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       # taz.de -- Debatte über die Fußball-WM: Ein WM-Boykott wäre wie ein Weltboykott
       
       > Unser Autor wird die Spiele ansehen. Er sagt: Es ist nicht möglich,
       > globale Veranstaltungen nur in Ländern auszutragen, die unseren
       > Ansprüchen genügen.
       
   IMG Bild: Es ist sicher nicht alles gut bei der WM. Ein Boykott wäre trotzdem der falsche Weg, sagt unser Autor
       
       [1][Oke Göttlich] wollte die Fußball-WM ja auch nicht boykottieren. Der
       Präsident des FC St. Pauli und Vizepräsident des DFB wollte aber, dass
       darüber zumindest diskutiert wird, er wollte also die politische Dimension
       gesellschaftlich beleuchten. Man kann sich vorstellen, wie begeistert man
       beim DFB war. Immer diese Linken!
       
       Die Argumente sind bekannt: Die Spiele seien ja nicht nur in Trumps
       autoritär gewendeten USA, sondern auch in Kanada und Mexiko. (Stimmt, aber
       es sind sehr wenige.) Die Debatte komme „zur Unzeit“. (Nämlich vor der WM.
       Danach wäre besser!) Man solle die Politik doch aus dem Sport raushalten
       und so weiter. Eine Diskussion kam nicht zustande. Holen wir das daher
       nach.
       
       ## Na klar, es ist eine Propagandashow
       
       Selbstverständlich handelt es sich bei der WM um eine Propagandashow des
       autoritären US-Präsidenten Trump und des kollaborierenden Fifa-Präsidenten
       Infantino. Selbstverständlich können und müssen sich die
       liberaldemokratischen Länder Europas fragen, wie man mit der Veranstaltung
       in Trumpland umgeht, wie auch schon bei der [2][WM 2018 in Russland], der
       [3][WM 2022 in Katar] und diversen Olympischen Spielen in Vergangenheit und
       vor allem in Zukunft. Mit irgendwelchen albernen Symbolaktionen von
       Fußballteams (Mund zuhalten, [4][Regenbogenbinde]) und erhitzten
       Diskussionen darüber ist aber gar nichts zu gewinnen – außer moralischer
       Selbsterhöhung.
       
       Wer wirklich etwas bewirken will, braucht einen Hebel, der ihm reale Macht
       gibt. Sagen wir: Die übertragenden Fernsehsender würden boykottieren (und
       der Fifa kein Geld überweisen). Dann sähe die Lage anders aus. Davon kann
       aber keine Rede sein. Auch die politische Macht des DFB und der Europäer im
       Weltfußballverband ist mittlerweile begrenzt. Dafür hat Infantino gesorgt.
       Man braucht den Funktionären vermutlich nicht mal laut zu drohen, dass sie
       keine Turniere mehr kriegen, wenn sie nicht schön brav sind. Sie hören auch
       so.
       
       Wenn man sich die Welt anschaut, dann fällt auf: Über 70 Prozent der
       Menschen leben in autoritären Systemen ohne demokratische Wahlen. Liberale
       Demokratien sind die seltenste Regierungsform überhaupt. Wenn man also die
       „verbindende Kraft der Sports“ ernst nimmt, muss man sich fragen, ob uns
       gar nichts anderes übrig bleibt, als auch in Ländern mitzumachen, in denen
       unsere emanzipatorisch-liberalen Lebensumstände abgelehnt oder gar
       staatlich verfolgt werden.
       
       Man könnte sagen: Wenn ihr nicht akzeptiert, was wir als universalistische
       Grundlagen festlegen, dann ohne uns. Wenn das aber nicht mit der Macht
       verknüpft ist, die Grundlagen der anderen zu ändern oder über die
       bezahlenden Fernsehsender einen Ortswechsel durchzusetzen, dann hat das
       keine Konsequenzen. Grundsätzlich wird es nicht möglich sein, globale
       Veranstaltungen nur in Ländern auszutragen, deren politische Verfasstheit
       und Aufklärungsgrad unseren Ansprüchen genügen.
       
       ## Die Welt – ein Mix aus politischen Systemen
       
       Der Dortmunder Soziologe und BVB-Ultra [5][Aladin El-Mafaalani] hat im
       Frühjahr bei einer Veranstaltung in Berlin in diese Richtung argumentiert
       und auch darauf hingewiesen, dass unser völliges Unverständnis darüber,
       dass die letzte WM in Katar im Winter ausgetragen wurde, etwas Koloniales
       habe. Die WM findet für viele Länder anderer Kontinente schon immer im
       Winter statt, auch als Gastgeber (Uruguay, Chile, Argentinien, Südafrika).
       Nur für uns Europäer war sie eben immer im Sommer.
       
       Die Welt hat zwei Hemisphären, und sie ist ein Mix aus unterschiedlichen
       politischen Systemen und gesellschaftlichen Kulturen. Eines der wenigen
       Dinge, die fast alle lieben, ist der Fußball. Ein WM-Boykott wäre letztlich
       so etwas wie ein Weltboykott. Es würde heißen: Wenn die Welt nicht so ist,
       wie wir das wollen, dann ohne uns.
       
       Das halte ich für falsch.
       
       Das Fußballstadion, auch hier folge ich El-Mafaalani, ist einer der wenigen
       Orte, wo die Unterschiedlichen zusammenkommen. In der Bundesrepublik und in
       der Welt. Diesen Ort kann man nicht auf einen aufgeklärt-liberalen
       Verhaltenskodex limitieren.
       
       Ich muss sagen, ich halte meine Argumente für überzeugend. Was aber, wenn
       ich das alles nur sage, damit ich die nächsten Wochen ruhigen Gewissens die
       WM sehen kann? Alle Spiele, alle Tore! Ich glaube zwar nicht, dass das der
       Hauptgrund für meine Argumentation ist, aber völlig ausschließen kann ich
       es nicht.
       
       11 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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