# taz.de -- Roman „Prosopon“ von Anna Felnhofer: Eine Blindheit, die kränkt
> Anna Felnhofers herausragender Roman „Prosopon“ erzählt von einer
> kognitiven Störung und einem Hochleistungsakt der Einfühlung.
IMG Bild: Erkennen beruht auf Wiedererkennen. Was, wenn das nicht funktioniert?
Johann kommt in den Kindergarten und begegnet im Waschsaal vor dem Spiegel
einem Gegenüber, das ihn hektisch und grotesk nachäfft. Es ist ihm fremd,
fragmentiert, unbegreiflich und macht ihn wütend. Der Blick in den Spiegel
lehrt das Kind das Grauen. Der Grund: seine Gesichtsblindheit –
Prosopagnosie. Von ihr handelt Anna Felnhofers fulminanter Roman
„Prosopon“. Gebaut ist dieser Text wie ein hochkomplexes Spiegelkabinett,
das nicht nur Individuelles reflektiert, sondern auch eine Welt, in der das
„Gesehen-werden-Wollen“ Beziehungen beherrscht.
Erkennen ist ein Prozess, der zu Vertrautheit und Bindung führt. Erkennen
beruht – als Wiedererkennen – auf früheren Begegnungen, somit auf
gemeinsamer Geschichte. Es knüpft sich an Merkmale, Unverwechselbares und
signalisiert dem Gegenüber, dass es markant, es selbst und
erinnerungswürdig ist. Wer nicht über die Fähigkeit verfügt, andere zu
erkennen, bleibt bindungslos, kränkt existenziell ohne Absicht und kann
auch sich selbst nicht fassen.
Mit „Prosopon“ hat die österreichische Psychologin Anna Felnhofer einen
analytisch brillanten, dramaturgisch bezwingend gebauten und schmerzlichen
Roman vorgelegt. Aus ihm las sie schon 2023 beim Bachmann-Wettbewerb in
Klagenfurt einen spektakulären Ausschnitt. Das Buch kreist um den Unfalltod
eines siebenjährigen Kindes und erzählt von dem, was die zurückbleibenden
Eltern empfinden, von Schuld und Verzweiflung.
Prosopon bezeichnet Antlitz und Maske gleichermaßen und ist damit das
griechische Gegenstück zur Persona – als Begriff ist er nicht nur
medizinisch, sondern auch theologisch und ikonologisch von Belang, weil mit
ihm das Verhältnis von Gott und Mensch in der Erscheinung Christi
diskutiert wurde. Sehr viel weltlicher, aber kaum weniger komplex
beleuchtet der Roman seinerseits das Verhältnis des gesichtsblinden Vaters
Johann zu seinem mutmaßlich autistischen Sohn Finn – und auch hier, wie in
der christlichen Heilsgeschichte, stirbt der Sohn. Es bleibt die Frage,
wessen Opfer er wurde.
## Abstand gewinnen, Schmerz bewältigen
Die erste Szene zeigt Mutter und Vater im Krankenhaus am Bett des
Siebenjährigen. Fünf Monate haben sie dort ausgeharrt. Jetzt bricht die
Mutter auf und aus – verlässt das Hospital wie jeden Abend. Während der
Vater beim Sohn bleibt, begibt sie sich in die lange verwaiste heimische
Wohnung, um das Kinderzimmer zu räumen – brachial, im Versuch, zu summieren
und zu memorieren, Abstand zu gewinnen, den Schmerz zu bewältigen und die
Vorgeschichte des Unfalls zu begreifen.
Sie entfaltet die Erzählung eines ganzen Lebens, das ihres gesichtsblinden
Mannes, immer wieder eingeleitet mit einschränkenden Bemerkungen, die
andeuten, dass sich die Erzählerin die Dinge lediglich vorstellt, mutmaßt,
manchmal in alternativen Anläufen. Die erzählte Zeit wird in eine viel
kürzere literarische Zeit des Erzählens eingeschachtelt.
Gegenstand ist eine Entwicklungsgeschichte, der die Entwicklung eigentlich
fast vollständig versagt bleibt, weil die Prosopagnosie keine Veränderung,
keine Heilung kennt – bis vielleicht auf den letzten tragischen Augenblick.
