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       # taz.de -- Nachbarschaftliches Leben: Wo man sich grüßt
       
       > Eine gute Nachbarschaft muss nicht frei von Konflikten sein. Doch in der
       > Stadt kommt man anders zusammen als auf dem Land: Berlin ist nicht
       > Altranft.
       
   IMG Bild: Nachbarschaft heißt auch, dass da unterschiedliche Interessen ausgehandelt werden müssen
       
       Sein Plan war ambitioniert: Mein Nachbar wollte das Kottbusser Tor in
       Kreuzberg, [1][Berlins Mekka für Müll und Drogenbestecke], in ein
       verwunschenes Sonnenblumenparadies verwandeln. An einem Frühsommerabend
       karrte er Säcke voller Erde heran und schüttete sie um die Straßenbäume
       rund um den verdreckten Kreisel am U-Bahnhof auf. Er baute einen Holzzaun
       und strich ihn grün an, pflanzte liebevoll Gräser, säte Sonnenblumen und
       blickte jeden Tag voller Zuversicht aus dem Fenster auf sein Beet. An Tag
       eins kotzte jemand hinein. An Tag zwei klauten Junkies die frisch
       gepflanzten Blumen. An Tag drei schaufelte eine Seniorin die Erde aus dem
       Beet und fuhr mit der Beute im Rollator unbekümmert davon.
       
       Der Anwohner gab resigniert auf. Sollte die Nachbarschaft doch versinken in
       ihrem selbst geschaffenen Drecksloch.
       
       Die Belastbarkeit nachbarschaftlichen Engagements scheint in Kreuzberg
       vielerorts an ihre Grenzen zu stoßen. „Ich wünsche mir, dass die
       Nachbarschaft lernt, dass sie das Engagement, das ich bereit bin zu
       erbringen, unterstützen muss“, sagt bei einer Kiez-Veranstaltung eine
       Anwohnerin. Gerade hat sie noch von selbst gebauten Gemeinschaftsmöbeln in
       ihrem Innenhof erzählt, die Jugendliche aus Langeweile abgefackelt hätten.
       Andere berichten von Zitronenbäumen, die samt kiloschweren Pflanzenkübeln
       geklaut worden seien. „Sind die Zeiten von Konsensorientierung vorbei?“,
       fragt die Kreuzbergerin. „Muss es erst wieder richtig knallen?“ Fiete Rohde
       beschwichtigt: „Dass Menschen über die Kieze streiten, ist kein Zeichen von
       Niedergang. Es ist ein Zeichen, dass hier noch verhandelt wird“, sagt der
       Initiator des Vereins Kiezconnect. Wer keine Ansprüche mehr habe, ziehe
       sich zurück.
       
       Die Runde trifft sich anlässlich des Tags der Nachbarschaft, bei dem Ende
       Mai bundesweit Fragen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens diskutiert
       werden. Am Lausitzer Platz in Kreuzberg lautet die Leitfrage an diesem
       Abend: „Wie können selbstwirksame Nachbarschaften gelingen?“ Rund 40
       Menschen, darunter viele junge, sitzen auf Papphockern im Kreis, vor ihnen
       Expert*innen aus der Raum- und Stadtplanung. Letzte Sonnenstrahlen kämpfen
       sich durch die dichten Bäume, Kinder spielen auf der Spielstraße, in den
       Bars wird der Feierabend mit einem Bier eingeläutet.
       
       Zu der Veranstaltung eingeladen hat die Nachbarschaftsinitiative
       Kiezconnect. Der gemeinnützige Verein hat im Juli 2025 eine Umfrage zur
       Zufriedenheit im Reichenberger-Kiez rund um den Lausitzer Platz
       durchgeführt. Von den 15.000 Anwohner*innen im Kerngebiet nahmen 148
       Menschen online teil, hinzu kamen 27 Straßeninterviews. Schon da zeigt
       sich: Die Nachbarschaft zu erreichen, ist gar nicht so leicht.
       
       ## Die Probleme im Kiez
       
       Im Zentrum der Umfrage standen Probleme im Kiez, aber auch die
       übergeordnete Frage, wie Zusammenleben in einer sozial gemischten und
       verdichteten Stadtgesellschaft heute überhaupt gelingen kann.
       
