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       # taz.de -- Der Hausbesuch: Hä, wie machst du das?
       
       > Illusionen machen den Alltag schöner, sagt Annika Nippoldt. Seit beinahe
       > 20 Jahren beschäftigt sich die 28-Jährige mit Zaubertricks.
       
   IMG Bild: Wir sollten alle mehr an Wunder glauben, findet die Zauberkünstlerin und Schauspielerin Annika Nippoldt
       
       Zauberin zu werden, war schon als Kind ihr Traum. Als Allison Wonder
       betritt sie heute die Bühne – und schafft es, als eine von nur wenigen
       Frauen vom Zaubern zu leben.
       
       Draußen: Zwischen einem stillgelegten Gasometer und dem Bahnhof Südkreuz,
       in einer ruhigen Ecke von Berlin-Schöneberg mit Blumentöpfen und Beeten
       voller Tulpen in allen Farben, wohnt die Zauberkünstlerin und
       Schauspielerin Annika Nippoldt. Der Altbau, in dem sie lebt, hat
       schmiedeeiserne Wandlaternen an der Tür und Jugendstilornamente an der
       Fassade.
       
       Drinnen: „Willkommen in meinem kleinen Zauberreich“, begrüßt Nippoldt, als
       sie in ihre Erdgeschosswohnung hereinbittet. Gleich am Eingang steht ein
       kleines Regal mit Kristallkugeln, Zauberbechern und Spielkartendecks.
       Darunter sind auch ein paar besondere Sets. Es sei eine Tradition unter
       Zauber*innen, [1][sich zu Geburtstagen Kartendecks zu schenken], erzählt
       Nippoldt und zeigt eines ihrer liebsten. Ein Set mit glänzenden Ballerinas
       und goldenen Schwänen.
       
       Türen: Die seien für Zauber*innen wichtig, sagt Nippoldt, weil hinter
       ihnen immer mehr liegt, als das, was man sehen kann. Deshalb erzähle jede
       Tür in ihrer Wohnung eine eigene Geschichte. An der Tür zur „kleinsten
       Küche der Welt“, wie sie sagt, hängt ein Plakat, auf dem steht: „Man muss
       seriös sein“. An der Toilettentür kleben Post-its mit Dingen, die sie in
       Zauberei-Workshops gelernt hat, etwa „Geh Risiken ein“ oder „Gib ihnen
       etwas Echtes, etwas Wahres“. Und an der Tür zum Schlaf- und Arbeitszimmer
       hängt ein Schild mit der für Harry-Potter-Kenner*innen gar nicht so
       geheimnisvollen Aufschrift „Plattform 9 ¾“. Wie in der Saga wird der Zugang
       nur Menschen mit Zauberkräften erlaubt, scherzt Nippoldt.
       
       Bedeutung: „Wenn ein Trick funktioniert, ist das schön – aber was noch? Was
       sagt uns das über das Leben?“, das frage sie sich manchmal, sagt Annika
       Nippoldt. Gleichzeitig müssten nicht alle Tricks so bedeutungsschwer sein.
       Manche seien einfach ein Eisbrecher, vor allem bei Privat- oder
       Firmenevents. Während sie das sagt, lässt sie Münzen, die ihr
       Freund*innen und Familie aus aller Welt mitgebracht haben, von einer Hand
       in die andere wandern und in ihren Hosentaschen verschwinden. Aus
       Monopoly-Geld werden echte 50-Euro-Scheine.
       
       „Hä, wie machst du das?“ Solche Reaktionen hört Nippoldt sehr oft, vor
       allem bei sogenannten Close-ups, also wenn sie ganz nah an den Menschen
       zaubert. Genau das gefällt ihr besonders. Ihr Herz hüpft, wenn sie das
       Staunen in den Gesichtern des Publikums sieht. „Ich liebe es, wenn
       Erwachsene vor meinen Augen wieder zu Kindern werden.“ Schade finde sie,
       dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens die Fähigkeit verlieren, an
       Wunder zu glauben.
       
       Keine Puppen: Nippoldt war selbst noch ein Kind, als sie entschied, dass
       sie die Kunst des Zauberns lernen und später zu ihrem Beruf machen wolle.
       Mit 8 Jahren begegnete sie zum ersten Mal einem Zauberer auf einem
       Kulturevent in ihrer Heimatstadt Coesfeld in der Nähe von Münster. „Dieser
       Moment veränderte alles“, erzählt sie. Statt mit Puppen zu spielen,
       interessierte sie sich von da an nur noch für Zauberkästen, Kartentricks
       und Bücher über Illusionen. Aus der anfänglichen Faszination wurde schnell
       eine Leidenschaft. Als sie ihren Eltern sagte „Das möchte ich werden“,
       antworteten diese: „Mach erst dein Abitur, dann schauen wir weiter.“
       
       Schauspiel: Annika Nippoldt tat, was ihre Eltern sagten, und begann direkt
       im Anschluss ein Schauspielstudium auf Usedom. „Als Absicherung, falls die
       Zauberei doch nicht mehr als ein schöner Trick bleiben würde“, schreibt sie
       auf ihrer Website. Doch bald wurde ihr klar: „Die Magie war mein
       Mittelpunkt und auf der Bühne fühlte ich mich zu Hause.“ Das Studium
       brachte sie dennoch zu Ende. Bis heute würden ihr die dort erlernten
       Fähigkeiten helfen, um ihren Auftritten, ihrer „One-Woman-Show“, mehr
       erzählerische Tiefe zu verleihen.
       
