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       # taz.de -- Angriff auf Seenotrettungsschiff: „Sea-Watch 5“ meldet Beschuss durch libysche Küstenwache
       
       > Erneut sind Seenotretter:innen laut Angaben der NGO Ziel eines
       > Angriffs geworden. Kurz zuvor hatte das Innenministerium vor Libyen
       > gewarnt.
       
   IMG Bild: Schon 2025 wurde die „Sea-Watch 5“ angegriffen, kurz nachdem sie rund 66 Menschen in Seenot gerettet hatte
       
       Sea-Watch meldet erneut einen Angriff durch die libysche Küstenwache. Am
       Montagmittag sei das zivile Seenotrettungsschiff „Sea-Watch 5“ mit 30
       Crewmitgliedern und 90 gerade aus Seenot Geretteten von einem libyschen
       Patrouillenboot aus mehrfach beschossen worden. Das meldete die deutsche
       NGO – die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Flüchtende im Mittelmeer zu
       retten – in einer Pressemitteilung.
       
       Demnach habe die Besatzung gegen 10 Uhr eine Rettungsaktion durchgeführt.
       Daraufhin habe sich ein libysches Boot genähert, das Feuer eröffnet, und
       die „Sea-Watch 5“ verfolgt. Zunächst sei ein einzelner Schuss gefallen,
       dann eine Salve von 10 bis 15 Schüssen, die NGO spricht von „scharfer
       Munition“. Verletzt wurde niemand, wie Sea-Watch-Sprecherin Giulia Messmer
       gegenüber der taz erklärte. Ob das Schiff beschädigt wurde, konnte bislang
       nicht festgestellt werden. Der Vorfall ereignete sich in internationalen
       Gewässern.
       
       „Wir fürchten um das Leben unserer Crew und der geretteten Menschen an
       Bord“, erklärt Julia Winkler, ebenfalls Sprecherin der NGO. „Wir fordern
       alle europäischen Staaten auf, unverzüglich einzugreifen und diesem
       gewaltvollen Verhalten Einhalt zu gebieten.“
       
       Die Küstenwache hätte laut Angaben der NGO die „Sea-Watch 5“ über Funk
       aufgefordert, ihr nach Libyen zu folgen – ein Vorgehen, das die
       Seenotretter:innen seit etwa fünf Jahren nicht mehr erlebt haben. Der
       Vorfall ereignet sich kurz nachdem das Bundesinnenministerium (BMI) alle
       Schiffe, die unter Deutscher Flagge fahren, [1][vor Angriffen durch die
       libysche Küstenwache gewarnt hat]. Am vergangenen Montag hatte das BMI die
       Sicherheitsstufe für die libysche Such- und Rettungszone erhöht.
       
       ## Libysche Küstenwache von EU unterstützt
       
       Diese Warnung kam eher überraschend. Zwar greift die aus verschiedenen
       Milizen bestehende Küstenwache in der Tat regelmäßig Seenotrettungsschiffe
       an. Zuletzt wurde etwa im August 2025 das [2][NGO-Schiff „Ocean Viking“]
       durch zwanzigminütigen Beschuss schwer beschädigt. Auch die „Sea-Watch 5“
       wurde kurz danach Ziel eines Angriffs. Es verwundert jedoch, dass die
       Bundesregierung dies anerkennt, da die Libyer besonders auf Wunsch der EU
       im Mittelmeer präsent sind, um Migrant:innen an der Überfahrt nach
       Europa zu hindern.
       
       Das Bundesinnenministerium erklärte auf Anfrage der taz, es nehme „Berichte
       über entsprechende Vorkommnisse“ zur Kenntnis. Die Erkenntnisse daraus
       flössen „in die laufende Gefährdungsbewertung ein“. Aus dem Auswärtigen Amt
       hieß es gegenüber der taz, die deutsche Botschaft in Tripolis habe
       gegenüber den libyschen Behörden umgehende Aufklärung angefragt. Auch das
       Verteidigungsministerium bestätigte die Kenntnisnahme der
       Berichterstattung. An der EU-Zusammenarbeit mit den Libyern hält die
       Bundesregierung bislang fest.
       
