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       # taz.de -- Verwundete aus Gaza in Jordanien: Gewinn einer grausamen Lotterie
       
       > Tausende Kranke und Verwundete harren im zerstörten Gazastreifen aus. Nur
       > wenige werden im Ausland behandelt. Die taz hat eine Familie begleitet.
       
   IMG Bild: Erleichtert: Bussi al-Masri steigt nach neun Stunden Fahrt und zwei Jahren der Angst aus dem Bus
       
       Müde blickt Bussi al-Masri in die Kameras. Vor ihren Füßen rollt sich kein
       roter Teppich aus, doch die Blitzlichter klackern so laut, man wähnt sich
       in Cannes. Oder in Venedig, Berlin, bei irgendeinem Promi-Event. Bei einer
       Filmfesteröffnung vielleicht.
       
       Stattdessen steht al-Masri auf einem staubigen Parkplatz mitten im
       Jordantal, fünf Kilometer hinter ihr der israelische Checkpoint Allenby
       Bridge, vor ihr der jordanische Grenzübergang. In ihren Armen trägt
       al-Masri ein eingeschlafenes Kind, dicht eingehüllt in eine rosarote
       Plüschdecke. Es ist ein früher Nachmittag im Dezember.
       
       Für einen flüchtigen Moment schaut die junge Frau direkt in die Kamera, sie
       lächelt. Dann zieht sie mit erhobenem Haupt an der Reihe der
       Journalist*innen und Militärpolizisten vorbei, mit langsamen Schritten
       in Richtung Terminal, einer breiten, unscheinbaren Halle am Rande des
       Parkplatzes. Hinter ihr tröpfeln weitere Frauen und Kleinkinder aus dem
       Bus, müde sehen sie alle aus, doch glücklich.
       
       Zwei Mädchen mit Zöpfchen in den kurzen Locken, jünger als acht Jahre
       müssen sie sein, spielen Verstecken hinter den Gardinen neben ihren
       Sitzplätzen. Ein Junge im blauen Sweater schickt einen Kuss durch das
       Busfenster an die Presse und winkt. Ein anderer, der gerade aus dem Bus
       steigt, zeigt das Victoryzeichen, als ob er gerade ein Wettrennen gewonnen
       hätte. Und in gewisser Hinsicht hat er das ja auch.
       
       Diese Menschen, vor allem Frauen und Kinder sind es, kommen gerade aus
       Gaza. [1][Aus dem kriegszerrütteten Küstenstreifen], in dem seit
       zweieinhalb Jahren ein Konflikt tobt, der gut 80 Prozent seiner Gebäude,
       fast sein komplettes Gesundheitswesen und mehr als 72.000 Leben weggerissen
       hat. In dem kaum noch etwas anderes steht als Zelte.
       
       Die Menschen, die gerade aus dem weiß-blauen Bus aussteigen, sind krank
       oder verwundet. Und sie haben gewissermaßen in der Lotterie gewonnen,
       anders als Tausend andere: Man hat sie ausgewählt, um in Jordanien
       behandelt zu werden, gesund zu werden – oder dies zumindest zu versuchen.
       
       ## Jordaniens Gesundheitssystem ist intakt
       
       Im Gazastreifen sind nur noch 18 von 36 Krankenhäusern funktionsfähig und
       auch das nur eingeschränkt. Krebsbehandlungen sind kaum noch verfügbar,
       medizinisches Personal, Medikamente und Ausstattung ist Mangelware
       geworden.
       
       Jordanien, Israels und Palästinas Grenzland, hat es in den letzten 50
       Jahren geschafft, inneren Frieden zu bewahren, während drumherum Konflikte
       explodierten und Kriege entflammten. Sein Gesundheitssystem ist intakt,
       eines der besten in der Region: 122 Krankenhäuser mit moderner Ausstattung
       und über 16.000 Betten, hier sind schon Lebertransplantationen erfolgt und
       siamesische Zwillinge getrennt worden. Und Jordanien, dessen Bevölkerung
       mindestens zur Hälfte aus Nachfahren von Palästinenser*innen besteht,
       will Gazaner*innen gesund pflegen, die in ihrem Land keine Heilung mehr
       finden.
       
