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       # taz.de -- Kommunikation in der Stadt: Alles beschrieben und vollgeklebt
       
       > Jede Wand, jeder Bauzaun, alles bekritzelt und besprüht. Die Menschen
       > schreiben sich in ihre Stadt ein – und senden Botschaften an die Welt.
       
   IMG Bild: Eine Botschaft an die Welt
       
       Am Ende meiner Straße steht eine [1][Litfaßsäule]. Ich mag sie, weil sie so
       altmodisch ist und sich über die Zeit behauptet hat. Obwohl es überall
       diese unseligen digitalen Werbetafeln gibt, diese überdimensionalen
       Handydisplays, denen man nirgendwo entkommen kann, nicht im Nahverkehr, auf
       Bahnsteigen oder Straßenkreuzungen, steht da doch manchmal ein Mensch mit
       einem Eimer Kleister und einem Pinsel und klebt ein Plakat auf eine
       Litfaßsäule.
       
       Die Ankündigung einer Theateraufführung, eines Konzertes, eines
       Schlagerabends, einer Zirkusvorstellung. Papierschicht wird auf
       Papierschicht geklebt und davon wird die Säule immer dicker, bis sie
       irgendwann von diesen ganzen Schichten befreit werden muss. Wie sich alles
       immer wieder überklebt und überschreibt, dieser Vorgang ist eine hübsche,
       melancholische Metapher.
       
       Natürlich ist die ganze Stadt eine riesige Litfaßsäule. Denn jede Wand,
       jeder Bauzaun, jeder Brückenpfeiler wird ja beklebt, beschrieben,
       beschmiert, bekritzelt, besprüht. Die Menschen schreiben sich in ihre Stadt
       ein. Sie teilen sich mit, sie stellen sich dar, sie senden Botschaften an
       die Welt. Die Straßenlaterne, der Ampelmast, das sind die kleinen
       Litfaßsäulen. An jeder Kreuzung eine Anzeige: Wohnung gesucht. Glaubt ihr
       wirklich, dass jemand diesen kleinen Zettel mit eurer Telefonnummer
       abreißen und euch anrufen, euch eine Wohnung anbieten wird? Passiert so
       etwas?
       
       Im Edeka um die Ecke gibt es eine ganze Wand mit Anzeigen. Dort werden –
       natürlich – Wohnungen gesucht. Aber auch Unterricht auf dem Akkordeon wird
       angeboten, eine faltbare Badewanne verkauft, Urlaub in Kroatien,
       Italienischunterricht. Ein Schlüsselbund ist verlorengegangen, wer hat es
       gefunden? Putzdienste werden angeboten, überhaupt alle möglichen
       Dienstleistungen. Und wer hat diesen Überfall/diesen Unfall beobachtet? Die
       Anzeigenwand im Supermarkt ist ein Buch der Stadt. Manche Zettel hängen da
       schon seit vielen Jahren. Hat diese Frau mit Kind denn eine Wohnung
       gefunden? Ist die Katze wieder da oder vielleicht schon tot?
       
       Die Botschaften an Straßenkreuzungen sind politischer. Hier kleben auch
       viele Sticker, die eine Botschaft in die Welt senden. „Mieten steigen
       nicht, sie werden erhöht!“ Da kann ich nur nicken.
       
       Sticker, die den einen nicht passen, werden überklebt, die dann von anderen
       wieder überklebt werden, die vielleicht die ersten schon geklebt haben.
       Glücklicherweise kleben in meinem Viertel kaum rechtsextreme Sticker, die
       haben hier keine Chance. Die Straßenlaterne und die Straßenkreuzung sind
       ein Ausdruck der politischen Stimmung, Orientierung, der Aktivität.
       
       So zeigt die ganze Stadt, dass es keine Wohnungen gibt, auch nicht für
       dieses heterosexuelle, weiße Paar, das viel Geld verdient und ganz ruhig
       ist, extrem angepasst und privilegiert und dies alles schamlos aufs Tablett
       legt. Zeigt sie auch, was sie aufregt, was sie wütend macht, was sie lustig
       findet, absurd, erschreckend, was sie sich wünscht, was sie verändern will.
       
       [2][Die Sprayer sprühen ICH an die Wand]. ICH habe das gemacht. Das bin
       ICH. Ich kann das und mir ist egal, wem diese Wand gehört, jetzt gehört sie
       mir. Alles ist fremdes Eigentum, immer.
       
       „Schamanischer Baumspaziergang, Baumenergie bewusst erleben“, klebt an der
       Kreuzung Holstenstraße ein Zettel. Für mich ist die Stadt ein Ort der
       Kraft. Alles sprüht, spuckt, kratzt, schreibt, malt sich in die Haut.
       Nichts bleibt rein und sauber. Außer die Litfaßsäulen. Die stehen wie alte
       Gestalten aus anderen Zeiten und sind resistent.
       
       16 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Litfa%C3%9Fs%C3%A4ule
   DIR [2] /Historie-des-Hamburger-HipHop/!6093914
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Seddig
       
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