# taz.de -- Kapitän über sein Fahrgastboot: „Der Fluss hat so viel gesehen“
> Dirk Triebler betreibt auf der Oder ein Fahrgastboot, als Einziger auf
> der deutschen Seite. Musik hat er nicht an Bord, die Gäste sollen den
> Fluss genießen.
IMG Bild: Vielleicht nicht wie der Amazonas, aber dennoch überwältigend, meint Dirk Triebler, sei die Oder
taz: Herr Triebler, wie ist aktuell der Wasserstand der Oder in Frankfurt?
Dirk Triebler: Bedrohlich. Wir steuern auf eine Katastrophe hin.
taz: Auf welche Katastrophe denn?
Triebler: Wenn sich die Pegelvorhersagen erfüllen, ist das heute mein
letzter Arbeitstag.
taz: Weil Sie bei einem niedrigeren Pegelstand wegen der Sandbänke nicht
mehr vom Liegeplatz an einem Frankfurter Altarm in die Stromoder fahren
können?
Triebler: Wenn man sich die Kaimauer hier anguckt, sieht man ungefähr, wo
der normale Pegelstand sein müsste. Und man sieht, dass gerade verdammt
wenig Wasser im Fluss ist.
taz: Dass Sie nicht auf den Fluss kommen, ist in den letzten Jahren immer
wieder passiert.
Triebler: Aber nicht so früh. Früher war das im Juli, jetzt ist es Ende
Mai, Anfang Juni.
taz: Wie hoch müsste der Pegel normalerweise sein um diese Jahreszeit?
Triebler: Wir haben jetzt 1,15 Meter. Eigentlich müsste er einen Meter
höher sein. Der statistische Mittelwert an der Oder liegt bei 2,35 Meter.
Es ist schon verdammt wenig Wasser. Und wir haben auch keine Hochwasser
mehr, auch nicht im Frühling.
taz: Weil es in der Quellregion der Oder in Tschechien keine Schneeschmelze
mehr gibt?
Triebler: Genau. Auch das Winterhochwasser fiel zuletzt aus. In der vorigen
Saison bin ich acht Wochen nicht gefahren. Und das in einer Saison, die
ohnehin nur ein halbes Jahr dauert. Von Mai bis Oktober. Ist schon ein
Drama.
taz: Man muss schon ein großer Enthusiast sein, um wie Sie mit Ihrem
[1][Unternehmen „Onkel Helmut“] auf der Oder eine Fahrgastschifffahrt zu
betreiben.
Triebler: Wenn ich den Enthusiasmus aus meinem Unternehmen wegrechnen
würde, würde nicht viel übrigbleiben.
taz: Wie sind Sie zu diesem Enthusiasten geworden?
Triebler: Das ist gewachsen. Ich bin an der Oder groß geworden und habe
schon immer eine Affinität zur Schifffahrt gehabt. Mit dem Unternehmen ist
das in der vergangenen Jahren Stück für Stück gewachsen. Man verwächst mit
dem Fluss. Er ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.
taz: „Onkel Helmut“ ist nicht nur der Name Ihres Unternehmens, es gab
diesen Onkel wirklich. Schon als Kind sind Sie mit Helmut auf der Oder
unterwegs gewesen.
Triebler: Von Kindesbeinen an. Mein Onkel hatte einen Schleppkahn, die
„Füsilier“. Das war der letzte Schleppkahn, der auf der Oder fuhr. Er hatte
keinen Motor und wurde von einem Schlepper gezogen. 1982 hat Helmut aus
gesundheitlichen Gründen aufhören müssen.
taz: Die meisten Kähne waren doch schon in den 50er Jahren motorisiert.
Triebler: Mein Onkel hatte mit Maschinen nicht viel am Hut. Der ist sein
Leben lang ohne Maschine gefahren. Der hatte nicht mal eine vernünftige
Motorwinde draufgehabt, er hat alles mit Hand gemacht. Nachdem Schluss war,
hat er noch ein paar Jahre gelagert.
taz: Gelagert?
Triebler: Das war eine Notwendigkeit zu DDR-Zeiten. Weil in einen
Schiffsbauch viel reinpasste, hat er in Eisenhüttenstadt und in Berlin
seinen Kahn als stehendes Lager genutzt. Für Tabak. Oder am Rummelsburger
See in Berlin Farbfernsehbildröhren. Danach wurde der Kahn abgewrackt.
taz: Wir war das damals auf der Oder für Sie als Kind?
