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       # taz.de -- Nachtleben in der Berliner Musikszene: Gerümpel im Flügel
       
       > Queeres Kino im E-Werk, ornithologische Rundgänge mit 30-Jährigen in
       > Brandenburg und Nordengland-Folklore im Gretchen sorgen für positives
       > Altern.
       
   IMG Bild: Im Schlaubetal können viele Vogelarten beobachtet werden, darunter der Buchfink
       
       Mittwochvormittag, ich schließe mein Rad vor dem E-Werk an. Das ist ja
       wirklich 20 Jahre her, dass ich hier war, irgendwann in den mittleren
       Nullerjahren, für ein gehyptes Konzert der Killers. Allerdings erinnere ich
       mich an das Konzert kaum, nur an den stinkenden Typen, der in der Schlange
       vor mir stand. Im Technozirkus der Neunzigerjahre war er eine große Nummer
       gewesen.
       
       Außerdem fällt mir ein, wie ich circa 1993 mit H. an der Tür scheiterte,
       bei unserem ersten Versuch, in den damaligen Technoclub zu kommen. Wir
       erklärten uns das seinerzeit mit den eher uncoolen Fleecejacken, die wir
       anhatten. Wenn die nicht längst in der Kleidertonne gelandet wären, würden
       sich heute Nachgeborene darüber freuen, für die die Neunziger nicht
       hässlich genug sein können. Nach diesem Abend hat H. jedenfalls eine ganze
       Weile lang viel Geld für Klamotten ausgegeben.
       
       Heute jedoch lädt die Deutsche Kinemathek, die hier eine temporäre
       Heimstätte gefunden hat, zum Rundgang durch die erste Ausstellung am neuen
       Ort: „[1][Inventing Queer Cinema]“. Von der hohen Decke hängen so viele
       Plakate aus der queeren Filmgeschichte, dass der Raum fast klein wirkt.
       Kurator Björn Koll, einst Geschäftsführer des Traditionsfilmverleihs
       Edition Salzgeber, hat die Poster hübsch subjektiv kommentiert.
       
       Die sind für sich schon eine kleine Zeitreise. Wow, waren wir früher oft im
       Kino. Vor der Allgegenwart des Internets war so vieles besser. Die
       Erinnerungen, worum es in den Filmen genau ging, sind allerdings ähnlich
       fragmentarisch wie die an das Killers-Konzert. Zum Glück kann man
       heutzutage das Internet fragen. Oder die Filme einfach noch mal gucken, im
       hauseigenen Kinosaal.
       
       ## The Joy of Obertongesang
       
       Als ich einem Freund erzähle, dass ich ins Schlaubetal fahren will, für
       eine vogelkundliche Führung mit Ranger, findet er das ziemlich lustig.
       „Freuden des Alters“, ist der knappe Kommentar. Na klar, warum auch nicht?
       Ich freue mich schließlich auch schon auf die [2][Lesung von Christiane
       Rösinger]. Die geschätzte Beraterin in Alltagsfragen will am Samstag im
       Hebbel am Ufer ihr neues Buch „The Joy of Ageing“ vorstellen. Leider fällt
       das aus, Rösinger ist krank. Und beim Vogel-Ausflug waren vor allem junge
       Leute, so um die 30.
       
       So lande ich an dem Abend im Pierre Boulez Saal, wie etwa einmal im Jahr.
       Ich denke wie stets: Ist ja super hier, warum komme ich nicht öfter?
       Seltsamerweise stehen bei meinen Besuchen immer Musiker:innen aus
       Südafrika auf der Bühne. So auch heute, aus höchst unterschiedlichen
       musikalischen Ecken. Der Pianistin Kathleen Tagg bereitet es offenkundiges
       Vergnügen, ihren Flügel mit Gerümpel zu präparieren und eindrucksvoll
       klingen zu lassen.
       
       Dizu Plaatjies trägt Kopfschmuck und entlockt seiner bemerkenswerten
       Sammlung handgemachter Instrumente eigenwillige Sounds. Und der Bratscher
       Gareth Lubbe lebt in Deutschland und hat erst hier seine Liebe zum
       Obertongesang entdeckt, auch wenn es so was auch in Südafrika gibt. Es wird
       ein kurzweiliger Abend. Dem Publikum gibt Lubbe noch eine Lektion mit auf
       den Weg. In der Badewanne Obertongesang zu üben, Worte wie „wow“ oder auch
       „worry“ brummend auszudehnen, mache einfach glücklich. Auf der nächtlichen
       Fahrradfahrt durch den Gleisdreieckpark klappt das schon mal ganz gut.
       
       Daran lässt sich am nächsten Abend bei den phänomenalen Knats im Gretchen
       Club anknüpfen. Wider Erwarten singen die sehr jungen Jungs aus Newcastle
       zu ihrem hakenschlagenden Mix, bei dem unter anderem wilde Breakbeats aus
       ihrem Fusion Jazz herauspurzeln, traurige Lieder über verlorene
       Bergarbeiterkämpfe. Das Publikum soll mitbrummen und -singen. Auch wenn die
       Bandmitglieder noch nicht mal geboren waren, als olle Thatcher abtrat –
       [3][ein beherztes „Fuck Maggie“] gehört offenbar einfach zur
       Nordengland-Folklore.
       
       11 May 2026
       
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