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       # taz.de -- taz🐾thema: Muzak auf denKopf gestellt
       
       > Festivals mit abenteuerlicher Musik haben dieses Jahr einiges zu bieten:
       > vom „Deep Listening“ über eine Anleitung zur Unproduktivität bis zu
       > fragilem Folk und dunklem Dröhnen
       
   IMG Bild: In Linz dürfte der Musiker Dieb13 (l.) dem Publikum mit Billy Roisz viel Spaß bereiten
       
       Von Robert Mießner
       
       Experimentelle Musik gilt als Angelegenheit für Eigenbrötler. Dem steht
       gegenüber, dass es auch Freunde schräger Klänge in die Gemeinschaft
       Ähnlichgesinnter zieht. Eine Gelegenheit dafür bietet am 5. und 6. Juni in
       Bremen im Schaulust am Güterbahnhof das Sound Cream Festival für
       experimentelle Popmusik. Kuratiert von der Berliner Musikerin Theresa
       Stroetges, bekannt unter ihrem Künstlernamen Golden Diskó Ship, bringt das
       Sound Cream zusammen, was nach dem Reinheitsgebot nicht zusammengehört: den
       Versuch und das Vertraute. 
       
       Eröffnen wird das Festival die singende Schlagzeugerin und
       Multiinstrumentalistin Theresa Riemann. Sie debütierte 2013 mit dem Album
       „She has lost control again“. Der Titel erinnert an eine der Blaupausen
       schwarzgetönter Rockmusik, den gleichnamigen Song der Post-Punk-Band Joy
       Division. Riemann allerdings rückt der Depression mit dem Instrumentarium
       des Noise-Rock zu Leibe, setzt eher auf Exorzismus als Introspektion.
       „Experimentelle Musik heißt bei ihr Befreiung“, ist in der
       Festivalankündigung nachzulesen. Befreiung wohlgemerkt, nicht Freiheit. Der
       Unterschied ist erheblich.
       
       Am zweiten Sound-Cream-Abend treten die Musikerin Jasmine Guffond und der
       Videokünstler Louis Cameron gemeinsam auf. Sie ist hauptsächlich mit
       elektronischer Musik von sehr leise bis sehr laut hervorgetreten. Er kommt
       aus den USA und untersucht deren Kultur, die er als nicht insular versteht.
       Auf Guffonds Platten und Konzerten lässt sich erfahren, was die Komponistin
       und Akkordeonistin Pauline Oliveros mit ihrem Konzept des „Deep Listening“
       umrissen hat. „Tiefes, verkörpertes Hören“ meint die Festivalankündigung
       und trifft es sehr gut. Guffonds aktuelles Album heißt „Muzak for the
       Encouragement of Unproductivity“. Mit den Musikern Hilary Jeffery (Trompete
       und Tuba) und Kai Fagaschinski (Klarinette) stellt Guffond darauf das
       Konzept von Muzak auf den Kopf. Unproduktivität heißt dabei nicht Faulheit.
       Auch der Unterschied ist erheblich.
       
       ## Eine Sause für die Dorf-Oma bis zum Stadt-Punk
       
       Wir bleiben in Norddeutschland. Vom 19. bis zum 21. Juni findet die
       Jubiläumsausgabe zu 30 Jahren Avantgarde Festival Schiphorst statt.
       Jean-Hervé Péronerinnert sich, dass er und seine Partnerin Carina eine
       Sause „sowohl für die Dorf-Oma wie den Stadt-Punk“ haben wollten; ihre
       Tochter Jeanne-Marie Varain, sie kuratiert mittlerweile das Festival,
       meinte im taz-Interview mit Jan Paersch: „Experimentell ist bei uns das
       soziale Miteinander“. Also spielen in diesem Jahr zum Beispiel Embryo, jene
       bunte Truppe, die seit den späten Sechzigerjahren Musik aus aller Damen
       Länder mit Krautrock – dem, was als deutscher Beitrag zur Rockavantgarde
       umschrieben wird – kombiniert.
       
       Der Genrebegriff Krautrock taucht übrigens als Songtitel auf einer Platte
       auf, die Varains Vater Jean-Hervé Péron in den frühen Siebzigern mit seiner
       Band Faust eingespielt hat. Der Song ist ein Zwölfminutenbrett. Da können
       Embryo nur lachen! Ihre Konzerte dauern mitunter mehrere Stunden bis in den
       frühen Morgen. Geleitet werden sie von Marja Burchard, Tochter des 2018
       gestorbenen Gründers Christian Burchard.
       
       An die in diesem Jahr gestorbene Wegbereiterin elektronischer Musik, Éliane
       Radigue, erinnert in Schiphorst Antye Greie-Ripatti alias AGF. Die
       Künstlerin aus dem sächsischen Ebersbach, mittlerweile lebt sie auf einer
       finnischen Insel, wird für Radigue die Komposition „Über Occam VII“
       aufführen. Beide haben zusammengearbeitet, AGF ist also mit der raum- und
       zeitintensiven Klangästhetik von Éliane Radigue vertraut. „Haltung
       (kannanotto)“ heißt AGFs zweiter Beitrag, die Komponistin spricht von
       „Haltung, Position, Prinzip, innerer Stärke, Beharrlichkeit“ und fragt:
       „Wie behauptet man seinen Raum – unter Druck, unter Kompromissen? Wie
       entsteht ein demokratischer Raum, was bedeutet Teilhabe?“ angesichts eines
       „Planeten unter Angriff und Ausbeutung“. Experimentelle Musik im
       Elfenbeinturm ist AGFs Sache nicht, die dezidierte Feministin hat
       Autorinnen wie Bettina von Arnim, Ann Cotten und Ulrike Meinhof vertont.
       
