten, einst fließender,
       weniger festgefügt war, vielleicht näher an Ritual, Handwerk und Technik.
       Doch die Betonung ist auch zeitgenössisch.
       
       taz: Woran könnte Musik erkrankt sein? 
       
       Novak: „Musick“ enthält das Wort „sick“ – eine Sättigung, eine Erschöpfung,
       ja sogar eine Pathologie. Es verweist auf einen Zustand, in dem Musik nicht
       mehr einfach etwas ist, das wir hören, sondern etwas, in das wir bis zur
       Überdosis eintauchen. Der Begriff birgt Hingabe und Erschöpfung zugleich.
       Wenn es also eine Parallele zu Crowley gibt, dann ist diese eher
       struktureller als ideologischer Natur. Es geht nicht um die Übernahme
       okkulter Lehren, sondern um die Erkenntnis, dass Musik – wie „Magick“ –
       schon immer als System der Beeinflussung, Suggestion und Transformation
       fungiert hat.
       
       taz: Bei „Musick“ und „Allgorhythm“ kooperieren Sie mit der ghanaischen
       Sängerin Wiyaala. Ghana zählte zusammen mit Jugoslawien 1961 zu den
       Gründungsmitgliedern der Organisation der Blockfreien Staaten. Ist das
       Zufall? 
       
       Novak: Unsere Kooperation mit Wiyaala war nicht als geopolitisches
       Statement gedacht. Sie entstand aus künstlerischer Verbundenheit – Stimme,
       Präsenz und einer gewissen Klarheit im Ausdruck. Doch sobald eine solche
       Verbindung besteht, beginnt sie unweigerlich, in anderen Bereichen
       nachzuklingen. Es ist also kein direkter Verweis. Eher handelt es sich um
       eine bedeutungsvolle Resonanz. Manche Verbindungen zeigen sich erst
       retrospektiv – doch sobald sie auftauchen, wirken sie fast unvermeidlich.
       Schließlich wäre es passend, wenn diese historische Blockfreiheit – weder
       Ost noch West, sondern etwas Neutrales und Unabhängiges – eine gewisse
       poetische Kontinuität bewahren könnte.
       
       taz: Wie viel von einem Hajduk, einem Balkan-Outlaw, steckt in Luigi
       Mangione, der dringend der Tötung des US-Multimillionärs und
       Versicherungsunternehmers Brian Thompson verdächtigt wird? Sein Name ist zu
       einem Songtitel Ihres neuen Albums geworden. 
       
       Novak: Die Frage ist, wie man Hajduk definiert. Nimmt man die Figur in
       ihrem historischen Sinn – den balkanischen Gesetzlosen am Rande der Macht,
       der sich zugleich kriminell und heroisch der Autorität widersetzt, während
       er doch unweigerlich von ihr geprägt ist –, dann geht es weniger um die
       Biografie als um die Position. [4][Luigi Mangione] ist kein Gesetzloser im
       traditionellen, territorialen oder politischen Sinne. Aber es ist eine
       symbolischere Lesart möglich. Ein Hajduk ist auch eine Figur der
       Entwurzelung – jemand, der sich zwischen Systemen bewegt, der nirgendwo
       ganz hingehört, der sich mit Strukturen auseinandersetzt, ohne sich ihnen
       vollständig zu unterwerfen. In diesem lockereren, metaphorischen Sinne ist
       Mangione nur teilweise ein Hajduk: kein Rebell im klassischen Sinne,
       sondern jemand, der sich am Rande der Macht bewegt – ohne die Mythologie,
       die eine solche Rolle normalerweise begleitet.
       
       taz: Was interessiert Laibach an einem Mordverdächtigen? 
       
       Novak: Unser Song knüpft an eine Ahnengalerie von Gesetzlosen an, die zu
       Popikonen wurden – von Jesse James über Bonnie & Clyde bis hin zu Luigi
       Mangione selbst. Zu ihnen fühlte sich Populärkultur schon immer hingezogen.
       Insbesondere die Vereinigten Staaten hegen anhaltende Faszination für
       Rebellen, vor allem dort, wo sich diese Faszination mit der Mythologie des
       Wilden Westens überschneidet. Wenn Luigi Mangione etwas von einem Hajduk an
       sich hat, dann eher als mattes Echo denn als bestimmendes Merkmal.
       
       taz: Und wann ist mit einem Laibach-Konzert auf Kuba zu rechnen? 
       
       Novak: Leider waren wir bis jetzt noch nie in der Karibik – da haben uns
       die Rolling Stones etwas voraus! Grundsätzlich treten wir nur dort auf,
       wohin wir eingeladen werden. Vielleicht warten die Kubaner ab, bis Trump
       und die USA sie zuerst angreifen – dann könnte unsere konkrete Hilfe
       gefragt sein.
       
       7 May 2026
       
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