URI: 
       # taz.de -- Humanoide Roboter in der Pflege: Hallo, ich bin's, Pepper
       
       > Humanoide Roboter kommen in der Pflege immer mehr zum Einsatz. Sie können
       > positive Emotionen wecken, aber keine menschlichen Interaktionen
       > ersetzen.
       
   IMG Bild: In einer Einrichtung der Caritas unterstützt Pepper das Pflegepersonal in Routineaufgaben
       
       Der Roboter rollt lautlos auf eine Gruppe älterer Damen zu. Dort
       angekommen, bremst er, hebt und senkt den Kopf mit den übergroßen Augen,
       die er öffnet und schließt. Dann kommt eine Reihe einfacher Sätze. Die
       Damen, die in ihren Siebzigern oder Achtzigern sind, wenden sich ihm zu.
       Zwei reden sofort auf ihn ein, sie fordern „ein Lied“.
       
       Szenen wie diese spielen sich [1][zunehmend in Pflegeeinrichtungen] der
       industrialisierten Welt ab. Pepper, so heißt der humanoide Roboter, ist
       darauf programmiert, auf die Mimik und Gestik von Menschen zu reagieren. Er
       ist bei den Bewohner:innen ein willkommener Gast, ruft aber
       gleichzeitig widersprüchliche Gefühle hervor, insbesondere in der
       [2][Betreuung Demenzkranker]. Denn das Nachdenken über die erzielbare oder
       gewünschte Interaktion von Menschen mit Maschinen wirft grundsätzlichere
       Fragen auf: Wie wollen und sollen wir mit demenziell Erkrankten umgehen?
       Was für ein Menschenbild steht hinter dem Einsatz von Pepper?
       
       Laut Erfahrung und Studienlage entstehen im Kontakt mit den humanoiden
       Robotern emotionale Beziehungen. Ihr Einsatz kann die Lebenszufriedenheit
       zumindest leicht demenzkranker Menschen steigern. Der Kern ihres Erfolgs –
       und die eigentliche Innovation – ist die emotionale Ansprache und die
       hierin angelegte Befähigung zur sozialen Bindung. Ein Roboter, der mit uns
       spricht, löst Freude, zumindest Überraschung aus. Ausgestattet mit
       Spiegelneuronen und einer Neigung zum Anthropomorphismus sind wir gerne
       bereit, uns auf diese Art Kontakt einzulassen. Das lässt uns glauben, dass
       tatsächlich wir gemeint sind.
       
       Der Fachbegriff „einseitige emotionale Resonanz“ bringt es auf den Punkt.
       So ergeht es den meisten Menschen und wohl auch den Bewohner:innen der
       Pflegeheime. Die humanoiden Roboter bieten Kontakt, Zeitvertreib,
       vielleicht sogar kognitive Stimulation. Denn zu Peppers Repertoire gehören
       Übungen zum Gedächtnistraining oder das Abspielen von Musik. Wenn sich
       jüngere Menschen in eine generative KI verlieben, warum sollte die
       Generation der Alten das nicht ebenso können?
       
       Wenn der Einsatz des humanoiden Roboters zunächst einige
       Versorgungsprobleme erfolgreich zu adressieren scheint, zeichnen sich
       allerdings bei näherer Betrachtung der Mensch-Roboter- Interaktion
       Limitierungen ab. Ist die Kommunikation mit dem Roboter wirkungsvoll, wenn
       Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug Symptome einer demenziellen
       Veränderung sind? Die Maschine begrenzt sich auf verbale Ansprache, sie
       nutzt allenfalls geringe Gesten. Ihre angebotenen „Aufgaben“ sprechen den
       Menschen weder als handelndes noch als kreatives Wesen an. Vielmehr bedient
       der Roboter ein Reiz-Reaktions-Schema, das den Nutzer:innen eine
       passiv-konsumierende Rolle zuweist.
       
       ## Keinerlei körperliche Interaktionen
       
       Die maschinelle Ansprache schafft keinerlei körperliche Interaktion. Das
       rein sprachgebundenes Repertoire orientiert auf Dialog, zielt allenfalls
       auf eine Fingerbewegung auf der Bedienoberfläche ab. Körperliche
       Bedürfnisse werden nicht berücksichtigt, auch körperliche Erfahrungen weder
       einbezogen noch generiert. Zweifelsohne knüpft die Technik an unser
       emotionales Erleben an, schließlich erzeugen die Roboter „echte Gefühle“.
       Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die
       Mensch-Maschine-Beziehung körperlos bleiben muss. Ausgerechnet in
       fortgeschrittenen Demenzstadien, wenn sprachliche Fähigkeiten nachlassen,
       gewinnt die körperliche Verbindung zur Welt an Bedeutung. An dieser Stelle
       ist die Stärkung einer nonverbalen Kommunikation gefragt.
       