       Fragt man den Kulturwissenschaftler Kenneth Anders, der gemeinsam mit Lars
       Fischer [2][das Buch „Nachbarschaft“] geschrieben hat, gibt es sechs
       idealtypische Maßstäbe guter Nachbarschaft: 1.) gegenseitige Kenntnis, 2.)
       sich grüßen, 3.) Aufmerksamkeit gegenüber dem angrenzenden Raum und damit
       gegenseitiger Schutz von Haus und Hof, 4.) gegenseitige Hilfe, 5.) eher
       spontane Interaktionen trotz allem gegenseitigen Entgegenkommen, 6.) ein
       unausgesprochenes Vertrauen, dass die gegenseitig gewährten Vorteile nicht
       missbraucht oder über Gebühr in Anspruch genommen werden.
       
       Der Anforderungskatalog ist nicht ohne, nicht umsonst sprechen die Autoren
       von Nachbarschaft als einer „Kunst des Zusammenlebens“. In Kreuzberg
       scheint diese Kunst nur bedingt beherrscht zu werden. Die Umfrage von
       Kiezconnect ergab: Lärm, Vermüllung, Drogenszenen, Unsicherheit im Kiez,
       steigende Mieten, Overtourism und Konflikte um den öffentlichen Raum werden
       als erhebliche Belastungen wahrgenommen. 61 Prozent geben an, sich an
       bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten im Kiez unwohl oder unsicher zu
       fühlen. 70 Prozent erleben das Zusammenleben eher als Nebeneinander
       verschiedener Gruppen. „Wann wird öffentlicher Raum nur zur geteilten
       Fläche und wann zur gemeinsamen Welt?“, fragt Fiete Rohde.
       
       Rahel Jaeggi hat eine Antwort: „Aus Sicht Hannah Arendts geht es nicht nur
       darum, sich durch Ähnlichkeiten zu verbinden, sondern es geht um das
       gemeinsame Handeln.“ Die Philosophin sitzt in grauem Hoodie auf einem der
       Papphocker am Lausitzer Platz, vom Kiez liebevoll Lausi getauft. [3][Jaeggi
       wohnt seit den Achtzigerjahren in der Umgebung], sie lehrt an der
       Humboldt-Universität zu Berlin.
       
       Als sie den Anwohner*innen Arendts Konzeption vom öffentlichen Raum
       erläutert, wird der Lausi kurzerhand zur Agora: „Bedingungen für das
       gemeinsame Handeln sind gemeinsame Ziele und Vorstellungen sowie eine Sorge
       um die gemeinsame Welt“, sagt Jaeggi. Zudem dürfe es kein homogener Raum
       sein. In Nachbarschaften müsse man sich aus unterschiedlichen Perspektiven
       über den Ort auseinandersetzen und anschließend handeln.
       
       Dass hier, auf dem Volksplatz, so komplexe und abstrakte Themen wie
       Theorien von Hannah Arendt diskutiert werden, sorgt bei einigen
       Anwohner*innen aber auch für Unmut. „Ich dachte, ich könnte hier loswerden,
       was mich an der Nachbarschaft stört“, schnaubt ein älterer Herr. Doch ganz
       ohne Grundlagen kommt man nicht weit. Nachbarschaft ist ein dehnbarer
       Begriff: Jede*r verbindet etwas anderes damit, hat andere Erwartungen und
       Bedürfnisse.
       
       Dass Begegnung im urbanen Raum überhaupt organisiert werden muss, hängt
       auch mit einer Eigenheit der Großstadt zusammen: Sie produziert Nähe und
       Distanz zugleich. Der Soziologe Georg Simmel schrieb schon 1903 in seinem
       Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“, dass das Leben in der
       Großstadt durch eine dauerhafte Reizüberflutung geprägt sei. Um psychisch
       nicht unterzugehen, errichte der Großstädter daher eine Art Schutzwall aus
       Distanz und Reserviertheit, Blasiertheit und Oberflächlichkeit,
       Gefühlskälte und Gleichgültigkeit, argumentierte er. Die positive
       Kehrseite: „Diese Reserviertheit […] gewährt dem Individuum eine Art und
       ein Maß persönlicher Freiheit.“
       
       Simmel sollte recht behalten. Über 100 Jahre später ist das großstädtische
       Nachbarschaftsverhältnis oft von weitgehend anonymen Hausgemeinschaften
       geprägt. Gleichzeitig grassiert eine Einsamkeitsepidemie. Laut einer
       [4][Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin] sind
       rund 19 Prozent der Menschen zumindest manchmal von Einsamkeit betroffen.
       Zu den stärksten Einflussfaktoren für Einsamkeit gehört laut einer
       [5][Bertelsmann-Studie] ein schwach ausgeprägtes nachbarschaftliches
       Zusammenhaltsgefühl.
       
