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       # taz.de -- Neues Album von Castora Herz: 100 Jahre und eine Schleiereule
       
       > Castora Herz verbindet Dancefloor mit kastilischer Volksmusik. Sein Album
       > „Cien años de Castora“ ist eine Gratwanderung zwischen Tradition und
       > Moderne.
       
   IMG Bild: Wer verbirgt sich hinter der Schleiereule? Castora Herz
       
       Alles beginnt mit dem Ruf einer Eule, dann ertönt ein elektronisch
       bratzelnder und brummender Bass und eine tiefe Stimme hebt beschwörend an:
       „Dicen que estamos condenados a repetir nuestro pasado“ („Man sagt, wir
       seien dazu verdammt, unsere Vergangenheit zu wiederholen“). Oha!
       
       Der Auftaktsong auf dem Debütalbum vom spanischen DJ und Produzenten
       Castora Herz heißt nicht umsonst „La llamada del subgrave“, also „Der Ruf
       des tiefen Basses“. Das gebetsmühlenhafte, leicht pathetische
       Spoken-Word-Intro mit seinen subtilen Bässen soll die kastilischen Ahnen
       aufwecken, und kündigt vor allem an, was die Musik von „Cien años de
       Castora“ darstellen möchte: einen futuristischen und zugleich historischen
       Tanz.
       
       Einen Tanz, der Zeitgenössisches mit Tradition verbindet, Mythologien mit
       elektronischen Beats und die meist mündlich überlieferten Traditionals der
       spanischen Landbevölkerung wieder aufleben lässt. Castora Herz schafft so
       [1][eine Kombination aus elektronischem Dancefloor und spanischer Folklore,
       wie man sie vielleicht schon von Stars wie Rosalía kennt], und die in der
       Hand des Künstlers doch etwas ganz Eigenes erschafft.
       
       Denn statt Flamenco – der vielleicht bekanntesten und kommerziellsten
       Volksmusik Spaniens – widmet sich das Album der traditionellen Musik der
       Region Castilla y Leon im tiefsten Kastilien. Der Musiker hat dort seine
       Wurzeln. Nachdem er länger in Berlin gearbeitet hat, ist er nun wieder nach
       Spanien zurückgekehrt – sowohl musikalisch als auch physisch. Die Aufnahmen
       für „Cien años de Castora“ sind in Ampudia entstanden, einem Dorf in der
       Nähe von Palencia, Provinzhauptstadt einer gleichnamigen Region, die
       exemplarisch für [2][das entvölkerte Spanien („Espana vacía“)] steht, dem
       flachen Land, in dem kaum noch jemand lebt. Wo ganze Dörfer zu existieren
       aufhören.
       
       Kastilische Folklore ist vielfältig, da sind „Jotas“ zu nennen,
       „Seguidillas“ und „Cantos de arada“ – alles Volkstänze und traditionelle
       Worksongs, die früher zum Beispiel beim Pflügen am Acker gesungen wurden,
       und die Castora Herz in seinem Sound inkorporiert und neu aufleben lässt,
       in dem er sie mit einem simplen Tanzbeat anschiebt. Ein Track wie „Dame
       Limones“ hätte eventuell auch etwas dezenteren Sequenzer-Einsatz verdient.
       Manchmal übertreibt es Castora Herz noch mit elektronischen
       Haudrauf-Effekten. Und dennoch schafft er es, zumeist eine Klang-Atmosphäre
       zu kreieren, bei der man beim Hören in einem verlassenen und zugleich
       verwunschenen, von Geistern bevölkerten, mysteriösen Land versinkt.
       
       ## Wem gehört das Land?
       
       Manche Arrangements bleiben bewusst fragmentarisch. Wenn der elektronische
       Sound abrupt endet, zum Beispiel und dann doch noch eine kurze
       traditionelle Weise erklingt. Oder, wenn fast schon dokumentarisch
       anmutende Interview-Schnipsel, wie in „Tierra de Campos“, eingespielt
       werden, in denen eine männliche Stimme von den Besitzrechten der
       Landbevölkerung erzählt, während im Hintergrund bedeutungsschwangere
       Kirchenglocken läuten. Und doch hat man selbst dann das Gefühl, man laufe
       durch aufgegebene kastilische Ortschaften. Darauf folgt dann wieder
       Tanzfutter, wie „Mudanza“ und „Al saltar el arroyo“, es knallt.
       
       Um ein kollektives Gedächtnis, das nicht verloren gehen soll, um Tanz und
       Unterhaltung und um einen Touch Voodoozauber, darum geht es in „Cien años
       de Castora“. Symbolisch dafür steht die Schleiereule, die auch die Maske
       darstellt, hinter der sich Castora Herz verbirgt. In der heidnischen
       Mythologie steht sie für die Verbindung zum Jenseits und den Ahnen. Sí
       claro, ein bisschen Pathos muss bei einem spanischen Album schon sein.
       Gewidmet ist die Musik übrigens der Großmutter des Künstlers: Castora, die
       dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.
       
       Live tritt ihr Enkel mit La Quadrilla in Aktion, einer Gruppe von
       Musiker:innen, die mit viel Show und folkloristischen Instrumenten – wie
       Tamburine, aber auch mal einem Löffel, der über eine Glasflasche kratzt –
       seine Songs analog begleitet. Das sorgt für noch mehr Seele und engere
       Verbindungen zu den kastilischen Vorfahren.
       
       11 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Ruth Lang Fuentes
       
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