       Eine Frau in beigefarbenem Mantel und weißem Kopftuch bleibt vor der Presse
       kurz stehen. Sie lächelt. Auf dem Arm trägt sie einen kleinen Jungen, rote
       Punkte auf Wangen und Kinn. Sie läuft auf die Halle zu, in der sich Familie
       al-Masri bereits befindet. In dem Raum hängen Schweiß und Müdigkeit in der
       Luft. Viele Geflüchtete sehen so aus, als würden sie die Tränen
       zurückhalten. Die sonst so streng blickenden Soldaten in ihren schwarzen,
       mit Orden dekorierten Pullovern lächeln den Kindern zu, nehmen sie auf den
       Arm.
       
       Reihen von polierten Metallsitzplätzen schimmern unter den grellen
       Neonlichtern, weiße Fliesen glänzen frisch gesäubert, an einer Wand lächeln
       drei Generationen der haschemitischen Königsfamilie: der verstorbene König
       Hussein, der derzeitige Monarch Abdullah II. und Kronprinz Hussein.
       
       ## Plötzliche Krebsfälle in vielen Familien
       
       Familie al-Masri sitzt auf den schimmernden Metallstühlen, einer ganzen
       Reihe, dreizehn Menschen, elf Kinder und ein Elternpaar sind es. Der Vater,
       Ahmed Hamza al-Masri, trägt ein olivgrünes langärmeliges T-Shirt und
       Jogginghose. „Wir sind wegen dieser drei Kinder ausgereist“, sagt er und
       umarmt einen Jungen mit dunklen Augen, der vor ihm mit seinem Smartphone
       spielt. Ein weiterer hebt den Ärmel seines Shirts hoch und zeigt eine
       Narbe. Angeschossen wurde er, 14 Jahre alt, sowie seine Schwester.
       
       Als die Familie noch in Gaza lebte, kamen Evakuierungsbefehle mehrmals aus
       der Luft, per Flyer aus Militärflugzeugen. Als die Familie floh, das war
       Anfang Juli in Chan Junis, nahmen Kampfjets das Gebiet unter Beschuss.
       Splitter durchbohrten den Arm des Kindes. Die Wunden sind verheilt, doch
       der Junge habe noch Probleme an seinen Fingern, sagt der Vater.
       Medienberichte bestätigen die Schilderungen der Angriffe.
       
       Neben al-Masri sitzt ein Mädchen im Grundschulalter mit bunten Gummispangen
       in den schwarzen Haaren. Ihr rechtes Auge ist blutunterlaufen und wölbt
       sich aus der Augenhöhle. „Die anderen Kinder haben jetzt Angst vor ihr,
       nachts, wenn sie alle nebeneinander schlafen, weil ihr Auge stets offen
       ist. Ich will nicht, dass dies ihre Kindheitserinnerung bleibt“, erklärt
       al-Masri. Vor zwei Monaten habe sich Krebs im Auge der achtjährigen Tochter
       herausgebildet. Richtig zuschließen kann das Kind sein Auge nicht mehr.
       
       Für al-Masri hängt die Krankheit mit der Kälte im Zelt zusammen, das Kind
       habe stets neben dem offenen Feuer gespielt, dessen Flamme sie mit alten
       Schuhen und Plastikresten speisten. Der Rauch sei toxisch gewesen, sagt der
       35-Jährige. Viele andere Familien hätten deswegen auch plötzliche
       Krebsfälle gehabt.
       
       Ob das so ist, lässt sich kaum überprüfen. Sicher ist, dass die humanitäre
       Lage im Gazastreifen katastrophal bleibt. Dieses Jahr sind mindestens elf
       Kinder [2][an Kälte gestorben]. Atemwegsinfekte, akuter Durchfall und
       Hautkrankheiten zählen laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef zu den häufigsten
       Kinderkrankheiten.
       
       ## Krankenwagen und Kliniken unter Beschuss
       
       Al-Masri schüttelt den Kopf auf die Frage, ob es genug zu essen in Chan
       Junis gebe. „Nicht genug“, sagt er, doch eigentlich hätte er nicht mal das
       sagen müssen: Seine eingefallenen Wangen sprechen für sich. „Ich habe lange
       dafür gebetet, dass wir hierherkommen dürfen“, sagt er.„Alhamdulillah –
       gepriesen sei Allah“, antwortet Frau al-Masri auf die Frage, ob sie jetzt
       glücklich sei, und lächelt unter ihrem pinkfarbigen Hidschab.
       