       „Die Gefahr durch die sogenannte libysche Küstenwache ist real“, erklärt
       der Grünen-Bundestagsabgeordneten Marcel Emmerich gegenüber der taz. Er
       hatte Anfang des Jahres eine Anfrage an die Bundesregierung zum Thema
       gestellt. Sie blieb weitgehend folgenlos. „Die Zusammenarbeit der EU mit
       der sogenannten libyschen Küstenwache ist ein großer Fehler und muss
       beendet werden – das gilt auch für die Irini-Mission in ihrer jetzigen
       Form“, fügt Emmerich hinzu.
       
       Auch Clara Bünger, stellvertretende Vorsitzende und fluchtpolitische
       Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag erklärte gegenüber der taz:
       „Die Meldungen über den Beschuss des deutschen Rettungsschiffs ‚Sea-Watch
       5‘ durch die sogenannte libysche Küstenwache sind erschreckend. Wer
       Seenotretter:innen diskreditiert und gleichzeitig diese libyschen
       Handlanger ausrüstet, trägt die volle politische Mitverantwortung für jeden
       einzelnen Schuss auf deutsche Schiffe.“
       
       Libyen ist seit Langem aufgeteilt zwischen der durch die Türkei
       unterstützten international anerkannten Regierung im Westen und den von
       Russland unterstützen Rebellen um General Haftar im Osten. Die EU spricht
       immer wieder mit Vertreter:innen aus beiden Teilen Libyens.
       
       ## Europa schottet sich ab
       
       Europa hat die Küstenwache in den vergangenen Jahren mit Schiffen und
       Zuwendungen in Millionenhöhe ausgestattet. Seit der Verlängerung der
       gemeinsamen E[3][U-Militärmission EUNAVFOR MED Irini im vergangenen Jahr]
       schließt Deutschland sogar die Ausbildung der Milizen nicht mehr aus.
       
       Europa schottet sich zuletzt immer weiter gegen Migration ab. Seenotrettung
       wird dabei zunehmend kriminalisiert. Die italienische Regierung und Giorgia
       Meloni verabschiedete im Februar einen Gesetzesentwurf, der sogar eine
       Seeblockade gegen NGO-Schiffe ermöglichen würde. Bereits jetzt werden
       Schiffe häufig ohne klare Rechtsgrundlage in Häfen festgesetzt.
       
       Erst kürzlich hatte Griechenlands rechter Migrationsminister Thanos Plevris
       die Angst vor den Migrant:innen geschürt, die meist unter
       menschenunwürdigen Bedingungen in Libyen festsitzen. Plevris sprach von
       derzeit rund 550.000 Menschen, die nach Europa gelangen wollen. Athen
       arbeite demnach eng mit der EU-Grenzschutzagentur Frontex und auch den
       libyschen Behörden zusammen um Überfahrten zu verhindern.
       
       Laut Sea-Watch Sprecherin Messmer ist das libysche Patrouillenboot am
       Montagnachmittag nach einiger Zeit der Verfolgung zurückgefallen und
       inzwischen nicht mehr sichtbar. Danach sei jedoch ein weiteres Boot der
       Corrubia-Klasse aufgetaucht. Ein solches von Italien gespendetes Boot war
       auch für den Angriff auf die „Ocean Viking“ verantwortlich.
       
       Warum der Angriff genau jetzt stattgefunden hat, kurz nach der Erhöhung der
       deutschen Sicherheitsstufe, müsse man laut Messmer bei „der
       Auftraggeberinnen der sogenannten libyschen Küstenwache, der
       EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen“ erfragen.
       
       Die drastischen Folgen der EU-Abschottungspolitik waren zuletzt wieder
       besonders deutlich sichtbar. Für Menschen, die über das Mittelmeer nach
       Europa fliehen, ist 2026 bereits eines der tödlichsten Jahre seit Langem.
       Die internationale Organisation für Migration (IOM) zählte bereits mehr als
       1.200 Tote. Das Mittelmeer bleibt eine der gefährlichsten Fluchtrouten
       weltweit.
       
       11 May 2026
       
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