# taz.de -- Queer- und transinklusive Geburtshilfe: „Wir wollen endlich sichere Geburtsräume für alle Körper“
> Doula Gem Kocher kritisiert transfeindliche und rassistische Strukturen
> und erklärt, wie queere Geburtshilfe funktioniert.
IMG Bild: Doula Gem Kocher (links) bei einem Workshop
taz: Was unterscheidet Ihre Arbeit als Doula von der einer medizinischen
Hebamme?
Gem Kocher: Wir arbeiten als komplementäre Versorgungsmodelle. Hebammen
sind für die medizinische Versorgung und die Sicherheit vom gebärenden
Elternteil und vor allem dem Baby zuständig. Eine Doula leistet dagegen
eine kontinuierliche emotionale und körperliche Begleitung, zum Beispiel
durch Massagen, psychischen Beistand oder nicht pharmakologische
Schmerzlinderung im Kreißsaal. Statistisch gesehen führt eine
Doula-Begleitung zu schnelleren Geburten und einer [1][um 50 Prozent
niedrigeren Kaiserschnittrate]. Wir haben den klaren Fokus auf die
Gebärenden.
taz: Warum bieten Sie in dem Rahmen eine spezialisierte queer- und
transinklusive Begleitung an?
Kocher: Weil das deutsche Gesundheitssystem extrem heteronormativ und
cis-zentriert geprägt ist. Queere Eltern stoßen schon lange vor dem
Kreißsaal an rechtliche und bürokratische Hürden. Lesbische Co-Mütter etwa
müssen ihr eigenes Kind langwierig über eine Stiefkindadoption annehmen.
Und gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für künstliche
Befruchtungen nur für verheiratete Heteropaare mit eigenen Keimzellen.
taz: Und im Kreißsaal selbst?
Kocher: Da läuft man direkt gegen die nächste Wand. Ein Beispiel: Wenn ein
schwangerer trans Mann ein Kind zur Welt bringt und er seinen
Geschlechtseintrag zuvor schon auf „männlich“ geändert hat, kann es sein,
dass das Krankenhaus die Geburt nicht über die Krankenkasse abrechnen darf.
Viele Computersysteme sehen diese Kombination aus Patient und Leistung
schlicht nicht vor. Bei der Abrechnung stoßen sie auf Schwierigkeiten, die
einen zusätzlichen Verwaltungsaufwand erfordern.
taz: In Ihren Doula-Schulungen sprechen Sie auch über institutionellen
Rassismus. Welche Diskriminierungen erfahren gebärende People of Color
konkret?
Kocher: Gewalt in der Geburtshilfe ist ein riesiges Thema. In einem
Hebammenkurs hat eine Lehrkraft einer Freundin von mir und dem restlichen
Kurs erzählt, dass Schwarze Menschen weniger Anästhesie und Schmerzmittel
bräuchten, weil sie weniger Schmerz empfinden würden.
taz: Bekommen Sie das in der Praxis mit?
Kocher: Ich habe das direkt bei der Begleitung meiner ersten Schwarzen
Gebärenden erlebt. Sie hatte einen Kaiserschnitt und zitterte nach der
Operation vor unerträglichen Schmerzen. Der Schweiß rann ihr übers Gesicht
und sie konnte kaum atmen. Ich rief die Hebamme zurück und sagte ihr, dass
sie stärkere Schmerzmittel brauche. Die Hebamme meinte nur: „Wir können ihr
etwas Paracetamol geben.“ Dann ging sie und kam eine Stunde lang nicht
wieder. Wir wurden komplett ignoriert. Für mich war eindeutig, dass sie im
Vergleich zu meinen weißen Klient:innen anders behandelt wurde. Was ich
hier erzähle, ist zwar anekdotisch, es wird aber durch die [2][Forschung]
gestützt: [3][In den USA sind Schwarze Gebärende heute in etwa dem gleichen
Sterblichkeitsrisiko ausgesetzt wie weiße Frauen Ende der 1950er Jahre.]
Bei Klient:innen ostasiatischer Herkunft ist mir aufgefallen, dass sie
ohne medizinische Indikation sehr weite Dammschnitte erhalten. Durch
Kommentare von medizinischem Personal weiß ich von rassistischen Mythen,
die sich hartnäckig halten. Da heißt es, dass ostasiatische Frauen kleinere
Vaginen hätten, die sich nicht genug dehnen können, um den Kopf des Babys
durchzulassen.
taz: Woher rührt der Widerstand in Institutionen wie Krankenhäusern, wenn
Gebärende oder ihre Begleitpersonen eigene Bedürfnisse einfordern?
