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       # taz.de -- Chinas neue kulinarische Coolness: Die Abkehr von der chinesischen „Fantasieküche“
       
       > In die exotisierte Wahrnehmung chinesischer Küche mischte sich in
       > Deutschland immer wieder auch eine Zuschreibung kultureller Fremdheit.
       
   IMG Bild: Im ersten chinesischen Restaurant Berlins, im „Tientsin“ in der Charlottenburger Kantstraße, feiern Gäste im Jahr 1927
       
       Chen Chunwei hat einen Großteil ihrer Kindheit in den Restaurants ihrer
       Eltern verbracht. Nun sitzt sie in Chen’s Wok am Ernst-Reuter-Platz.
       Normalerweise wäre sie auf Einkaufstour für die Lokale der Familie in
       Berlin. Doch jetzt ist etwas Ruhe eingekehrt. Chens zwei kleine Töchter
       wuseln im Laden herum. Zwei Söhne haben schon studiert und sind aus dem
       Haus.
       
       Die Familie blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Chens Großonkel kam
       während des Zweiten Weltkriegs aus China nach Deutschland, als Söldner für
       das Dritte Reich, wie sie erzählt. Nach dem Krieg blieb er und heiratete.
       Mit den Jahren kamen mehr Familienmitglieder und bauten chinesische
       Restaurants in der ganzen Bundesrepublik auf. Chen Chunwei selbst stieß
       Ende der 80er zu ihrem Vater, der schon einige Jahre in Deutschland lebte.
       Damals war sie sechs.
       
       Mit ihrer Familie hat Chen diverse Umzüge mitgemacht, von Restaurant zu
       Restaurant, ob nach Bremen, in das märkische Buckow oder ins hessische
       Obertshausen. Das kulinarische Grundprogramm war lange, was Chen
       „europäisch-chinesische Küche“ nennt – mit Ente süßsauer auf der
       Speisekarte, Inneneinrichtung in traditioneller Hochkulturoptik und stets
       dem Wort „China“ im Restaurantnamen. Warum das so war, wisse sie selbst
       nicht so genau, die Familie habe an bestehende Standards angeknüpft. Man
       müsse mal jemanden fragen, der sich genau mit der Geschichte auskennt.
       
       Der Hamburger Historiker Lars Amenda forscht dazu seit Langem. Die
       gleichförmige chinesische „Fantasieküche“ sieht er als ein Produkt der
       industriellen Konsumgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Augen
       der Mehrheitsgesellschaft verkörperte chinesisches Essen eine fremde Welt,
       die anfangs nur schwer zu beherrschen war – versinnbildlicht durch den
       Gebrauch von Stäbchen, beschreibt Amenda. Mit steigender Kaufkraft sehnten
       sich viele nach „kulinarischen Kurzurlauben“ und fanden sie im exotisierten
       Ambiente der Chinarestaurants.
       
       ## Misstrauische Blicke
       
       In diese Wahrnehmung mischten sich immer wieder auch Zuschreibungen
       kultureller Fremdheit. Auch Chen Chunwei berichtet von Erfahrungen der
       Zurückweisung. Während ihrer Zeit in Obertshausen etwa habe sich die
       Familie ganz und gar nicht willkommen gefühlt. Von offenen Angriffen
       berichtet sie nicht, wohl aber von misstrauischen Blicken und dem Gefühl
       gemieden zu werden. Die Familie verließ den Ort vorzeitig. Banken und
       Versicherungen wiederum schauen bei der Familie oft besonders genau hin, da
       wundere sie sich schon ein wenig: „Wir leben schon so lange in Deutschland
       und wollen Geschäfte betreiben wie jeder andere auch.“
       
       Seit 2013 lebt die Familie wieder in Berlin. Zumindest auf kulinarischer
       Ebene kamen die Dinge in den letzten Jahren in Bewegung. Einige Gerichte
       bei Chen’s Wok seien weiter europäisch-chinesisch, beschreibt Chen. Doch
       das Lokal hat sich nun auf authentische Sichuanküche spezialisiert,
       inklusive der eigentümlichen „Málà“-Note des Sichuanpfeffers, die auf der
       Zunge leicht betäubend wirkt.
       
       Den stärkeren Trend zur authentischen Küche erkennt Amenda schon seit den
       2000er Jahren. Und punktuell gab es sie auch schon davor, etwa mit der
       schicken Hongkong-Bar in den 1950ern auf der Kantstraße. Nun hat die Stadt
       deren Coolness offenbar flächendeckend entdeckt.
       
       Die Abkehr von der chinesischen „Fantasieküche“ darf dabei als Zeichen
       kultureller Ent-Fremdung gelten. Und man mag hoffen, dass sie sich auch auf
       das gesellschaftliche Miteinander überträgt. Für Chen bringt all das aber
       auch Herausforderungen mit sich. Der Wettbewerb zwischen den Restaurants
       sei auf jeden Fall größer geworden, sagt sie. „Man muss sich immer etwas
       Neues einfallen lassen.“
       
       17 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Leonardo Pape
       
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