       Prinzipiell bieten emotionale Ansprache und Resonanz diese an. Hier
       entsteht in der Interaktion mit Demenzkranken jedoch eine Schräglage: Wenn
       die Urteils- und Kritikfähigkeit der Betroffenen verändert ist, können sie
       nicht nachvollziehen, dass ihre Gefühle durch eine Maschine ausgelöst
       werden. Dass sie sich einem Wesen anvertrauen, dessen „Gefühlswelt“
       intransparent bleiben wird. Dass es sich um einseitige emotionale Resonanz
       handelt.
       
       Und noch etwas ist wichtig: Ein datenschutzkonformer Einsatz der Roboter
       wird die Fragen der [3][Datensammlung, -speicherung und Wiedergabe] regeln.
       Dies allein ist schwierig genug, wenn Menschen nicht mehr
       einwilligungsfähig sind. Eine grundsätzlichere Frage wird hier jedoch noch
       nicht beleuchtet: Dürfen wir eine Gruppe von Menschen einer Interaktion
       ausliefern, die sie nicht überblicken, nicht ermessen können? Ein
       Kontrollverlust gehört zum Erkrankungsbild der Demenz, trotzdem navigieren
       Demenzkranke oft mehr oder weniger sicher durch eine vertraute Umgebung.
       Anders als im Kontakt mit Menschen oder auch mit Tieren dürfte die Mehrzahl
       jedoch über keinerlei Erfahrung mit Robotern verfügen. Ihnen fehlt hier ein
       (im Zweifel in den Körper eingeschriebenes) Verhaltensmuster, auf das sie
       zurückgreifen können.
       
       Es wird Menschen geben, die diese Art der Grenzverschiebung zu Maschinen
       gutheißen. Es wird aber auch jene geben, die diese Grenze gewahrt wissen
       wollen. Diese Personen wünschen weder eine emotionale Beziehung zu einem
       Roboter, noch möchten sie ihre Daten mit den Herstellern und
       Softwareentwicklern von Pepper teilen. Die Wünsche der Betroffenen müssen
       ermittelt und respektiert werden.
       
       Es sieht so aus, dass das Versprechen, das der Einsatz humanoider Roboter
       in der Pflege liefert, derzeit nicht eingelöst wird. Vielmehr entsteht der
       Eindruck, dass die Fähigkeiten humanoider Roboter überbewertet werden. Sie
       schaffen zwar emotionale Resonanz und ermöglichen die Illusion einer
       Bindung. Aber für eine Beziehung, die die bedürftigen Menschen in ihrer
       körperlichen Existenz erst nimmt, eignen sie sich nicht. Die Existenz der
       humanoiden Roboter und ihr derzeitiger Aktionsradius verdeutlichen, dass
       unsere zwischenmenschlichen Beziehungen an Exklusivität einbüßen. Wir
       könnten sie zum Anlass nehmen, die Qualität unserer eigenen Kommunikation
       zu überprüfen.
       
       7 May 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Pflegeroboter-Projekt-Robust/!6107644
   DIR [2] /Pflegende-Angehoerige/!6112673
   DIR [3] /Chinas-Technologieplaene/!6075807
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gabriele Brasse
       
       ## TAGS
       
   DIR Reden wir darüber
   DIR Demenz
   DIR Pflege
   DIR Roboter
   DIR Datenschutz
   DIR GNS
   DIR Social-Auswahl
   DIR Roboter
   DIR Alten- und Pflegeheime
   DIR TV-Serien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Technikforschung: Was humanoide Roboter heute können
       
       Tech-Konzerne pumpen Milliarden in humanoide Roboter, Fachleute erwarten
       eine große Zukunft. Doch erst müssen sie lernen, Unterhosen zu falten.
       
   DIR Pflegeroboter in Seniorenheimen: Gesteigertes Wohlbefinden
       
       Ein Kieler Projekt zeigt, dass Pflegeroboter in Seniorenheimen die Laune
       der Bewohner:innen verbessern. Aber Menschen ersetzen können sie nicht.
       
   DIR Serie „Tender Hearts“ bei Sky und WOW: Cunnilingus ohne Zunge
       
       Geht Sci-Fi immer nur mit Dystopie? Nein, das muss nicht sein. Bei „Tender
       Hearts“ gibt es gut zu lachen. Und viel Sex und Romantik mit Robotern.