       Bussi al-Masri ist 33 Jahre alt, ungeschminkt, mit einem langen schwarzen
       Kleid, der abgeblätterte Nagellack in einer ähnlichen Farbe wie das
       Kopftuch. Seit 5 Uhr morgens waren sie im Bus, sagt sie, das wäre 6 Uhr
       jordanischer Zeit. Um 14.55 Uhr sind sie ausgestiegen. Eine Reise, die neun
       Stunden gedauert hat, doch in Wahrheit vor über zwei Jahren begann und noch
       nicht ganz zu Ende ist.
       
       Als die Kämpfer der islamistischen Terrororganisation Hamas, die im
       Gazastreifen regiert, [3][am 7. Oktober 2023] den Zaun stürmten, der Gaza
       umkreiste, und fast 1.200 Männer, Frauen und Kinder töteten, in
       israelischen Dörfern, auf einem Musikfestival, löste die Tat eine
       militärische Reaktion Israels aus, die bislang mehr als 72.000
       Gazaner*innen das Leben gekostet hat, unter ihnen mehr als 21.000
       Kinder, und mindestens 172.000 weitere verletzt hat.
       
       Eine Reaktion, die selbst israelische Menschenrechtsorganisationen
       inzwischen als Genozid bezeichnen, nicht zuletzt, weil selbst
       Sanitäter*innen, Krankenwagen und Kliniken unter Beschuss gerieten. Israel
       rechtfertigte das Zielen auf Gesundheitseinrichtungen oft mit dem Vorwurf,
       die Hamas nutze Krankenhäuser als operative Basis.
       
       Wer diesen Marathon des Überlebens überstanden hat, der ist jetzt am Ziel,
       könnte man meinen. In Wahrheit ist dies nur der Anfang. Der Weg in die
       Heilung beginnt jetzt, und der ist lang. Körperlich, psychisch. Sich an die
       „Normalität“ erneut zu gewöhnen. An einen Alltag ohne Bomben, ohne Schüsse,
       in dem einschlafen und aufstehen mit einem vernünftigen Ausmaß an
       Sicherheit vorhersehbar sind. In dem essen eine Selbstverständlichkeit ist.
       An Zuversicht.
       
       Jetzt erwartet sie eine weitere Reise ins jeweilig spezialisierte
       Krankenhaus. Al-Masri muss ins König-Hussein-Krebszentrum, das Beste im
       Lande. Wie lange sie in Jordanien bleiben dürfen, das wissen sie noch
       nicht. Es hängt von der Krankheit, von der Heilung und von vielen weiteren
       Faktoren ab.
       
       ## Deutschland hat nur zwei Kinder aufgenommen
       
       Seit März 2025 hat das jordanische Militär 28 Gruppen evakuiert, insgesamt
       mehr als 2.500 Personen, 778 davon Patient*innen. Mehr als 18.000 Menschen
       stehen auf den Ausreiselisten der Weltgesundheitsorganisation. Bis Anfang
       Dezember habe man 10.620 Patient*innen evakuiert, 5.608 davon Kinder.
       Die allermeisten sind vor der Schließung des Grenzübergangs Rafah im Mai
       2024 ins Ausland gefahren. Die meisten hatten Verletzungen, gefolgt von
       Tumoren.
       
       Nicht alle sollen nach Jordanien; Ägypten hat bislang die meisten
       Patient*innen aufgenommen. Auch andere Länder weltweit haben sich zur
       befristeten Aufnahme bereit erklärt. Bloß, die bürokratischen Hürden sind
       hoch und laut NGOs werden Gazaner*innen nur tröpfchenweise von Israel
       herausgelassen. Die israelische Behörde Cogat lieferte auf Nachfrage keine
       konkrete Zahl, wie viele Patient*innen seit Januar evakuiert wurden,
       bestreitet aber, die Ausreise zu beschränken.
       
       Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zeigen indes, dass zwischen Januar
       und Mai lediglich 1.106 Patient*innen den Streifen verlassen haben.
       Meistens nach Jordanien und Ägypten, aber auch nach Italien oder Irland.
       Deutschland hat dieses Jahr keine aufgenommen, insgesamt zwei waren es laut
       Medienberichten seit Kriegsbeginn. Das Verfahren sei komplex und aufwendig,
       hieß es von Sprechern der Bundesregierung. Den Kindern solle am besten in
       der Region geholfen werden.
       
