# taz.de -- tazđŸthema: Gibt es bei Ihnen eine Toilette?
> Seit Corona, Inflation und Dauerkrise treffen sich in Berlin immer mehr
> junge Menschen am SpÀti um die Ecke. Ein Ortsbesuch
IMG Bild: Der SpÀti ist in Berlin oft Wohnzimmer- und Kneipenersatz
Von Andreas Hartmann
Es gibt viele unterschiedliche Faktoren, die einen wirklich guten Berliner
SpĂ€ti ausmachen: etwa Angebot, Ăffnungszeiten, Kundenbehandlung. Und ob man
zur Not auch mal eine Schachtel Kippen bis zum nÀchsten Tag anschreiben
lassen kann. Am wichtigsten aber sei, so Kati und Jonas, die sich selbst
als echte SpÀti-Experten bezeichnen, dass eine Toilette vorhanden ist. Die
beiden sagen, dass sie in den sommerlichen Monaten jeden Abend vor einem
SpĂ€ti auf ein Bier abhĂ€ngen wĂŒrden.
Richtig gelesen: jeden Abend. So wie heute, als man sie abends vor Best of
SpÀti im Bezirk Friedrichshain antrifft. Der SpÀtibesuch als Wohnzimmer-
und Kneipenersatz. Klar, dass da das Vorhandensein einer Toilette âein
Mussâ ist, wie Kati findet. Jonas sagt, er habe sogar bereits ĂŒberlegt,
eine App zu entwickeln, die auf einer Map alle Berliner SpÀtis auflistet,
in denen man nicht nur Toilettenpapier kaufen, sondern selbiges bei Bedarf
auf einem vorhandenen Klo auch benutzen kann.
Die Toilettenfrage zeigt schon, in welche Richtung sich zumindest einige
SpÀtis in den letzten Jahren entwickelt haben. Orte, an denen man zu fast
jeder erdenklichen Tages- oder Nachtzeit allerlei bekommt, von der
TiefkĂŒhlpizza bis zu Erdnussflips, sind sie sowieso auch weiterhin.
SpÀtestens seit Corona, seit Inflation und Dauerkrise, seit das Leben
ĂŒberall teurer geworden ist, ein Gin Tonic in der Kneipe 12 Euro Minimum
kostet und der Eintritt in einen Club gut das Doppelte, haben vor allem die
jungen Menschen mit schmaler Geldbörse erkannt, dass man nicht nur im
Berghain eine gute Zeit haben kann, sondern fĂŒr 1, 20 Euro pro Billigbier
auch vor einem SpĂ€ti wie âBest ofâ.
Immer wieder genau hier ist auch Carlo mit seinen Freunden. Nach dem Abi
jobbt er gerade ein wenig herum, wohnt noch bei seinen Eltern und kann sich
regelmĂ€Ăige Club- und Kneipenbesuche nicht leisten. An den Wochenenden
heiĂt es dann also bei ihm und seinen Jungs: Ab zum âBest ofâ. Wegen âdem
Vibeâ, sagt Carlo, und weil man hier auch in Ruhe Karten spielen, die
eigene Musik hören oder je nach Lust und Laune einen Joint durchziehen
könne.
Nicht jeder SpÀti freilich scheint das Zeug dazu zu haben, sich zu einem
beliebten AbhÀngort zu mausern, allein schon wegen der Sache mit den
Toiletten. Das âBest of SpĂ€tiâ liegt mitten in einem ziemlich trubeligen
Kiez, ein Hostel befindet sich ums Eck, zig Restaurants sÀumen die Gegend,
mehrere Clubs sind fuĂlĂ€ufig erreichbar. Beste SpĂ€ti-Lage, und so befinden
sich auch gleich gegenĂŒber zwei weitere SpĂ€tis mit ein paar Tischen davor.
Aber richtig was los ist trotzdem nur auf den Sitzgelegenheiten vor dem
âBest ofâ.
Das liege am Betreiber, den hier alle nur unter seinem Vornamen Amir
kennen, meint Kati. Amir sei immer freundlich und hilfsbereit und das wĂŒrde
beitragen zu einer positiven AtmosphĂ€re, einem âFamilien- und
ZuhausegefĂŒhlâ, das sie bei einem SpĂ€ti suche. Dass das âBest ofâ einer
dieser wenigen Berliner SpÀtis ist, die wirklich tÀglich rund um die Uhr
geöffnet haben, trÀgt sicherlich ebenfalls zu dessen PopularitÀt bei. Amir,
den man in seinem Laden antrifft, sagt dazu, er habe wegen des gleich
nebenan ebenfalls von ihm betriebenen Dönerladens eine Sondergenehmigung,
um auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet zu haben.