Triebler: Alles riesig. Ein riesengroßer Fluss. Ein riesengroßer Kahn. Wenn
der leer war, stand er so hoch, dass der Blick aufs Wasser richtig in die
Tiefe ging. Ein Geländer gab es damals ja noch nicht.
taz: Wo ist Onkel Helmut überall hingefahren?
Triebler: Vor dem Krieg oft bis Breslau und Stettin. Zu DDR-Zeiten dann
auch Zuckerrüben aus der Börde. Oder Getreide. An Ladung war kein Mangel.
Natürlich hat er sich auch Sachen ausgesucht, an denen Mangel herrschte und
mit denen er handeln konnte. Ansonsten hat er bescheiden gelebt. Keine
Elektrik an Bord, nur ein Petroleumkühlschrank. Toilette war ein Eimer. Er
ist halt nicht so richtig mit der Zeit gegangen.
taz: Welche Rolle spielte die Grenze zu Polen für ihn?
Triebler: Wer auf der Oder zur Ostsee wollte, musste in Widuchowa die
Grenze passieren. Da war Hickhack. Jedes Jahr neue Anforderungen.
Bordlisten schreiben. Welche Personen sind an Bord? Welche Ausweisnummer?
Und du musstest um sechs Uhr morgens durch sein, weil sonst nicht
garantiert werden konnte, dass du bis Sonnenuntergang wieder auf
DDR-Territorium warst.
taz: Man durfte also nur einen Tag auf polnischem Territorium sein?
Triebler: Ja. Und wehe du bis in Stettin an Land gegangen. Das war streng
verboten. Da wäre die Hölle los gewesen. Sonst war es auf der Oder ziemlich
stressfrei. Die Grenze spielte nicht so eine Rolle. Wir sind als Kinder
auch in der Oder baden gegangen. Auch mal nach Polen rübergeschwommen. Das
hat keinen so richtig interessiert.
taz: Onkel Helmut ist nicht mit der Zeit gegangen. Sind Sie denn mit der
Zeit gegangen?
Triebler: Wenn ich mein Unternehmen so sehe – ja. Ich konnte ja schlecht
die Schleppschifffahrt aufrechterhalten (lacht). Ich verweigere mich zwar
auch gegen zu viel Technik. Die Maschinen, die ich drin hab, sind zwar neu,
haben aber einen Technologiestand der 70er Jahre. Das sind keine
hochgezüchteten Maschinen. Wenn man die ein bisschen lieb hat, halten sie
zwei Generationen. Echolot ist die einzige Elektronik, die ich brauche. Und
Funkgerät, das ist verpflichtend. Dann ist auch Schluss.
taz: Sie sind der einzige Fahrgastschiffer auf der deutschen Seite der
Oder.
Triebler: Ja.
taz: Wer sind denn Ihre Kunden?
Triebler: Ich mach vor allem Charterschifffahrt. Mich chartern Gruppen
aller Art. Hauptsächlich fahre ich aber für einheimische Gruppen. Mein
Kundenkreis sind die umliegenden 80, 90 Kilometer. Die kommen aus dem
[2][Schlaubetal] oder Richtung Berlin bis Fürstenwalde. Touristen gibt es
ja nicht viele in Frankfurt.
taz: Es gibt also keinen regulären Fahrplan, wo man als einzelner Gast nur
einsteigen kann.
Triebler: Das würde sich in Frankfurt nicht lohnen.
taz: Wie viele Gruppen kommen aus Polen?
Triebler: Ich hab schon polnische Gäste. Mal eine Hochzeitsgesellschaft.
Oder eine Kommunion. Aber es ist nicht so, dass wir überlaufen wären aus
Polen.
taz: Was suchen die Leute auf der Oder?
Triebler: Völlig unterschiedlich. Manche kommen zu Teamtagen wie neulich
das [3][Kleist-Museum]. Die suchen nicht in erster Linie Ruhe, die wollen
dienstlich schwatzen oder auch privat. Aber die Natur wollen sie auch
genießen. Was ich definitiv nicht bin, ist ein Partyboot.
taz: In Berlin wird man als Fahrgast regelmäßig aus der Konserve bespaßt.
Triebler: Ich hab nicht mal Musik an Bord. Die Leute können doch auch
einfach mal den Fluss genießen.
taz: Es gibt ja auch genügend Beschallung durch die Natur. Selbst hier am
Frankfurter Holzmarkt, dem Anleger von „Onkel Helmut“.