       Mehr als 5 Millionen jordanische Dinar, fast 6 Millionen Euro, hat die
       König-Hussein-Krebsstiftung bislang in die Behandlung der Gazaner*innen
       investiert. Das erzählt Ärztin Rawad Rihani, Leiterin der Kinderabteilung
       des König-Hussein-Krebszentrums in Amman. „Solange es Patient*innen
       gibt“, antwortet sie auf die Frage, wie viele sie noch aufnehmen wollen und
       können. „Ich habe gerade weitere 15 genehmigt“, sagt die 50-jährige
       Medizinerin.
       
       Rihani hat ein rundes Gesicht, perfekt geschminkt, und lange offene Haare.
       Sie kann bereits auf einen beeindruckenden Lebenslauf zurückblicken: mehr
       als 25 Jahre Erfahrung, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Ausbildung in
       Jordanien und Australien, und doch sagt sie, sie habe selten so
       fortgeschrittene Krebsfälle gesehen. Ein einjähriges Kind etwa, das so
       unterernährt und dessen Tumor so groß ist, dass er den größten Teil seines
       Gewichts ausmacht. Oder der Krebs, den al-Masris Tochter im Auge hat.
       Normalerweise sehen Ärzte in Jordanien solche Tumore nicht. „Wir lassen sie
       nicht so weit wachsen“, erklärt Rihani.
       
       ## Nach vier Monaten ist die Chemo beendet
       
       Und dann Mangelernährung, Polio, Masern, antibiotikaresistente Bakterien,
       posttraumatische Belastungsstörungen, manche Kinder hätten mit angesehen,
       wie ihre Familienmitglieder getötet wurden. Die psychologische
       Unterstützung ist fast so wichtig wie die körperliche. Und dann noch die
       der Eltern, der Geschwister und des medizinischen Personals, das sich
       tagtäglich mit diesen Leidensgeschichten konfrontiert sieht. „Ich glaube,
       wir alle haben unterschätzt, wie viel Unterstützung sie brauchen.“
       
       Der Mond steht schon hoch am Himmel, als die Patient*innen in ihren
       Bussen auf dem Parkplatz ankommen. Medical City, Westamman, gepflegte
       Umgebung, nicht weit weg hat der König persönlich seine Residenz. Ein
       medizinisches Zentrum wie eine Kleinstadt, das sagt schon der Name.
       Soldaten in beigen Tarnanzügen und mit olivgrünen Schals stehen schon da.
       Sie warten. Als die Gazaner*innen ankommen, nähern sie sich den Bussen.
       Sie kontrollieren Dokumente, stellen sich vor die Menschen, fast so, als ob
       sie sie vor den Blitzen der Kameras schützen möchten.
       
       Vier Monate später sitzen Ahmed al-Masri und Tochter Rania in dem
       verglasten Sitzungsraum des König-Hussein-Krebszentrums. Der Vater hat
       zugenommen, das Gesicht ist nicht mehr so fahl. Wie ein anderer Mensch
       sieht er aus. Er hat Platz genommen mitten am großen Tisch, neben ihm die
       Tochter im pelzigen Pullunder, eine schwarze Wollmütze bedeckt ihre Stirn.
       Darunter, über dem rechten Auge, ist eine Rötung noch sichtbar. Die Hälfte
       der Augenbraue fehlt.
       
       „Nur morgens muss ich ihr die Schläfe massieren, weil sie sonst das Auge
       nicht öffnen kann“, sagt der Vater. „Und sie hat einigen Ausfluss. Aber
       sonst ist es vorbei, im Mai hat sie die letzten Chemositzungen.“ Der Krebs
       ist noch nicht ganz weg, doch sie hoffen.
       
       Das Kind wehrt sich dagegen, die Mütze abzulegen. Sie leide darunter, dass
       ihre Haare wegen des Chemiecocktails, den sie gespritzt bekommen hat,
       ausgefallen sind. Aber sie werden doch wieder wachsen, trösten die
       Erwachsenen das achtjährige Mädchen.
       
       Sie und ihre zehn Geschwister leben gerade im Hotel Antalya, weniger als
       einen Kilometer entfernt. Es ist ein schönes Hotel, mit weichen Betten,
       dicken Decken, Fliesen im Bad und Bildern von exotischen Landschaften.
       
       132 Menschen aus Gaza, 35 Familien, leben hier. Das erzählt ein
       Mitarbeiter. „Wir versuchen, ihnen ein Gefühl von Normalität, von Zuhause
       zu vermitteln“, sagt er. Ein Junge fährt gerade im Kreis auf einem Fahrrad
       im Vorhof, im Hinterhof spielen Mädchen mit langen Zöpfen auf Schaukeln und
       Klettergerüsten. Am Empfang hängt der Geruch von Desinfektionsmittel in der
       Luft, weiße Marmorfliesen glänzen, zwei Jungs sitzen auf einem Sofa und
       schauen Videos auf einem Smartphone.
       