       Mentor: Als Nippoldt damals als 8-Jährige ihren ersten Zauberer sah, wusste
       sie nicht, dass es sich bei ihm um Michael Sondermeyer handelt – Mitgründer
       eines Zauberei-Verlags und eines Antiquariats in der Gegend und eine
       Berühmtheit [2][unter Zauber*innen]. Nippoldts Vater war der Hausarzt
       von Sondermeyer, so bekam sie die Einladung, ihn im Zauberladen zu
       besuchen. „Als ich dieses Sammelsurium-Kabinett betrat, war ich im
       Paradies“, sagt sie. Zu dem mittlerweile 70-jährigen Künstler habe sie bis
       heute noch Kontakt. Er sei für sie Idol und Mentor zugleich.
       
       Gender Magic Gap: Warum sind Zauberinnen gegenüber Zauberern [3][noch immer
       in der Minderheit?] Darüber macht sich Nippoldt oft Gedanken. Ein wichtiger
       Grund für sie ist der Mangel an Vorbildern – „ohne diese erscheint Magie
       als eigener Weg für Mädchen nicht möglich“. Auch die Sozialisation spiele
       eine Rolle. „Viele Mädchen kommen mit Zauberkästen in Berührung, aber das
       Interesse wird selten vertieft.“ Gleichzeitig werde bei Jungen häufig der
       Wunsch unterstützt, etwas zu beherrschen, das andere nicht können, sagt
       Nippoldt. Doch sie sieht eine Veränderung: „Immer mehr Frauen [4][eignen
       sich die Zauberkunst an] und mit ihren Perspektiven machen sie sie
       vielfältiger.“
       
       Geldverdienen: Ihren allerersten Auftritt hatte sie bei ihrem eigenen
       Geburtstag. Danach kamen Familienfeste und später – mit 14 – führte sie die
       Tricks, die sie bei Zauberkursen gelernt hatte, auf Kindergeburtstagen in
       der Nachbarschaft auf. „So verdiente ich zum ersten Mal mein eigenes Geld.“
       Es folgten Auftritte in einer Jugendherberge vor 200 Zuschauer*innen. Mit
       15 gewann sie ihren ersten Preis in der Kategorie Comedy-Zauberei.
       
       Ablenkung? Lenkung! Annika Nippoldt mag es, ihren Shows kabarettistische
       Noten zu geben – etwa zu Schönheitsidealen bei Frauen oder Klischees über
       Männer. Sie glaubt, dass Zauberei politisch sein kann. „Wenn das
       unterhaltsam ist und niemand sich mit dem erhobenen Zeigefinger
       angesprochen fühlt, kommt die Botschaft besser an.“ Es sei alles eine Frage
       von Anspannung und Entspannung, Körpersprache und Empathie. „Es ist ein
       Mythos, dass Zuschauer*innen abgelenkt werden“, sagt sie. „Es geht
       eigentlich darum, Aufmerksamkeit richtig zu lenken.“ So gelinge es, dass
       das Publikum mit seiner Fantasie und seiner Offenheit zum Mitspieler des
       Abends werde.
       
       Kein Zucker: Während sie mit einer durchsichtigen Kugel spielt, erklärt
       Nippoldt weiter: „Damit etwas Außergewöhnliches passieren kann, muss man
       erst Normalität erzeugen. Wenn alles die ganze Zeit verrückt und
       unnatürlich wirkt, dann funktioniert das nicht.“ Natürlich zu sein, sei
       ihre große Stärke. In ihrem Spektakel erlaubt sie es sich, emotional zu
       werden, Persönliches zu teilen und die Stille im Saal wirken zu lassen. Sie
       sei eine Mischung aus Annika Nippoldt und Allison Wonder – sie möchte
       authentisch bleiben. „Ungesüßt“ heißt deshalb auch die Show. „Ohne Zucker,
       also leicht, aber auch ohne viel Schnickschnack – ich stehe da und zeige
       mich und das, was ich kann.“
       
       Machtdemonstration: Aus der Zauberkunst eine Machtdemonstration zu machen,
       etwa zu zeigen, welche Fähigkeiten sie besitzt, die andere nicht haben, das
       möchte Annika Nippoldt nicht. Vielmehr identifiziert sie sich mit neueren
       Tendenzen wie der „magie nouvelle“ in Frankreich, bei der das Erlebnis mit
       dem Publikum und die gemeinsame Reise mit ihm im Mittelpunkt stehen.
       
       Prozess: Um die Illusionswelt intakt zu halten, verraten Zauber*innen
       ihre Tricks, wenn, dann nur unter Kolleg*innen. „Ich mag es, wenn ich einen
       Trick noch nicht geschafft habe und noch an ihm arbeiten muss“, sagt sie.
       „Das zeigt mir, dass etwas zu können, ein Prozess ist.“
       
       Superkraft: Sie sei prinzipiell ein glücklicher Mensch, sagt Nippoldt, doch
       ganz besonders dann, wenn sie sich in der Natur verliert. „Wenn die Sonne
       hell scheint und die Blätter in leuchtendem Neongrün strahlen, ist das für
       mich magisch“, sagt sie. Wenn sie [5][eine einzige Superkraft wählen
       dürfte], würde sie sich für Teleportation entscheiden, um an vielen Orten
       gleichzeitig zu sein. „Gedanken lesen möchte ich lieber nicht“, sagt sie.
       „Das könnte echt anstrengend werden.“
       
       26 Jul 2026
       
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