Triebler: Der Schilfrohrsänger lärmt ganz schon rum. Eigentlich sind wir
hier im Zentrum der Stadt und doch mitten in der Natur. Das haben wenige
Städte.
taz: Was sieht man, wenn man mit Ihnen oderabwärts bis Lebus fährt oder
aufwärts zur Steilen Wand?
Triebler: Natur. Flora. Fauna. In diesem Jahr viel Tiere. Heute hab ich den
ersten Schwarzstorch gehabt. Die sind meistens Zaungäste, schnell wieder
verschwunden. Wir haben mittlerweile auch Wattvögel aus dem
Salzwasserbereich. Das kommt, weil sich der Fluss so verändert hat. Vor
fünf, sechs Jahren hatten wir auch kaum Schwäne auf der Oder. Jetzt ist die
Population deutlich gewachsen.
taz: Was sich auch verändert hat: Es fährt kaum noch ein Binnenschiff an
Frankfurt vorbei. Vermissen Sie das?
Triebler: Sicher wäre es schön, wenn du am Funkgerät mal mit jemandem
sprechen könntest. Aber ich vermisse das nicht. Das ist dem Wandel der Zeit
geschuldet.
taz: Die polnische Seite versucht, die Oder wieder schiffbar zu machen.
Triebler: Wenn das bedeuten würde, dass neue Staustufen und Schleusen
gebaut werden, wäre das die totale Katastrophe. Dann wäre die Oder nicht
mehr frei fließend, sondern ein Betonbecken wie am Rhein. Man kann sich gar
nicht ausmalen, was das für die Natur bedeuten würde, aber auch für uns
Menschen.
taz: Was haben Sie eigentlich gelernt?
Triebler: Als Erstes Elektromaschinenbauer. Dann noch mal Elektriker. Dazu
noch Betriebswirtschaft. Und dann bin ich irgendwann Schiffer geworden.
taz: Wann ist denn der Entschluss gereift, aus Ihrer Faszination für den
Fluss einen Beruf zu machen?
Triebler: Wir haben in der Familie mal einen alten Eisbrecher betrieben.
Privat. Weil das in der Unterhaltung viel Geld kostet, ist dann Anfang der
Neunziger die Idee entstanden, mal ein paar Gäste mitzunehmen. Mit Kaffee
und Kuchen und einer Blechbüchse, wo sie was reingeben können. Leider
mussten wir das Schiff aus privaten Gründen verkaufen. Die Idee ist aber
geblieben.
taz: Sie haben dann mit kleinen Booten angefangen.
Triebler: Das waren im Grunde große Angelkähne. Für bis zu 12 Gäste. So ist
es Stück für Stück gewachsen.
taz: Wie viele passen auf das jetzige Boot?
Triebler: 35. Das ist für Frankfurt groß genug. Klar könnten es manchmal
auch ein paar mehr sein. Aber größere Schiffe brauchen mehr an
Unterhaltung, mehr an Personal. Die gehen auch tiefer. Das ist auf der Oder
nicht machbar.
taz: Das Boot, das Sie jetzt haben, haben Sie fast in Eigenregie gebaut.
Triebler: Den Schiffskörper habe ich im Museumshafen in Berlin gekauft. Der
hielt sich aber nur noch mit Leckplanen über Wasser.
taz: Haben Sie das lecke Boot noch auf dem Wasser an die Oder bekommen?
Triebler: Mit viel pumpen und mit viel Mut. Ich wollte den Schiffskörper
als Schablone benutzen, um daraus einen neuen Kahn zu bauen.
taz: Da haben Sie sich in eine Werft eingemietet.
Triebler: Nö, das hab ich zu Hause auf unserem Wassergrundstück gemacht.
Auch schon wieder zehn Jahre her. Ist viel Arbeit, aber machbar. Nur das
Zulassungsprozedere hat fünf Jahre gedauert.
taz: Da kommt Freude auf.
Triebler: Da kommt richtig Freude auf. Aber die Zeit haben wir auch
überstanden. Hab dann einfach umgeflaggt und bin unter polnischer Flagge
gefahren.
taz: Ist es da einfacher?
Triebler: Da ist die Bürokratie auch nicht ohne. Ging aber. Als ich in
Deutschland dann die Zulassung bekommen habe, bin ich wieder unter
deutscher Flagge gefahren.
taz: Der Fluss hat sich verändert, haben Sie gesagt. Eine Zäsur war [4][das
Fischsterben 2022]. Wie haben Sie das erlebt?