       Dort setzen Plattformen wie nebenan.de an. Auf der bundesweit größten
       digitalen Nachbarschaftsplattform werden Topfblumen verschenkt, Rollatoren
       verliehen, sich zum Spieleabend oder zur Cabriofahrt an den See verabredet.
       Die 2015 gegründete Plattform zählt inzwischen mehr als vier Millionen
       Mitglieder in 15.000 aktiven Nachbarschaften bundesweit. Laut ihrem
       Wirkungsbericht fühlen sich aktive Nutzer*innen im Vergleich zu
       Neuregistrierten 24 Prozent weniger einsam und 14 Prozent mehr in ihrer
       Nachbarschaft zu Hause.
       
       ## Freiwilliges Engagement
       
       Mit den Auswirkungen kapitalistischer Dynamiken auf Nachbarschaften setzen
       sich die Soziologinnen Silke van Dyk und Tine Haubner auseinander. In ihrem
       Buch „Community Kapitalismus“ argumentieren sie, dass immer mehr
       gesellschaftliche Aufgaben vom Staat auf Initiativen, Vereine und
       ehrenamtlich Engagierte verlagert werden. Freiwilliges Engagement diene
       zunehmend dazu, Lücken zu schließen, die durch Sozialstaatsabbau,
       Sparpolitik und die Ökonomisierung sozialer Dienste entstanden seien, so
       die Autorinnen.
       
       Diese Verschiebung zeigt sich auch im ländlichen Raum. „Früher war die
       Nachbarschaft besser“, sagt eine Rentnerin. „Zu DDR-Zeiten gab es mehr
       Feste, mehr Orte zum Zusammenkommen.“ Heute gebe es dafür keine
       Finanzierung mehr, vieles beruhe auf Eigeninitiative. Die Anwohnerin sitzt
       auf den Treppen ihres blühenden Vorgartens in Altranft, einem Dorf im
       Oderbruch. Hinter ihr sitzt ihr kranker Vater, für den sie aus Berlin
       zurück nach Brandenburg gezogen ist.
       
       „In Berlin ist es noch schlimmer“, sagt sie. „Da kriegst du nicht mal mit,
       wenn der Nachbar stirbt.“ Sie lacht, zieht an ihrer E-Zigarette. In
       Altranft funktioniere das Zusammenleben noch vergleichsweise gut, es gebe
       viele Engagierte, einen Traditionsverein und einen Seniorentreff. „Aber je
       weiter man in Richtung Oder geht, desto schlechter wird’s.“ Der Grund: „Die
       Jungen sind alle zur Ausbildung und für die Jobs nach Berlin gegangen.“
       
       Die Entwicklung des Dorfes steht der der Großstadt diametral entgegen. „Das
       Dorf als sozioökonomisches System hat sich weitgehend aufgelöst“, sagt
       Kenneth Anders. Der Kulturwissenschaftler beschäftigt sich mit der Zukunft
       der peripheren Räume in Brandenburg und ist Programmleiter des
       [6][Oderbruch Museums Altranft], das sich in seinem Jahresthema 2025
       nachbarschaftlichen Beziehungen gewidmet hat.
       
       „Dörfer gab es nur, weil die damalige landwirtschaftliche Produktion und
       die geringe Mobilität erforderten, dass man nah an den Äckern lebte, um sie
       zu bewirtschaften“, erklärt Anders. Sie seien jedoch mehr gewesen als nur
       Nachbarschaften. „Dörfer waren Systeme, in denen Menschen ökonomisch
       miteinander interagiert, kooperiert und Tauschhandel betrieben haben.“ Mit
       der Industrialisierung und der Verlagerung von Arbeit in den
       Dienstleistungssektor habe diese Funktion abgenommen; heute lebe man in
       Nachbarschaften zusammen.
       
