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       # taz.de -- Ehrenamt bei der Hamburger Tafel: Sieben Stunden zwischen Überfluss und Bedürftigkeit
       
       > Freitags fahren Riko und Peter durch Hamburg und sammeln Lebensmittel für
       > Bedürftige ein. Die beiden Rentner wollten keine Sesselfurzer mehr sein.
       
   IMG Bild: Mitgenommen wird, was man selbst noch essen würde: Hamburger Tafel versorgt in den Verteilzentren wöchentlich etwa 40.000 Menschen
       
       „Rrriiko!“, hallt es mit bayerisch rollendem R über einen Gewerbehof in
       Hamburg-Wandsbek. Es ist fünf vor halb acht am Morgen, ein windiger
       Freitag. Peter hat es eilig. Zielstrebig steuert er auf den Transporter zu,
       in dessen Innenraum Riko die letzten Klappboxen stapelt. Sonst kommen sie
       gegen kurz nach sieben los. Deshalb muss es nun schnell gehen, schließlich
       haben sie heute noch viel vor.
       
       Riko und Peter arbeiten ehrenamtlich bei der Hamburger Tafel. 14
       Supermärkte, Bäcker und andere Lebensmittelgeschäfte stehen heute auf ihrer
       Liste. Ihre Mission: [1][Lebensmittel vor dem Müll retten] und bedürftigen
       Menschen etwas Gutes tun. Immer mit dabei: Die roten Jacken der Hamburger
       Tafel und ein paar gummierte Arbeitshandschuhe. Wie viele Lebensmittel Riko
       und Peter im Laufe des Vormittags einsammeln werden, wissen sie nie genau.
       Meist sind es mehrere hundert Kilo, die sie am Ende ihrer Tour in der
       Ausgabestelle in Iserbrook abliefern.
       
       Um kurz nach halb acht rollt der Sprinter vom Hof. Riko sitzt am Steuer,
       Peter daneben – so ist das immer, Peter fährt nicht so gern die großen
       Transporter. Seit drei Jahren bilden die beide Ruheständler ein Team und
       bestreiten jeden Freitag gemeinsam die Tour durch Hamburgs Innenstadt.
       Riko, Anfang 60, ist seit fünf Jahren bei der Tafel. Vorher hat er als
       Banker gearbeitet. Peter, Mitte 60 und gebürtiger Bayer, war im
       Verlagswesen tätig. Beide wollten im Ruhestand etwas Sinnvolles tun, sich
       engagieren. Nach einigem Ausprobieren fanden sie zur Tafel – und blieben.
       
       ## Alles, was man selbst noch essen würde
       
       Erster Halt um kurz nach acht: ein inklusiver Supermarkt im Stadtteil
       Barmbek. Peter weiß genau, wo er hinmuss. Er kennt die Märkte, ihre Lager,
       die Mitarbeiter, an die er sich wendet. Trotzdem fragt er immer nach, bevor
       er was mitnimmt – eine Frage des Respekts, schließlich wollen sie ja
       wiederkommen. Ein freundliches [2][„Moin moin“] und wenige Worte später
       schiebt Peter einen Rollcontainer mit gestapelten Kartons vor sich her. Vor
       allem Gemüse gab es hier heute, gleich etliche Kilo. Draußen hat Riko den
       Transporter schon vorbereitet. Jetzt wird aussortiert, grob, denn die
       Ausgabestelle der Diakonie prüft eh noch einmal nach. Die Faustregel: Es
       kommt mit, was man selbst noch essen würde.
       
       Wenige Minuten später sind sie wieder unterwegs. Die Arbeit bei der Tafel
       strukturiert ihre Woche, bringt sie mit Menschen zusammen und hält sie fit.
       „Ich habe schon etwas gesucht, wo ich richtig was machen kann“, sagt Riko,
       „weiterhin so ein Sesselfurzer zu sein, nur E-Mails lesen, viel
       telefonieren und schlau schnacken, das wollte ich nicht“. Auch das soziale
       Miteinander schätzen sie. Schließlich arbeiten Menschen aller Generationen
       bei der Tafel: Schulabgänger im [3][Bundesfreiwilligendienst],
       Berufstätige, die einen Tag freinehmen, und vor allem Ruheständler – der
       Älteste ist über 80. Insgesamt engagieren sich etwa 120 Ehrenamtliche, nur
       acht Personen sind festangestellt.
       
