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       # taz.de -- Rechtsruck in der Kultur: Schmerzhafte Kulturkampfwunden
       
       > Die Rechte versucht zunehmend, die Kultur unter ihre Kontrolle zu bringen
       > – mit Erfolg. Doch wir müssen das nicht einfach hinnehmen.
       
   IMG Bild: Kulturkampf gegen Rechts heißt laut sein und Widerstand leisten
       
       Drei Uhr nachts ist bekanntlich die Unzeit schlechthin. F. Scott Fitzgerald
       behauptete gar, in der dunklen Seite der menschlichen Seele sei immer drei
       Uhr nachts. Alles hat geendet und noch nichts Neues kann schon beginnen.
       Außerdem scheinen es etliche Körperteile als den angemessenen Termin
       anzusehen, sich mit Schmerzen zu melden, alte Narben, neue organische
       Überforderungen. Ich behaupte: Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in
       einem Drei-Uhr-nachts-Zustand. Und einer der Teile, die ihr in diesem
       Dämmerlicht besonders wehtun, ist die Kultur.
       
       Was da zwickt und brennt ist ein [1][sogenannter Kulturkampf], den die
       antidemokratische Rechte (das archetypische Drei-Uhr-nachts-Symptom einer
       bürgerlichen Gesellschaft) ausgerufen und konsequent durchgeführt hat.
       Große Teile der liberalen Zivilgesellschaft glauben immer noch, es handele
       sich dabei um eine Art schlechten Traum, aus dem man rasch erwachen kann,
       um dann wieder die Decke übers Kinn zu ziehen.
       
       Tatsächlich aber sind diese Drei-Uhr-nachts-Schmerzen an Haupt und Gliedern
       der Gesellschaft zu spüren und weisen auf eine schwerere Krankheit hin: Was
       mit der Kultur geschieht, droht bald der ganzen Gesellschaft. Um es mit den
       Worten des italienischen Senators Francesco Verducci zu sagen:
       „Kulturpolitik ist für die Rechten ein Eroberungskampf, und alles, was sie
       nicht besetzen und kontrollieren können, wird diskriminiert und bekämpft.“
       
       Die vereinigte Rechte dieser Tage hat in ihrem Bestreben, die Kultur unter
       ihre Kontrolle zu bringen, ein Repertoire von taktischen Verletzungen und
       Vergiftungen geschaffen:
       
       Delegitimation, Denunziation und Verunsicherung linker, liberaler und
       demokratischer Medien und Kulturinstitutionen im Schulterschluss von
       [2][konservativer Kulturpolitik] und rechten Sprachrohren. Verschärfung der
       finanziellen Krisen durch gezielte [3][Umleitung von Fördergeldern] und
       anderen Unterstützungen von demokratischen zu rechten Elementen.
       Druckaufbau durch allgemeine Sparmaßnahmen im Krisenmodus.
       
       ## Empörung statt Kritik und Debatte
       
       Besetzung von Schlüsselrollen in der Kultur durch Ideologie- und
       Regimetreue (was die Melonis und Trumps dieser Welt anbelangt, gern auch
       Mitglieder der erweiterten Familien-Clans), unabhängig von künstlerischer
       und sozialer Kompetenz. In Krisen geratene Medien und Institutionen werden
       an in- oder ausländische Oligarchen oder Zwischenhändler verkauft, die sich
       die lukrativen Teile aneignen und den Rest in Propagandainstrumente
       umwandeln, um sich das Wohlwollen der rechten Regierung sowie die eigene
       mediale Präsenz zu sichern.
       
       Begleitet ist das alles von einer ständigen Polemik gegen zu viel linke
       Einflussnahme oder eine kulturelle Produktion, die am „Volk“ vorbeigeht.
       Breite Aktivierung aller Vorbehalte gegen das Moderne in Kunst, Literatur
       und Theater.
       
