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       # taz.de -- Die Wahrheit: Grünes hinter Gittern
       
       > Im einzigen Naturknast der USA werden unbotmäßige Landschaften und
       > kriminelle Gewässer für ihre Untaten bestraft.
       
   IMG Bild: Mit der Kettensäge geht es der Natur an den Kragen
       
       „Rauskommen, aufstellen, Fresse halten!“, brüllt Knastwärter Steven Kruger
       durch die trostlosen Gänge von Landmark Prison im landschaftlich reizvollen
       Norden Kaliforniens. „Nicht ein verspieltes Plätschern oder sanftes
       Blätterrauschen will ich hören!“ Mit noch reichlich Schlaf in den Auen
       quälen sich die hier einsitzenden Landschaften, Gewässer und Wälder zum
       Morgenappell aus ihren Zellen.
       
       Erst nachdem klar ist, dass auch nicht eine Pfütze über Nacht verdunstet
       ist, lockert Kruger die Hand um seinen Fuchsschwanz. Er bittet uns auf
       einen von den Insassen selbst produzierten Birkensaft in den zentralen
       Überwachungsraum des Gefängnisses. „Lassen Sie sich von deren idyllischem
       Äußeren nicht täuschen“, legt er ansatzlos los. „Die, die hier einsitzen,
       sind die Schlimmsten der Schlimmen. Mord durch herabfallende Äste,
       Freiheitsberaubung unschuldiger Autofahrer, Zypressung – allesamt harte
       Hunde, und nicht nur die Bergmassive.“
       
       Einige seien sogar „homegrown terrorists“, fährt er fort, obwohl
       Naturwunder aus der ganzen Welt im nordkalifornischen Redding einsitzen.
       Denn hier steht das weltweit einzige Gefängnis für Berge, Flüsse, Wälder
       und andere unbotmäßige Landmarken. Wer hier vegetiert, der hat seinen
       Status als natürliches Rechtssubjekt schwer missbraucht.
       
       ## Grüne Revolten
       
       „Tja, und ich passe eben auf sie auf“, prahlt Kruger mit vor der breiten
       Brust verschränkten Armen. Alle hier nennen ihn nach Roosevelt nur „Teddy“,
       weil er wie sein Namensvetter die Nationalparks kontrolliere. Seit drei
       Jahren ist er nun hier, als unehrenhaft aus dem Dienst entlassener
       Landschaftsgärtner wurde er damals mit Kusshand genommen.
       
       Heute kümmert sich der Baum von einem Mann „um die ganz bösen Buchen“, wie
       er uns wenig später auf einem Rundgang durch leere Zellen erklärt, deren
       Bewohner gerade bei der Fotosynthese sind. „Wobei die Nadelwälder deutlich
       mehr Probleme machen.“ Dauerhaft grün hinter den Ohren könnten sie es
       nämlich nicht lassen, hin und wieder Knastrevolten anzuzetteln.
       
       Landmark Prison wurde in den USA eröffnet, nachdem naive Länder wie Ecuador
       oder Neuseeland Naturgütern wie Flüssen und Wäldern unbedingt eigene Rechte
       einräumen mussten. Doch wo es Rechte gibt, gibt es auch Rechtsverletzungen.
       Und wer vom Gesetz Schutz bekommt, muss für Gesetzesbrüche wie illegale
       Überflutungen eben auch bestraft werden. Die Delinquenten werden gerodet
       oder abgebaut und dann nach Landmark Prison verbracht. Als Rechtsvorbild
       für das neue US-Naturstrafrecht gelten mittelalterliche Tierbestrafungen,
       und mittlerweile ist der Naturknast bis auf den letzten Hektar gefüllt.
       
       „Nehmen Sie zum Beispiel“, erklärt Teddy seine Arbeit, während wir vom
       Wachturm aus den Flussarmen beim Freilauf zuschauen, „den da unten, den
       Fluss Whanganui“. Der sei von der neuseeländischen Regierung 2017 mit Geld
       ausgestattet worden. „Und was hat der Fluss gemacht? Alles mit
       Wasserstoffaktien verzockt.“ Nach zwei Jahren sei er pleite gewesen; die
       Gläubiger seien auf dem Trockenen sitzengeblieben. „Die haben dann in den
       USA geklagt – und eins verrate ich Ihnen: Gewässer wie er kommen nie wieder
       auf die begradigte Spur!“
       
       ## Freigang ins Flussbett
       
       Hier blitzt sie auf, die puritanische Rechtskultur der USA: Ein Gefängnis
       ist zur Bestrafung da, nicht zur Besserung. Also stimmen die Gerüchte von
       ausgebaggerten Lagunen oder Wäldern, die man morgens zu einem Parkplatz
       betoniert in ihrer Zelle gefunden hat? „Alles liberale Horrorgeschichten“,
       wehrt Teddy wütend ab. Tatsächlich hätten die Gefängnisinsassen im
       hauseigenen Fitnessstudio jederzeit die Möglichkeit, an Borkenkäfern und
       Dürresommern ihre Widerstandskraft zu trainieren.
       
       „Offener Vollzug ist natürlich auch möglich“, lächelt Teddy. Und
       tatsächlich: Am Haupteingang kommt gerade ein Tanker an, der einige
       Gewässer vom Freigang zurückbringt. „Wer für seine Fluten Reue zeigt und
       bereit ist, sich kanalisieren zu lassen, darf unter der Woche heim ins
       eigene Flussbett.“ Für alle anderen Flüsse dürfte Landmark Prison jedoch
       erst einmal das bittere Ende ihrer naturgemäßen Freiheit sein. Zwar
       scheitert der Mensch letztlich immer wieder an der prinzipiellen
       Unzähmbarkeit der Natur, doch für die aktuell auf dem Trockenen sitzenden
       Gewässer ist das kein Trost.
       
       12 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ernst Jordan
       
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