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       # taz.de -- Haushaltsauflösung nach dem Tod: Was von Walfried bleibt
       
       > Unser Autor erfährt von einer Haushaltsauflösung, jeder darf sich
       > mitnehmen, was er will. Nur: Wer war wohl der Mensch, dem all diese Dinge
       > gehört haben?
       
   IMG Bild: Im Wohnzimmer liegt ein floraler Orientteppich: „Kommt weg, wie der Rest.“
       
       Sie hieß Walfried. Diese Erkenntnis ereilt mich, während ich einen der drei
       Holzkleiderschränke im Schlafzimmer der Verstorbenen durchsuche. In der
       Hand wiege ich einen kleinen ledernen Anhänger, in dem hinter einem
       Sichtfenster Walfrieds Vor- und Nachname und ihre Adresse fein säuberlich
       notiert sind.
       
       Die Adresse gehört zu eben dem viergeschossigen Mehrfamilienhaus, in dessen
       oberer Etage ich gerade im heiligsten Rückzugsraum einer mir völlig
       unbekannten, mutmaßlich alten und nun verstorbenen Frau stehe.
       
       Später werde ich herausfinden, dass Walfried eigentlich ein männlicher
       Vorname althochdeutscher Herkunft ist. Haben mich in der Wohnung meine
       Geschlechterklischees benebelt, weil ich mir keinen Opa mit den
       Seidentüchern und Fellmützen vorstellen konnte, die jetzt mir gehören? Oder
       ist Walfried vielleicht der längst beerdigte Ehemann der jüngst gestorbenen
       Witwe? Für mich bleibt Walfried eine alte Dame, die bis zuletzt ihren
       Alltag in einer Obergeschosswohnung ohne Fahrstuhl verlebt hat.
       
       Eine Freundin hatte auf Kleinanzeigen [1][von der Haushaltsauflösung
       erfahren] und mir eine Nachricht gesendet, da mein Partner und ich uns für
       Trödel begeistern. Walfrieds Wohnung ist nur wenige Querstraßen entfernt
       und der Verwüstung anheimgefallen: Überall liegt Styropor von einer
       abgerissenen Deckenverkleidung, Mülltüten stehen umher, im Wohnzimmer wird
       eine Schrankwand durch mehr oder weniger gezielte Tritte zerlegt.
       
       ## DDR-Wärmelampe
       
       Ich solle mich umsehen, sagt man mir, ich könne alles haben außer einiger
       Elektrogeräte in einer Ecke der Wohnung. Kostenlos. Ich beginne also im
       ersten von drei Räumen, einen Schrank zu durchsuchen.
       
       In meinem Kopf höre ich die Stimme einer alten Frau, sehe sie ob des
       Zustands ihres Zuhauses die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, während
       ich hin und wieder etwas in meinen Rucksack stecke: „Wie die Aasgeier
       machen sich diese Banditen über meine Schätze her.“ So jedenfalls fühle ich
       mich ein wenig: Wie ein Aasgeier, der kaum den letzten Atemzug abwarten
       kann und sich schon über seine Beute hermacht. Dabei rette ich doch
       eigentlich ihre Schätze vor der Vernichtung. Aber darf ich Spaß dabei
       empfinden?
       
       Ich stecke Walfrieds umfangreiche Sammlung an Knöpfen aller denkbaren
       Farben, Materialien und Texturen ein, ihre mechanische Körperwaage, einen
       extravaganten Retro-Regenschirm. Eine DDR-Wärmelampe verräume ich in eine
       Plastiktüte, die ich vom Boden aufhebe, weil der Rucksack schon voll ist.
       
       Was haben all diese Dinge Walfried wohl bedeutet? Hat ihr Besitz sie
       glücklich gemacht? Wann hat sie zuletzt eines der Bücher gelesen, die ich
       hinter einer Doppeltür im Schrank finde? Ein Potpourri uralter
       Reclam-Klassiker packe ich ein, unter anderem Goethes Faust von 1945,
       gedruckt noch vor Kriegsende, einen Naturführer für unseren Kleingarten,
       auch eine genau einhundert Jahre alte Antiquität: ein Heimatbuch mit
       Bildern, Texten und Gedichten über den Harz von 1926.
       
       Hätte ich es nicht genommen, es wäre mit den verbliebenen, den verlassenen
       Büchern kurz darauf in einer Plastiktuppe voll mit Walfrieds Dingen
       verschwunden, einhundert verlorene Jahre. Auf Seite 109 entziffere ich:
       „Kämpfe brachte das Leben, viel Krankheit, unsägliche Mühen: Christus, der
       ist mein Heil, Heil nur bringt der Tod.“ Ob wohl Walfried ihren Tod
       herbeigesehnt hat, ob sie Furcht hatte davor?
       
       Während ich ihren Besitz nach „wertvoll“ und „vernichtenswert“ sortiere,
       muss ich ständig daran denken, wie es bloß so weit kommen konnte, dass ein
       wildfremder Entrümpelungstrupp Walfrieds Wohnung demoliert und die
       Überbleibsel ihres Lebens später in einem großen Transporter zum
       Recyclinghof bringen wird. Dass ihre goldverzierten Blümchenteller
       zerschellt auf dem Boden einer weiteren Tuppe im Wohnzimmer liegen, umgeben
       von wahrscheinlich jahrzehntealten Möbeln und einem Nähtisch mit grüner
       Metallnähmaschine, die diesen Tag nicht überleben werden.
       
