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       # taz.de -- Underground-Festival in München: Schreiend zur Welt kommen
       
       > Das Emo-Festival „Rites Of Spring“ in München liefert zwei intensive Tage
       > lang den Beleg, dass Hardcore-Punk vielfältig und divers klingen kann.
       
   IMG Bild: Die Band Jota beim „Rites of Spring“-Festival im Münchner „Kafe Kult“
       
       Sie halten sich an den Schultern, bilden einen Kreis, rennen so schnell sie
       können, lachen und schreien sich gegenseitig ins Gesicht. Der Moshpit löst
       sich auf, sie prallen aufeinander, verschwitzte Haut an verschwitzter Haut.
       Einzelne lassen sich über die Menge tragen, klettern an der
       Stahlkonstruktion empor bis unter die Decke. [1][Der Sound von zehn Emo-
       und Screamo-Bands] übersetzt sich unmittelbar in die Bewegungen des
       Publikums: von wellenartigem Kopfnicken zu ekstatischer Ungestümheit.
       
       Wenige Stunden zuvor ist es noch still im „Kafe Kult“, einem Alternativort
       im Münchner Norden. Wie eine Vorahnung liegt ein modriger Geruch in der
       Luft, Schweiß vergangener Nächte scheint in die Wände eingesickert, wird
       aber überlagert vom Geruch mehrerer Kilo Erbsen, die gerade in der Küche
       fürs Essen verarbeitet werden. Es ist die zweite Ausgabe des
       Hardcore-Festivals „Rites of Spring“, organisiert vom Münchner Kollektiv
       „Corechaos“.
       
       Alex James Friedrich und Jany Irro sind zwei Viertel des Kollektivs. Irro
       startete Corechaos 2020 zunächst als Musikblog, nach Corona entstanden
       daraus die ersten selbst organisierten Konzerte. Heute bespielen sie als
       Kollektiv die Münchner Subkultur mit Konzerten, die von Hardcore bis Folk
       reichen. Das „Rites of Spring“-Festival ist für beide gemeinsam ein
       Höhepunkt.
       
       ## Mehr als nur eine Abfolge von Konzerten
       
       Nach der positiven Resonanz 2025 stand schnell fest, dass es eine weitere
       Ausgabe geben sollte, diesmal ausgeweitet auf zwei Tage. Der Anspruch ans
       Line-up war hoch. Doch für die Veranstaltenden ist das Festival mehr als
       eine Abfolge von Konzerten. „Da hast du dann diese super szenigen, zuweilen
       sehr tough wirkenden Menschen, aber alle sind super sweet,“ erzählt
       Friedrich begeistert.
       
       Es gehe ihnen um einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen, bei dem aus
       losen Gesprächen enge Verbindungen werden, wo von der Energie des Abends
       etwas bleibt, das über die Musik hinausweist. Das sieht auch Jonsi so, der
       bereits 2025 dabei war. Das Konzert von PG.99 sei eines der besten gewesen,
       auf denen er je gewesen ist. „Es ist so wichtig, dass es einen Platz für
       die Subkultur gibt“, sagt er. Das Kafe Kult ist einer der am längsten
       bestehenden Orte für Subkultur in [2][München]. Eingebettet in den grünen
       Bürgerpark Oberföhring, zwischen Akkordeonclub, Galerie und
       US-Squaredancegruppen, veranstaltet es seit Ende der 90er-Jahre Konzerte,
       die im weitesten Sinne mit Punk verbunden sind.
       
       Diesmal ist Emo ruling Sound, die melancholische Schwester von
       Hardcore-Punk. Eine lautstarke Nische der Musikwelt, die eine treue
       Community in aller Welt verbindet. Ein Großteil der auftretenden Bands in
       München stammt aus Schweden, Italien und Spanien. Der Name des Festivals
       verweist wiederum auf die US-Band Rites of Spring (1984–1985). Deren Sound
       gilt als wegweisend für das Genre, als „real Emo“, obwohl sie sich diesem
       Etikett nie verschrieben hatte.
       
       ## Real versus Fake
       
       Mit doppeltem Boden spielt das Festival gerne: Über „real Emo“ und „fake
       Emo“ wird gesprochen und gespottet, ohne dass daraus ein Schisma werden
       soll. „Real Emo“ meint jenes Mikrogenre, das sich besonders eng an den
       rohen, emotional aufgeladenen Sound der ersten Welle anlehnt, während „fake
       Emo“ eher als augenzwinkernde Zuschreibung für alles dient, was Emo
       lockerer, poppiger oder schlicht weiter gefasst versteht.
       
       Das Festival macht daraus einen offenen, selbstironischen Gesprächsraum für
       [3][verschiedene Facetten] des Stils. Das Sextett Humm aus Barcelona begann
       mit einem poppigeren, fröhlicheren Sound; spanische Texte werden nicht
       geschrien, sondern gesungen, an manchen Stellen wird es balladesk, sogar
       eine Mundharmonika ertönt. Später drehen sie auf: galoppierende Drums,
       sägende Gitarren, dumpfer Bass und eine schreiende Sängerin. Die
       katalanische Band ist ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit von Emo.
       
       Den Freitag beschließt die derzeit gehypte schwedische Band Weatherday mit
       rohem, überraschendem Noisepop. Das Publikum war am ersten Tag entsprechend
       jünger und diverser; pinke Haare und springende Jugendliche mischten sich
       unter Millennials in kultigen Band-Shirts. Der Anteil an FLINTA-Personen
       ist hoch und wird von Corechaos als Haltung verstanden. Jany Irro bringt es
       auf den Punkt: „Wir wollen, dass FLINTA als Teil des Line-ups
       selbstverständlich wird.“ Damit formuliert das Festival auch eine
       Vorstellung davon, wie eine oft männlich codierte Subkultur vielfältiger
       werden kann.
       
       Beleg dafür ist die italienische Band Leda. Sie spielt überhaupt zum ersten
       Mal außerhalb Italiens. Ihr Set ist kurz und überzeugt durch die
       glaubwürdige emotionale Wucht des Vortrags. Träumerische Gitarren verbinden
       sich mit dem virtuosen Screamo-Gesang von Sängerin Vicky. Manchmal liegen
       Flüstern und Schreien bei ihr nah beieinander. Es gibt noch nicht viele
       Songs, dafür eine Ansprache auf Englisch im Geiste von „Punk will never
       die“. Ihr Appell fasst das Festival zusammen, wird zu einer Ode für mehr
       Gefühl: „Wir kommen alle schreiend auf die Welt. Wir haben es nur verlernt.
       Seid nicht nonchalant! Eure Emotionen sind grundlegend.“
       
       11 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Merle Zils
       
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