Apropos âSondergenehmigungâ: Seit zehn Jahren ist das ein berĂŒchtigter
Begriff in der Berliner SpĂ€ti-Szene. Seither dĂŒrfen SpĂ€tis eigentlich
Sonntags nicht mehr geöffnet haben. AuĂer mit besagter Genehmigung. Und die
bekomme man, so Alper Baba, Vorsitzender des Interessenverbandes Berliner
SpĂ€ti, wenn der SpĂ€ti einen âGaststĂ€ttencharakterâ vorweisen könne. Wozu
beispielsweise Tische und StĂŒhle zum Sitzen auch drinnen und nicht nur
drauĂen gehörten.
Viele SpÀtibetreiber aber hÀtten schon rein rÀumlich nicht die Möglichkeit,
diese Voraussetzungen zu erfĂŒllen, so Baba. Ohne das SonntagsgeschĂ€ft aber
und bei gleichzeitig steigendem Druck bei den Kosten fĂŒr Mieten und Energie
könnten immer weniger SpĂ€tis ĂŒberleben. Wenn man dem SpĂ€ti-Lobbyisten dann
berichtet, dass aber in Friedrichshain andauernd weitere SpÀtis entstehen,
meint er, dass es in den touristisch beliebten Kiezen diese Entwicklung
tatsÀchlich gebe.
Doch wenn man ganz Berlin betrachtet, geht die Zahl an SpÀtis laut Baba
weiterhin zurĂŒck. Vor 2016 soll es noch rund 2.000 von ihnen gegeben haben,
inzwischen nur noch zwischen 1.000 und 1.500. Dabei unterscheide sich die
Ăberlebenschance auch von Bezirk zu Bezirk. In Kreuzberg etwa, wo fast gar
nicht kontrolliert werde, was in den SpÀtis an den Sonntagen so lÀuft, sei
das Ăberleben um einiges einfacher als etwa in den etwas pingeligeren
Bezirken wie Mitte, Neukölln oder Pankow.
Dabei gehören SpÀtis lÀngst zur IdentitÀt Berlins und werden deswegen auch
in StadtfĂŒhrern extra gewĂŒrdigt. In MĂŒnchen oder in Stuttgart gebe es etwas
Vergleichbares ĂŒberhaupt nicht, so die selbsterklĂ€rten SpĂ€ti-Experten Kati
und Jonas. In Köln vielleicht noch ein wenig, aber nein, auch nicht
wirklich, glauben sie. Berliner SpĂ€tis wĂŒrden fĂŒr ein bestimmtes, fĂŒr die
Stadt typisches, eher âlinkes FreiheitsgefĂŒhlâ stehen, so Jonas. Laut ihm
seien sie die letzten Orte, die nach der VerdrÀngung der typischen Berliner
Eckkneipen durch die hippe Szenegastronomie der voranschreitenden
Gentrifizierung noch trotzen wĂŒrden.
Nicht auszudenken wĂ€re es auch fĂŒr einen selbst, wenn der eigene
LieblingsspĂ€ti irgendwann verschwinden wĂŒrde. Nicht unbedingt wegen des
Biers fĂŒr 1,20 Euro, aber der Eastside Kiosk ist schlieĂlich der einzige
Laden weit und breit, der ĂŒberhaupt noch Zeitungen und andere
Presseerzeugnisse mit im Angebot hat.
Als Alleinstellungsmerkmal sei das mit den Zeitungen ganz gut fĂŒr den
Laden, erklÀrt einem Sathee, der den SpÀti gemeinsam mit seinem Bruder
betreibt. Am wichtigsten sei aber auch hier natĂŒrlich das GeschĂ€ft mit den
GĂ€sten, die es sich an einem der neben dem Eingang aufgestellten Tische
bequem machen. Und dann fĂŒhrt er einen ums Eck, zeigt auf eine Art
Mini-Biergaten, der mit zum Laden gehört, und sagt: âGenau hier kommt
demnĂ€chst auch noch eine Toilette hin, die uns endlich genehmigt wurde.â
Die Toilette nÀmlich, das kann er nur bestÀtigen, sei einfach unfassbar
wichtig fĂŒr den Erfolg eines SpĂ€tis, der zugleich ein StĂŒck weit Kneipe,
Club und Wohnzimmer sein möchte.
30 May 2026
## AUTOREN
DIR Andreas Hartmann
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