       ## „Immer schön verdichten, Peter“
       
       Nächster Stopp: ein Edeka im wohlhabenden Stadtteil Uhlenhorst. Peter geht
       zielsicher durch den Laden auf das Lager zu, grüßt die Mitarbeitenden.
       „Habt ihr was für uns?“ Klar, hinten warten mehrere Kartons voller Obst und
       Gemüse, Fertiggerichte knapp über dem Mindesthaltbarkeitsdatum und
       Backwaren. Peter zieht an der Schnur, die von der Decke des
       Supermarktlagers baumelt. Mit einem monotonen Rattern öffnet sich das
       Rolltor und macht den Blick auf Riko frei.
       
       Der hat den Transporter umgeparkt und steht nun vor den geöffneten
       Hecktüren. Mehrere Klappkisten hat er bereit gemacht, es geht ans
       Vorsortieren. „Immer schön verdichten, Peter“, ruft er. Die beiden ahnen
       schon, dass der Platz im Transporter heute noch knapp werden wird. Es gilt,
       eng zu packen, immer so, dass die Kisten noch gestapelt werden können.
       
       Drei Supermärkte später: Pause bei einer szenigen Bäckereikette in
       Ottensen. Zwei Rollcontainer voller Brot, Brötchen und süßer Teilchen haben
       Riko und Peter gerade verladen – etwa 90 Kilogramm, schätzen sie. Die
       Backwaren sind vom Vortag und in allerbestem Zustand. Riko lehnt am Tresen,
       unterhält sich lachend mit dem Personal. Peter scrollt am Handy, verfolgt
       die Ergebnisse der Pressekonferenz von Bayern München, seinem
       Lieblingsverein. Den Kaffee gibt es für die beiden aufs Haus.
       
       Richtig absurde oder beängstigende Erlebnisse hatten sie bei der Tafel noch
       nicht. Die meisten Menschen begegnen ihnen mit Freundlichkeit und Respekt.
       Früher, als sie neu waren, gab es manchmal Misstrauen. „Fremde ins Lager zu
       lassen, ist eben eine Vertrauenssache“, sagt Peter. Heute läuft alles
       reibungslos. Und sie haben gelernt: „Schimmelige Paprika ist schlimm. Der
       Geruch an den Händen begleitet dich tagelang“, erzählt Peter. Deshalb die
       gummierten Handschuhe.
       
       ## Durch die Mitte, nach Westen und wieder zurück
       
       Kurz vor eins stehen Riko und Peter auf dem Parkplatz einer Schlachterei im
       Schanzenviertel. Der Transporter ist randvoll, ihre Tour durch die
       Supermärkte und Geschäfte in Hamburg-Mitte fast geschafft. Eine knappe
       Tonne Lebensmittel haben die beiden Rentner im Laufe des Vormittags in den
       Sprinter geladen. Jetzt geht es zur Ausgabestelle in Iserbrook, einem der
       Elbvororte im Westen der Stadt.
       
       Die Tafel Hamburg liefert wöchentlich rund 90 Tonnen Lebensmittel an 31
       Ausgabestellen. Die Verteilzentren werden von sozialen Einrichtungen
       betrieben und versorgen wöchentlich etwa 40.000 bedürftige Menschen –
       Tendenz steigend. Denn hohe Verbraucherpreise und ein politisch
       ausgehöhlter Sozialstaat zwingen immer mehr Menschen zu den Tafeln.
       
       In Iserbrook, an der Ausgabestelle der Diakonie angekommen, freut man sich
       über alles, was Peter und Riko mitbringen. Ganz besonders leuchten die
       Augen beim Anblick der frischen Backwaren, die stapelweise aus dem Sprinter
       geholt werden. Beim Ausladen packen alle mit an – das ist üblich.
       
       Um kurz nach halb drei, eine Stunde Fahrzeit später, biegt der leere
       Transporter auf den Gewerbehof in Hamburg-Wandsbek ein. Seit fünf Uhr sind
       Riko und Peter auf den Beinen. Hinter den beiden liegt eine siebenstündige
       Tour quer durch Hamburg – vom Osten der Stadt durch die Mitte, nach Westen
       und wieder zurück. Mittlerweile regnet es in Strömen. „Rrriiko“, ruft Peter
       mit rollendem R, „ich freu mich auf die Dusche zu Hause“.
       
       19 Jul 2026
       
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