       Flächendeckende Normalisierung rechter und ultrarechter Medien und
       Stimmungen. Mainstream-Medien ebenso wie öffentlich-rechtliche Sender
       versuchen, sich durch den [4][Einsatz rechter Stimmen] gegen den Vorwurf
       der Einseitigkeit zu wehren. Rechte und rechtspopulistische wie
       rechtsextreme Medien und Institute werden von den Regierungen geduldet,
       beliefert und zunehmend bevorzugt.
       
       Jede linke und demokratische Kultur wird mit einer Hetz- und Hass-Kampagne
       bedroht, bei der die Rechten nach Zustimmung im konservativen Milieu
       fischen. An die Stelle von Kritik und Debatte tritt das Empörungsspektakel.
       Personen linker und demokratischer Medien werden [5][mit Gewalt bedroht und
       eingeschüchtert]. Der Staat kann und will sie nicht schützen.
       
       ## Kultur als kreativwirtschaftliche Ware
       
       Gremien, Ausschüsse, Jurys und andere Instanzen werden von rechten
       Mitgliedern in ihre Richtung gedrängt. Wo dies nicht gelingt, werden ihre
       Entscheidungen infrage gestellt und autoritär ausgehebelt. Das Internet
       wird, frei nach den Direktiven der US-amerikanischen Rechten, weiter mit
       brauner Soße geflutet.
       
       Der Staat selbst [6][verlagert seine Förderpflichten] von einer
       Kulturförderung in der Fläche und für die Bevölkerung auf nationale
       Leuchtturmprojekte. Antimigrantische („[7][Stadtbild]“) und antiqueere
       ([8][Klöckners Regenbogen-Erlass]) Impulse werden in
       Mitte-rechts-Regierungen zum Standard.
       
       Der Schulterschluss zwischen Industrie und Rechten, der sich lange im
       Hintergrund vorbereitete, erscheint nun als offene Allianz zum Wohl der
       Unterhaltungsbedürfnisse und zum Wehe kritischer Berichterstattung. Die
       Berufsaussichten von Kulturschaffenden außerhalb der neuen Allianzen von
       Kapital und Rechten werden denkbar schlecht. Von einem verfassungsgemäßen
       Gemeingut soll Kultur zur kreativwirtschaftlichen Ware werden. Einige
       kulturelle Instanzen (in Deutschland zum Beispiel die
       öffentlich-rechtlichen Kulturprogramme) begehen inhaltlich kollektiven
       Selbstmord aus Furcht vor der kulturpolitischen Reaktion.
       
       All das findet in den Staaten des einstigen demokratischen Westens zwar in
       verschiedener Intensität und Geschwindigkeit statt, ohne einen Kulturkampf
       von rechts aber ist keiner geblieben. Wer in Deutschland im Bereich von
       Kunst, Kultur und Kritik tätig ist und sich nicht direkt oder indirekt
       betroffen spürt, muss über eine ausgeprägte Kraft des Augenschließens
       verfügen.
       
       ## Nicht aussitzen, sondern gegenhalten
       
       Wir anderen, die wir ganz deutlich um den Schlaf gebracht sind, könnten um
       drei Uhr nachts immerhin ein paar Vorsätze für den nächsten Tag fassen:
       Keine Fraternisierung! Keine diplomatischen Kompromisse! Kein Aussitzen in
       der Hoffnung, den rechten Spuk zu überleben! Keine innere Emigration! Kein
       Sprung über jeden Stock, den die Rechte hinhält! Stattdessen solidarisches
       Zusammenwirken! Jeden antidemokratischen Kulturkampfvorstoß öffentlich
       machen! Thematisierung der Strategien und Taktiken des rechten
       Kulturkampfs! Schaffung neuer kultureller Öffentlichkeiten! [9][Kritik von
       Opportunismus und Feigheit] in den Mainstream-Medien!
       
       Drei Uhr nachts ist ein qualvoller Zeitpunkt des Erschreckens und der
       Angst. Aber auch der Zeitpunkt, sich auf einen nächsten Morgen
       vorzubereiten.
       
       12 May 2026
       
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