Sie zeigt einen Getriebenen, der durch die Welt irrt, blicklos für
Gesichter und zumeist selbst unerkannt, stetig verunsichert darüber, wer
ihm eigentlich begegnet, angewiesen auf Hilfskonstruktionen des Erkennens,
dankbar für sortierte Momente und Rituale.
## Prosopagnosie ist unheilbar
Ob er sich nach Spanien begibt oder nach Schweden – um ihn häufen sich
Katastrophen und Opfer an. Ein geliebter Hund geht über die Klippe, einem
diabeteskranken Fischer versetzt er nicht die rettende Insulininjektion,
weil er ihn von seinem Bruder nicht unterscheiden kann.
Während der Vater immer wieder das Unverständnis, ja den Hass seiner
Mitmenschen auf sich zieht, ist der Sohn unfähig zur Empathie, sogar
spontan gewaltbereit, sadistisch und bösartig. Er rammt Mitschülern Scheren
oder Gabeln in den Körper, untersucht die Eingeweide noch lebender Tiere
mit bloßen Fingern oder schlägt seiner ihn gerade noch tröstenden Mutter
unversehens mit voller Wucht die Faust ins Gesicht.
Johann hingegen war lebenslang Opfer von Peinigungen, sogar verschiedener,
fast letaler Attacken seiner alleinerziehenden, alkoholkranken Mutter.
Diese Übergriffe bringen sie zuerst in die Psychiatrie, dann ins Gefängnis
von Stuttgart-Stammheim und just in die Zelle, in der sich Gudrun Ensslin
erhängte.
## Die doppelte Anamnese
Was Finns Mutter unternimmt, ist ein Hochleistungsakt der Imagination und
Einfühlung, indem sie die Geschichte von Johann empathisch zu konstruieren
und dabei parallel die eigenen Fehler zu analysieren sucht. Die doppelte
Anamnese von Vater und Sohn macht klar, dass auch die Erzählerin nie die
Möglichkeit hatte, etwas am Lauf der Dinge zu ändern. Die Erkrankungen der
anderen sind auch ihr Fatum.
Es faszinieren nicht nur der oft schnelle Wechsel zwischen einem
individuierenden und einem panoramatischen Blick auf die dichte Folge
episodischer Geschehnisse einerseits und das ganze Drama andererseits,
sondern auch deren Verknüpfungen. So tauchen Topoi immer wieder und
gespiegelt gebrochen auf, spiegeln sich die Mütter ineinander, duplizieren
sich die Selbstversuche, mit denen Johann, der fast einmal ertrank, immer
wieder versucht, sich die Aversion gegen das verhasste Wasser
abzutrainieren – oder sich umzubringen.
Bezwingend ist sowohl die Stetigkeit der sensitiven Analyse der
Krankheitsbilder und ihrer Wirkungen auf andere Menschen als auch die
Sprache, die Anna Felnhofer für diese Innenansichten findet. Sie erhellt
Sachverhalte nüchtern, dann jedoch entwickeln lyrische, immer unforcierte
Bilder eine immense atmosphärische Adhäsionskraft, wenn es etwa heißt:
„Durch die Luft fädelt ein Rest von Winter“, oder bei der Vernehmung der
Zeugen des Unfalls: „Man waberte weiter durch das Fragegerüst.“
Zu den eigentümlichen und poetischen Kunstgriffen dieses exzeptionellen
Buches, das mit der weitverbreiteten Meinung aufräumen könnte, es sei gut,
wenn Autor*innen nicht „psychologisieren“, gehören schließlich auch drei
Märchen. Eines von ihnen erzählt, wie ein Jemand zum Niemand wird, abtaucht
und um ihn damit alle Gewissheiten ertrinken. Sicher bleibt allein der Tod,
und was über ihn hinwegtröstet, ist lediglich der erschöpfte Gedanke daran,
was dem zu früh Gestorbenen alles erspart bleibt. Ein trauriger Trost.
17 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Kirsten Voigt
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