       ## „Wir wollen den Frieden“
       
       Ein ruhiger Ort, gut für die Heilung von Wunden aller Art. Sie hätten Glück
       gehabt, sagt al-Masri. Das andere Hotel, in dem Gazaner*innen
       untergebracht wurden, sei viel größer und chaotischer. Die Tochter nickt,
       sie möge es, mit dem zur Verfügung gestellten Fahrrad zu fahren und mit
       Freunden durchs Hotel zu rennen. Klar habe sie schon Freunde hier, sagt
       sie. Andere gazanische Kinder aus den anderen Zimmern. Kinder wie sie, die
       ausgereist sind und noch nicht wissen, wie ihr „Danach“ aussehen wird. Die
       gerade nur in der Gegenwart leben.
       
       Keines seiner Kinder sei hier bislang eingeschult worden, beklagt al-Masri.
       Er mache sich Sorgen. Drei Jahre hätten sie bereits wegen des Kriegs
       verloren. Die Achtjährige kann weder schreiben noch lesen. Al-Masri, der
       selbst diplomiert ist, der Arabisch studiert hat, ihm gefällt das nicht.
       Was für ein Leben sollen die Kinder später haben, wenn dieser Krieg
       wirklich zu Ende ist? Er habe sein Leben vergeudet, sagt er. Das seiner
       Kinder soll nicht so sein.
       
       Und jetzt, hier in Jordanien, darf er auch nicht arbeiten. Er wird rundum
       versorgt, doch das Gefühl, sein Leben zu verschwenden, ist immer noch da.
       Was soll er den ganzen Tag tun, monatelang? Was seine Kinder, von denen
       manche schon fast Teenager sind? Rania kreist ungeduldig mit dem Stuhl um
       sich, spielt auf einem imaginären Klavier mit den kleinen Fingern, summt
       ein Lied auf Arabisch, dann sagt sie, sie wolle ein iPad.
       
       Der Vater erzählt, er sei gegen die politische Lage in Gaza, die Hamas habe
       ihn schon mal wegen Facebook-Posts verhaftet. „Schickt diejenigen zurück,
       die kämpfen wollen. Wir wollen den Frieden.“
       
       Er zeigt ein Video, darauf ist eine sandige Straße zu sehen, auf einer
       Seite das Meer, auf der anderen zertrümmerte Häuser, in der Mitte Menschen
       auf Karren und Fahrrädern, die in dieselbe Richtung fliehen. „Nieder mit
       der Hamas“ hat er als Hashtag hinzugefügt. Seit 18 Jahren lebe er im Krieg,
       sagt er. 25-mal habe man seine Familie seit Kriegsbeginn vertrieben, Gras
       mussten sie essen, einmal habe er ein von einer Bombe getroffenes totes
       Huhn auf der Straße gefunden, es gewaschen, so gut es ging, gegrillt und
       mit der Familie aufgegessen. „Wie die Tiere“, sagt er.
       
       Jetzt hat al-Masri Angst, dass die jordanischen Behörden ihn über Nacht
       nach Gaza zurückschicken, jetzt, wo das Kind seine Behandlung fast
       abgeschlossen hat. So wie es anderen Familien ergangen ist. Über einen Fall
       hat sogar die britische BBC berichtet. Wieso sonst hätten sie ihre
       Reisepässe einbehalten?
       
       Der Sprecher der Krebsstiftung versucht zu beschwichtigen, es brauche drei
       bis fünf Jahre, bis man Tumoren für endgültig geheilt erklärt, bei Rania
       sei es noch nicht so weit. Doch al-Masri ist nicht überzeugt, immer wieder
       betont er: Er will nicht zurück. Nicht wieder in die Hölle von Gaza.
       
       Nach Europa will er, und seine Frau auch. Doch bislang hat es nicht
       geklappt. Und ob es in Zukunft klappen wird, ist fraglich. Jordanien
       schickt die Familien in der Regel zurück, nachdem die Kinder behandelt
       wurden. Nach offiziellen Angaben will man nicht zur Vertreibung der
       Palästinenser*innen beitragen. Die Reise von Familie al-Masri ist
       also noch nicht zu Ende.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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