       Im Oderbruch und den dazugehörigen Städten Lebus, Seelow, Wriezen, Bad
       Freienwalde und Oderberg leben 57.400 Einwohner. In Bad Freienwalde knapp
       12.000, in Altranft, seit 1993 ein Ortsteil der Stadt, 869. Dort führen
       Kopfsteinpflasterstraßen vorbei an alten Bauernhöfen und Fachwerkhäusern,
       in den Gärten wachsen Apfel- und Kirschbäume. Von Müll und Drogenbesteck
       ist weit und breit keine Spur, dafür blühen am Wegesrand prachtvolle
       Wildblumen, Bäume rascheln im Wind, Vögel zwitschern, die Kirchenglocken
       läuten. Nur Stimmen hört man wenig. Und Menschen sieht man kaum.
       
       ## Entwertung des Dorfes droht
       
       „Die Dörfer unterliegen einem starken demografischen Wandel“, erklärt
       Kenneth Anders. „Die Menschen werden älter, Kinder sind häufig weggezogen,
       neue Bewohner mit anderen ökonomischen Hintergründen ziehen zu.“ In den
       vergangenen 30 Jahren seien zudem zentrale Infrastrukturelemente wie
       Geschäfte, Gasthöfe, Kirchen, Sparkassenfilialen, Kindergärten und Schulen
       geschlossen worden. Anders beschreibt: „Landschaften verlieren an
       kultureller Eigenproduktion und laufen Gefahr, zu Erfüllungsräumen der
       Bedürfnisse der Ballungsräume zu werden.“ Es drohe die Entwertung des
       Dorfes zu einem suburbanen Wohngebiet, in dem das Zusammenleben nicht mehr
       gestaltet wird.
       
       Ist es im Oderbruch schon so weit? Sind die sorgfältig mit Stein-, Holz-
       und Drahtzäunen abgegrenzten, gepflegten Vorgärten ein Zeichen dafür, dass
       es kaum noch Konflikte und damit auch weniger Ansprüche an den gemeinsamen
       Raum gibt? Anders widerspricht: Eine Friedhofsstille könne er nicht
       erkennen. Konflikte gebe es ausreichend, etwa im Zusammenhang mit der
       modernen Landwirtschaft: Auseinandersetzungen über Biogas, den Ausbau von
       Photovoltaik und Windenergie, Windeignungsgebiete oder
       Infrastrukturmaßnahmen.
       
       Die zentrale Frage für ländliche Räume ist laut Anders: „Wie können wir
       mehr als ein Wohngebiet sein?“ Und die scheint dort erfolgreicher
       beantwortet zu werden als in der Stadt. Eine repräsentative
       deutschlandweite digitale Befragung aus dem Jahr 2022 ergab, dass das
       nachbarschaftliche Vertrauen in den untersuchten Dörfern deutlich höher
       ausgeprägt ist als in Großstädten.
       
       Auch Anders, der selbst in den Neunzigerjahren von Berlin aufs Land gezogen
       ist, bestätigt dieses Bild. Auf Grundlage der Gespräche, die er für das
       Buch „Nachbarschaft“ mit Menschen im Oderbruch geführt hat, kommt er zu dem
       Schluss: In den Dörfern scheine sich ein „Bewusstsein dafür erhalten zu
       haben, was ein Dorf im Sinne einer guten Nachbarschaft ausmacht, nämlich
       dass sie eine elementare Form des Friedens und des guten Lebens bildet“.
       
       Zentral dafür sei, soziale Beziehungen immer wieder zu erneuern. „Nach dem
       Dorffest ist vor dem Dorffest“, so der Kulturwissenschaftler. Das
       funktioniere im Oderbruch erstaunlich oft und gut. „Die Gesellschaft dort
       ist sehr durchlässig. Sie hat immer wieder Menschen aufgenommen und
       umgekehrt sind die Zugezogenen in Beziehung gegangen“, sagt Anders. Ihm ist
       wichtig, zu betonen: „Alle Dörfer sind anders.“ Die ländliche Gesellschaft
       in der Uckermark im Norden Brandenburgs etwa scheint ihm stärker segregiert
       als im Oderbruch.
       