       Hat Walfried Kinder, andere Verwandte? Haben die keine Zeit, keine Muße,
       kein Interesse, sich mit dem zu beschäftigen, was Walfried in einem ganzen
       Leben angesammelt hat? Wie gehen wir um mit dem, was jeder Menschen einmal
       zurücklässt?
       
       Die Zahl der Haushaltsauflösungen in Deutschland wird nicht erfasst, die
       Durchführung erfolgt in der Regel privat. Für die Hinterlassenschaften sind
       nämlich die Erben zuständig. Schlagen diese das Erbe aus, sind nicht
       auffindbar oder es gibt schlicht niemanden, [2][geht der Nachlass an das
       entsprechende Bundesland].
       
       Dieses versteigert die Wertgegenstände, als wertlos Eingeschätztes wird
       entsorgt. [3][Auch die Kündigung des Mietverhältnisses liegt bei den
       Erben]. Fehlen diese, müssen Vermieter sich [4][mit dem Nachlassgericht in
       Verbindung setzen]. Die Wohnung einfach eigenmächtig zu räumen oder auch
       nur zu betreten wäre rechtswidrig.
       
       ## „Kommt weg, wie der Rest.“
       
       Als Grund für eine Haushaltsauflösung kommt dabei nicht nur der Tod
       infrage. Möglich ist etwa auch der Antritt einer längeren Freiheitsstrafe,
       die dauerhafte Einweisung in eine Psychiatrie, eine Zwangsräumung wegen
       ausbleibenden Mietzahlungen oder der Umzug in ein Pflegeheim. Vielleicht
       konnte Walfried sich nicht länger selbst versorgen und die vielen
       Treppenstufen wurden ihr zu viel. Aber hätte sie dann wirklich all ihre
       Besitztümer einfach aufgegeben?
       
       Fakt ist: Ich weiß es nicht. Was bleibt, ist ein Gefühl. Das Gefühl, dass
       dies die Wohnung einer verstorbenen Person ist.
       
       Im Wohnzimmer liegt ein floraler Orientteppich bedeckt von Müll und
       Styropor, ein wundervolles Meisterwerk der Handwerkskunst. Ich frage, was
       damit geschehen wird: „Kommt weg, wie der Rest.“ Nachdem ich
       Besitzansprüche angemeldet habe, durchsuche ich das Schlafzimmer, fühle
       mich Walfried so nah wie sonst nirgends in der Wohnung, entdecke ihren
       Namen.
       
       Im größten der drei Schränke liegen Handtücher, ein ganzes Fach voll. Zwei
       nehme ich mit, dunkelgrau-weiß-kariert mit roten Highlights. Der Rest
       landet später wohl im Müll.
       
       ## Barfuß auf dem Teppich
       
       Wie viele völlig intakte Handtücher werden wohl jeden Tag weggeschmissen,
       wie viele neu hergestellt? Etwa einhundertachtzigtausend Tonnen Textilien
       werden jedes Jahr in Deutschland entsorgt. Wenn es doch nur die paar
       Handtücher wären.
       
       Die Küche ist leer, grüne Schränke ohne Leben. Im Bad ist nur ein kleiner
       Spiegelschrank verblieben. Ich nehme Walfrieds Solinger Nagelschere mit,
       unsere alte ist billig, die Schraube lockert sich beim Schneiden und muss
       ständig nachgezogen werden. Viele würden das vielleicht seltsam finden, ich
       nicht. Die Schere kommt später einmal unter heißes Wasser und wird dann
       benutzt.
       
       Als ich fertig bin, helfe ich noch ein wenig beim Tragen der Überreste des
       Wandschranks und sonstigem Zeug aus dem Wohnzimmer, solange, bis der
       Teppich freigelegt ist. Einem der Männer gebe ich meine Nummer, er will mir
       bei zukünftigen Haushaltsauflösungen Bescheid geben. Dann kommt mein Freund
       dazu, er muss mir beim Tragen helfen. Er spricht von Walfrieds Geist,
       hofft, dass dieser bereits weiterziehen konnte.
       
       Dort liegt er nun also, wenn ich ins Schlafzimmer komme: der neue Teppich,
       Walfrieds treuer Begleiter, der den Raum in wissender Ruhe erstrahlen
       lässt. Wunderschönes Ding, das der Zufall uns zugetragen hat. Wie den
       tiefen Arbeitstisch vom Sperrmüll um die Straßenecke.
       
       Den Kleiderschrank von einem Mann hinterm Stadtrand, der vor einem Jahr
       gestorben ist. Dessen Sohn uns dazu zwei Polsterstühle geschenkt hat; und
       auch einen Teppich, kleiner und weniger edel als der von Walfried.
       
       Was kann das für eine Gesellschaft sein, die viel zu häufig lieber
       wegschmeißt als weitergibt, weil das weniger kompliziert ist? Die
       goldverzierte Blumenteller in einer Tuppe zerklirren lässt, um sich bei
       Ikea ein Viererset graubeige Teller „Sandskädda“ für 9,99 Euro zu kaufen?
       Was ist das für eine Wirtschaft, die ständig produziert und entsorgt, weil
       sie sonst zusammenbricht?
       
       Ich laufe barfuß über Walfrieds Teppich.
       
       16 Jul 2026
       
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