       Vom Norden in den Osten: Seit 2023 findet in Markkleeberg/Leipzig in der
       Kirchenruine Wachau, einem neogotischen Sakralbau, in den zweimal der
       Weltkrieg einschlug und dem ein Blitz den Rest gab, das Ancient Echoes
       Festival statt. In diesem Jahr erstmals zweitägig, am 3. und 4. Juli, haben
       sich die Veranstalter fragilem Folk und dunklem Dröhnen verschrieben. Aidan
       Baker beispielsweise: Der kanadische Gitarrist und Multiinstrumentalist ist
       seit 2000 mit einem mittlerweile dreistelligem Œuvre aus turmhohen
       Geräuschwänden und flächigen Rockinstrumentals hervorgetreten. Metalfreunde
       kennen Baker von dem Duo Nadja, das er mit seiner Partnerin Leah Buckareff
       betreibt. 2025 sind sie in der Genezarethkirche in Berlin-Neukölln
       aufgetreten. Der auf Tape unter dem Titel „Seemannsgarn“ veröffentlichte
       Mitschnitt lässt offen, ob es sich dabei um eine Geisteranrufung oder
       Geisteraustreibung handelte. Für den Herbst hat Baker einen Roman
       angekündigt: „Songs of Waking & Weather“ soll er heißen, den Soundtrack
       gibt es jetzt schon. Baker spielt darauf Gitarren, Bordunzither, Piano,
       Vibrafon und Schlagzeug. Mit Field Recordings klingt das Album aus.
       
       Akkordeon und auch Zither sind die Instrumente, mit denen sich die Sängerin
       Joanna Gemma Auguri begleitet. Auf ihrem traumhaft-entrücktem Album
       „Hiraeth“ kommt ein ganzes Folkjazz-Ensemble hinzu: Standbass, Orgel,
       Piano, Synthesizer, Cello, singende Säge, Schlagzeug, Lap Steel,
       Klarinette, Saxofon, Trompete, Flügelhorn und ein Chor. Auguris Musik ist
       von der Melancholie, in der eine ziemliche Kraft eine enorme Sogwirkung
       entfaltet. Ihr Konzert bei Ancient Echoes ist übrigens eine von zwei
       Möglichkeiten, Auguri in diesem Jahr live zu erleben. Um die Wachauer
       Kirche muss man sich dabei keine Sorge machen, sie hat seit 1997
       Gottesdienste, Trauungen, Taufen wie auch Konzerte erlebt.
       
       ## „This stupid world is all we have“
       
       Noch etwas weiter in Richtung Morgenröte, gleich nach Österreich: Seit 2008
       organisiert in Gallneukirchen bei Linz der Verein KLANGfolger das
       KLANGfestival für anspruchsvolle Musik, die dabei nicht akademisch gedacht
       und dennoch zeitgenössisch ist. In diesem Jahr, vom 10. bis zum 12. Juli,
       steht das Festival unter dem zeitgemäßen Motto „This stupid world is all we
       have“. Es ist der unorthodoxen Rockband Yo La Tengo entlehnt, einem Trio,
       das für die andere USA, sagen wir für die von Patti Smith und Sun Ra,
       steht.
       
       In diesem Sinne finden in Gallneukirchen im Alten Hallenbad, der Alten
       Feuerwehr, der Evangelischen Kirche und im öffentlichen Raum des
       Stadtzentrums Konzerte statt wie das des Trios Sylvia Bruckner/Lukas
       König/Martin Siewert: Piano, E-Gitarre, Schlagzeug, kein Bass, aber
       Elektronik. Von der Besetzung muss man sich überraschen lassen. Von den
       bisherigen Veröffentlichungen der Beteiligten darf man Jazz erwarten, der
       nicht nach Jazz klingt.
       
       Martin Siewert beispielsweise hat mit Dieter Kovačič alias Dieb13
       zusammengearbeitet, einem Musiker, der ähnlich wie Christian Marclay, Otomo
       Yoshihide oder Joke Lanz den Plattenspieler als Instrument für Experimente
       und Improvisationen verwendet. Das geht bis hin zu selbst geschnittenen,
       nicht immer wie rohe Eier behandelten Vinyls. In Gallneukirchen wird Dieb13
       mit der Musikerin Billy Roisz auftreten: Sie erzeugt Klang und Bild mit
       verschiedenen elektronischen Instrumenten, E-Bass,
       Kathodenstrahlröhrenfernseher, Video-Projektoren, Synchronisatoren und
       manchmal dem Computer. Liest sich anstrengend, kann ein Heidenvergnügen
       sein.
       
       „Keine Experimente“ war übrigens ein Slogan der Proto-AfD, der Allianz für
       Deutschland, im Wahlkampf für die erste und letzte freie Volkskammerwahl
       der DDR im März 1990. Alles Weitere ist bekannt. Mehr Experimente wagen!
       
       Sound Cream-Festival, Bremen, 5. bis 6. Juni
       
       Avantgarde Festival Schiphorst, 19. bis 21. Juni
       
       Ancient Echoes Festival, Markkleeberg, 3. bis 4. Juli
       
       KLANGfestival, Linz, 10. bis 12. Juli
       
       30 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Robert Mießner
       
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