Triebler: Zu der Zeit war ich oft auf der Oder. Erst habe ich einen toten
Fisch gesehen, dann hab ich den zweiten toten Fisch gesehen und dann nahm
es relativ schnell überhand. Ich habe dann die Behörden darüber informiert.
Dann hat es aber noch ein paar Tage gedauert, bis der Apparat angesprungen
ist.
taz: Was haben Ihre Gäste gesagt?
Triebler: Es war so, dass die toten Fische relativ schnell durch waren.
Nach zwei, drei Tagen waren sie weg. Nur zwischen den Buhnen haben sie sich
noch gesammelt. Die wurden schnell abgesammelt. Der Strom war aber wieder
frei. Für die Gäste war es also kein großes Drama. Die, die gebucht haben,
haben angerufen und gefragt, was denn mit den Fischen sei. Denen hab ich
gesagt: Sind keine mehr da. Die haben gesagt: Dann kommen wir.
taz: Die Oder, sagen viele, hat sich erstaunlich schnell wieder erholt.
Triebler: Letztens hatte ich das [5][Institut für Gewässerökologie und
Binnenfischerei] zum Teamtag. Die haben gesagt, dass damals der
Fischbestand durch die Katastrophe zur Hälfte zurückgegangen ist. Jetzt
wächst er wieder. Aber das braucht seine Zeit.
taz: Wie oft sind Sie denn auf dem Wasser?
Triebler: (lacht) Hab schon noch ein richtiges Zuhause. In der Saison bin
ich aber sehr oft hier. Das ganze Marketing und das Büro mache ich hier am
Anleger. Eigentlich den ganzen Tag über von früh bis abends.
taz: Waren Sie schon einmal an der Oderquelle?
Triebler: Ja, war ich. Ziemlich unspektakulär. Ich bin auch oft mit dem
Kajak und dem Fahrrad an der Oder unterwegs. Manche Strecken bin ich auch
gelaufen. Dann nimmt man den Fluss am besten wahr. Da hat man viel mehr
Details vor Augen.
taz: Haben Sie eine Lieblingsstelle an der Oder?
Triebler: Nein, an der Oder gibt es so viele schöne Stellen. Die sind alle
aufregend.
taz: Gehen einem andere Gedanken durch den Kopf, wenn man vom Ufer auf den
Fluss schaut, als wenn man vom Boot aus auf die Ufer schaut?
Triebler: Für mich ist es ja nichts Besonderes, auf dem Strom zu sein. Aber
von den Gästen weiß ich, dass das eine völlig neue Erfahrung für sie ist.
taz: Der Fluss ist kein Hindernis, sondern der Mittelpunkt von allem. Die
Ufer liegen einem rechts und links zu Füßen.
Triebler: Ja. Und man hat bei einer Kahnfahrt die Möglichkeit, in relativ
kurzer Zeit sehr viel zu sehen.
taz: Manche vergleichen die Oder, dort, wo die Höhenzüge enden und der
Fluss in die Breite geht, auch mit dem Amazonas-Fluss.
Triebler: Ich war noch nie am Amazonas. Aber wenn ich den im Fernsehen
sehe, ist das schon ein Unterschied (lacht). Aber manchmal bin ich trotzdem
überwältigt. Auch die Jahreszeiten sind sehr anders. Der Sommer ist laut.
Im Winter ist viel Ruhe. Die Tiere sind leise. Der Strom fließt vor sich
hin. Und manchmal kommt er mir sehr zeitlos vor.
taz: Macht einen das auch etwas demütig?
Triebler: Ja. Ehrfürchtig. Die Zeitlosigkeit dieses Flusses beschreibt uns
Menschen ja als sehr klein. Und sehr endlich. Darüber sollte man immer
wieder nachdenken. Der Fluss hat schon so viel gesehen.
taz: Was machen Sie von Oktober bis Mai?
Triebler: Viel an meinen Schiffen arbeiten. Und dann natürlich auf anderen
Schiffen Geld dazuverdienen. Als Schiffsführer auf dem Rhein oder am Main.
taz: Was wissen die Leute am Rhein über die Oder?
Triebler: Weil es kaum mehr eine Binnenschifffahrt gibt auf der Oder,
kennen sie den Fluss überhaupt nicht.
16 Jun 2026
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