Kocher: Das gesamte Gesundheitssystem ist auf Einhaltung ausgelegt. Wenn
das Personal eine Empfehlung wie die Weheneinleitung ausspricht und eine
Klientin die Zustimmung verweigert, entsteht massiver Stress. Die
Ärzt:innen haben Angst, am Ende rechtlich haftbar gemacht zu werden. Ich
gebe nicht den Individuen die Schuld, sondern dem System. Medizinische
Fachkräfte, denen Einwilligung und Selbstbestimmung sehr am Herzen liegen,
stehen in diesem System genauso unter Druck wie die Patient*innen. Gerade
für traumatisierte Menschen kann der Kreißsaal so aber gefährlich werden.
taz: Inwiefern?
Kocher: Geburt und Wochenbett sind veränderte Bewusstseinszustände, in
denen man besonders verletzlich sein kann. Wenn eine Person mit sexuellem
Trauma in ein System gerät, das auf Kontrolle statt informierte
Einwilligung setzt, ist das Risiko einer Retraumatisierung riesig.
Standardisierte vaginale Untersuchungen ohne vorherige Absprache oder das
Gefühl, dem Personal ausgeliefert zu sein, können dafür sorgen. Eine
informierte Doula-Begleitung schafft da einen wichtigen Schutzraum: Wir
bereiten Triggerpunkte vor und achten im Kreißsaal penibel darauf, dass
Grenzen respektiert und Entscheidungen transparent kommuniziert werden.
taz: Sie bilden in Ihrer Ausbildung auch für die Begleitung bei
„transfemininer Laktation“ aus. Wie kann eine trans Frau Milch im eigenen
Körper produzieren?
Kocher: Trans Frauen, die sich einer geschlechtsangleichenden
Hormontherapie unterziehen, entwickeln über längere Zeit mehr Brustgewebe,
das beim Stillen hilft. Übrigens haben Menschen aller Geschlechter
Milchdrüsen, das gilt auch für Cis-Männer. Ich hatte sogar einmal einen
Cis-Mann in der Praxis, der sein Baby gemeinsam mit seiner Frau gestillt
hat. Ein paar Monate vor der Geburt hat er mit einer leichten
HRT-Hormontherapie begonnen und ein sogenanntes
Laktations-Induktionsprotokoll verfolgt. Am Ende konnte er sein Baby selbst
ernähren.
taz: People of Color, Cis-Männer, trans Frauen: Sie decken viele
Perspektiven ab. Was ist das übergeordnete Ziel Ihres Doula-Trainings?
Kocher: Traditionelle Doula-Ausbildungen spiegeln oft eine weiße Monokultur
wider. Immer wieder tauchen sehr klischeehafte Bilder von der sanften Frau
mit Blumen im Haar auf, die den starken Ehemann an ihrer Seite hat. Wir
brechen das auf und integrieren das von Schwarzen Feministinnen geprägte
Konzept der [4][reproduktiven Gerechtigkeit („Reproductive Justice“)]. Das
bedeutet, anzuerkennen, dass diskriminierte Gruppen oft darum kämpfen
mussten, überhaupt Kinder gebären und behalten zu dürfen, ohne dass der
Staat sich kriminalisierend einmischt. Deshalb schulen wir mit Sicht auf
[5][Intersektionalität], [6][Neurodivergenz] und [7][Behinderungen]. Wir
wollen endlich sichere Geburtsräume für alle Körper.
15 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://americanpregnancy.org/giving-birth/having-a-doula/#:~:text=The%20doula%20is%20a%20professional,memorable,%20and%20empowering%20birthing%20experience.
DIR [2] https://www.theguardian.com/science/2016/aug/10/black-patients-bias-prescriptions-pain-management-medicine-opioids?utm
DIR [3] https://www.parents.com/black-maternal-health-week-2023-7377037
DIR [4] /Reproduktive-Rechte-und-Feminismus/!5751314
DIR [5] /30-Jahre-Intersektionalitaet/!5591480
DIR [6] /Neurodivergenz-und-Psychiatrie/!6088192
DIR [7] /Elternschaft-von-Frauen-mit-Behinderung/!5901128
## AUTOREN
DIR Pauline Cruse
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