# taz.de -- Astrophysiker über außerirdisches Leben: „Intelligente Schildkröten sind auch etwas Lustiges“
> Auf Planeten in anderen Planetensystemen gibt es dauerhaft flüssiges
> Wasser. Deshalb ist dort auch Leben möglich, sagt Wolfgang J. Duschl.
IMG Bild: Leben möglich: Der Exoplanet K2-18b
taz: Herr Duschl, wenn Sie als Astrophysiker von der Umgebung
Schleswig-Holsteins sprechen, ist damit unser Sonnensystem gemeint?
Wolfgang Duschl: Das ist ja nur die nähere Umgebung. Ich werde meinen
Vortrag mit der Entfernung von Kiel bis Ahrensburg beginnen. Und dann
arbeite ich mich weiter bis zum Andromedanebel. Ich will dabei vor allem
zeigen, wie in der Astrophysik Raum und Zeit zusammenhängen.
taz: Geht es also darum, dass sich nichts schneller als das Licht bewegen
kann?
Duschl: Ja! Für die Entfernung von Kiel bis Ahrensburg brauchen das Licht
oder eine Radiowelle weniger als eine Tausendstelsekunde. Bei den
Funksprüchen der Flüge zu Mond waren es aber schon spürbare Verzögerungen.
Am Tag des Vortrags wären das 2,7 Sekunden. Zum Mars ist es dann schon eine
Viertelstunde und darum ist autonomes Fahren dort seit Jahrzehnten ein
alter Hut. Das musste von Anfang an funktionieren, denn wenn ich für jede
Antwort eine halbe Stunde brauche, kann ich keine Sonde mehr steuern.
taz: Und was ist die nächste Station dieser Raum- und Zeitreise?
Duschl: Ich arbeite mich dann weiter zum am weitesten entfernten Objekt,
das Menschen gebaut haben. Das ist die Sonde „Voyager 1“, die vor 49 Jahren
losgeschickt wurde. Von ihr zu uns braucht das Licht schon fast einen Tag.
taz: Aber wird es nicht erst wirklich interessant außerhalb unseres
Sonnensystems?
Duschl: Genau! Der nächste Stern Alpha Centauri ist etwas über vier
Lichtjahre von uns entfernt. Und wenn uns dort jemand abhören würde, dann
könnten die das hören, was bei uns vor vier Jahren passiert ist. Zum
Andromedanebel sind es dann schon 2 Millionen Jahre. Und das ist in der
Astrophysik die nächste kosmische Umgebung.
taz: Wenn es also irgendeine Art von Spiegelung im Kosmos geben würde,
könnten wir darin unsere Erde vor Millionen von Jahren sehen?
Duschl: Ganz genau! Wir als Individuen können zwar keine Zeitreisen machen,
aber wir können in die Vergangenheit des Kosmos blicken. Inzwischen können
wir so über 13 Milliarden Jahre weit sehen.
taz: Bedeutet das nicht auch, dass wir die Geburt des Universums sehen
müssten?
Duschl: Den Urknall können wir jetzt noch nicht sehen, denn in den ersten
300.000 Jahren war das Weltall so dicht, dass es wie ein dichter Nebel
erscheint. Aber wir können da vielleicht bald doch hineinsehen – und zwar
über Gravitationswellen, denn die gehen durch den Nebel fröhlich durch.
taz: Und woran arbeiten Sie als Astrophysiker gerade?
Duschl: Eines meiner Forschungsgebiete sind Exoplaneten – also Planeten,
die um andere Sterne kreisen. Da ergibt sich natürlich die Frage, ob es
dort eine „Erde 2.0“ gibt. Da haben wir inzwischen einige gefunden. Also
nächste Frage: Gibt es dort auch Leben? Wir haben zwar noch kein Leben
nachgewiesen, aber das könnte sich in absehbarer Zeit ändern.
taz: Und wie wollen Sie das anstellen?
Duschl: Es könnten zum Beispiel Stoffwechselprodukte nachgewiesen werden.
Man kann nämlich die Atmosphären dieser Planeten durchleuchten. Ein Teil
des Lichtes, das uns erreicht, geht ja durch die Atmosphäre. Und je
nachdem, was da an Chemie drin ist, verändert sich das Licht. Aber am
wichtigsten ist, dass es auf einem Planeten ständig flüssiges Wasser gibt.
Und da haben wir schon einige gefunden.
taz: Fließendes Wasser ist also kosmisch gesehen nichts Außergewöhnliches?
Duschl: Wasser hat man sogar unter Bedingungen gefunden, an die man
überhaupt nicht gedacht hat. Es gibt zum Beispiel Planeten, auf deren
Hälften es jeweils nur Tag oder Nacht gibt. Und die Lehrbuchmeinung dazu
war bis vor Kurzem, dass es auf der Tagseite extrem heiß ist und die
Atmosphäre darum dort verdampfen muss. Aber wir in Kiel haben
herausgefunden, dass die Atmosphäre unter diesen Bedingungen schnell zu
rotieren beginnt. Dadurch findet ein Heiß-Kalt-Austausch zwischen Tag- und
Nachtseite statt und es stellt sich heraus, dass dort angenehme
Temperaturen von um die 25 Grad Celsius herrschen.
taz: Das können Sie so präzise bestimmen?
Duschl: Wir haben dazu sogar einen kleinen Wetterfilm gemacht, auf dem wir
die Jetstreams sowie die Unterschiede zwischen den Polen und dem Äquator
dargestellt haben. Dort wäre also Leben in unserer Form möglich, das aber
wegen der starken Winde von über 300 Stundenkilometern nicht aufrecht gehen
könnte.
taz: Aber das kann einem Käfer oder einem Fisch ja egal sein.
Duschl: Genau! Ich sage immer: Intelligente Schildkröten sind auch etwas
Lustiges.
10 May 2026
## AUTOREN
DIR Wilfried Hippen
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