       „Man kann in die Differenz investieren, indem man ständig unterscheidet
       zwischen Städtern und Alteingesessenen, oder man schaut: Was kann man
       gemeinsam tun?“, sagt Anders. Weil Letzteres den Menschen im Oderbruch
       wichtiger sei, gebe es überhaupt Angebote wie Heimatvereine, Dorffeste oder
       Freiwillige Feuerwehren. „Das sind alles Bemühungen, etwas von der sozialen
       Interaktion zu erhalten, das über das Wohnen hinausgeht, auch wenn die
       Bedingungen sie nicht mehr auf wirtschaftliche Interaktion verpflichten.“
       Auf das Engagement weisen die zahlreichen Banner und Plakate hin, die in
       den Dörfern der Umgebung prangen: Hafenfest Wriezen, Dorf- und Museumsfest
       in Altranft, Moorbadfest, Sportverein Prötzel Sommerfest – alles noch im
       Juni.
       
       Einen weiteren Grund für die höhere Zufriedenheit in der dörflichen
       Nachbarschaft schreibt Anders einem Gefühl von Handlungsmacht zu. „Nachdem
       im ländlichen Raum vieles geschlossen wurde, sind die Strukturen, die jetzt
       noch übrig sind, welche, die Bewohner selbst verantworten“, sagt er. „Die
       Menschen erfahren sich dadurch besser in ihrer eigenen Kraft.“ Zudem
       beobachte er, dass sie sich mit politischen Meinungen und Schlagabtauschen
       sehr zurückhalten und ihre Meinung nicht zum Maßstab machen würden. „Es ist
       ihnen wichtiger, dass die dörfliche Interaktion gedeiht, als dass sie am
       Ende die gleiche Wahlentscheidung treffen“, sagt er – und schiebt
       hinterher: „Es würde sie zerlegen.“
       
       ## Gegenmittel zur sozialen Fragmentierung
       
       Immer wieder wird Nachbarschaft angeführt als Gegenmittel zur sozialen
       Fragmentierung einer Gesellschaft im Dauerkrisenmodus. Überspitzt gesagt:
       Man müsse nur dem Nachbarn die Suppe vorbeibringen, um dem Rechtsruck etwas
       entgegenzusetzen. Philosophin Rahel Jaeggi ist da skeptisch: „Die
       Nachbarschaft ist ein Brennpunkt für die Probleme der Welt. Sie lassen sich
       auf lokaler Ebene nicht lösen“, sagt sie.
       
       Für Kenneth Anders hingegen steht fest: „Wenn man über Demokratie reden
       will, sollte man sich mehr mit Kommunalpolitik und kommunaler
       Selbstverwaltung auseinandersetzen.“ Er beobachte, mit wie viel Klugheit
       und Geschick Ortsvorsteher es schaffen würden, ihre Orte gut zu betreuen
       und Menschen einzubinden.
       
       Genau daran scheitert es in Kreuzberg. Laut der Umfrage von Kiezconnect
       wünschen sich 81 Prozent der Befragten mehr Möglichkeiten zur echten
       Mitbestimmung im Kiez. Nur 1 Prozent sagt, fehlendes Interesse sei eine
       Hürde. Jaeggi kritisiert: „Viele fühlen sich ohnmächtig, weil sie
       ohnmächtig gemacht werden.“ Die Umfrage ergab zudem, dass sich viele
       Anwohner*innen einen Ort wünschen, an dem man sich ohne Konsumzwang
       begegnen kann, etwa Gemeinschaftsgärten, Kiezdachterrassen oder
       Reparaturwerkstätten.
       
       Kiezconnect-Initiator Fiete Rohde fasst zusammen: „Es fehlt weniger an
       Bereitschaft, sich nachbarschaftlich zu engagieren, als an Möglichkeiten,
       mitzumachen.“
       
       15 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Crack-in-Berlin/!6003090
   DIR [2] https://auflandverlag.de/
   DIR [3] /Philosophin-Rahel-Jaeggi-ueber-Krisen/!5828917
   DIR [4] https://www.diw.de/de/diw_01.c.935140.de/publikationen/weekly_reports/2025_05_1/loneliness_in_germany__low-income_earners_at_highest_risk_of_loneliness.html
   DIR [5] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/einsamkeit-und-gesellschaftlicher-zusammenhalt
   DIR [6] https://oderbruchmuseum.de/
       
       ## AUTOREN
       
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