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       # taz.de -- Sozialabbau während der WM: Im Windschatten der WM
       
       > Große Sportereignisse sind ein günstiger Zeitpunkt, Sozialabbau zu
       > betreiben, weil alle vor den Bildschirmen kleben. Folgt ein Fußballsommer
       > der Sozialkürzungen?
       
   IMG Bild: Hat offenbar gern Bälle in der Hand: Merz am 11.06. im Bundestag
       
       In den nächsten Wochen entscheidet sich das Schicksal der beiden
       wichtigsten Amtsträger des Landes. Am 1. Juli trifft sich die
       Bundesregierung zum Gipfel im Kanzleramt, zehn Tage später beginnt die
       parlamentarische Sommerpause. Bis dahin will, nein, muss Friedrich Merz
       zeigen, dass seine Regierung noch handlungsfähig ist und ihre vollmundig
       angekündigten Reformen beschließen kann. Gelingt ihm das nicht, dürfte er
       über die Landtagswahlen im Herbst hinaus nicht mehr lange Kanzler bleiben.
       
       Mitte Juli endet auch die Fußballweltmeisterschaft der Männer.
       [1][Bundestrainer Julian Nagelsmann] muss mindestens ins Viertelfinale
       kommen, um dem Anspruch seines Publikums gerecht zu werden. Gelingt das
       nicht, wird er wohl seinen Posten verlieren. Merz und Nagelsmann sind nicht
       zu beneiden. Viel zugetraut wird weder dem einen noch dem anderen. Niemand
       wird in den kommenden Wochen so im Rampenlicht und so in der Kritik stehen
       wie Kanzler und Coach.
       
       Auch in ihren Schwächen ähneln sie sich. Beide [2][reden viel und
       ungeschickt], anders als ihre wortkargen Vorgänger. Sie kündigen mit großen
       Worten einen Plan an, am liebsten viele Pläne gleichzeitig. Und überfordern
       ihre Zuhörer und sich selbst. Julian Nagelsmann hat selten mit der gleichen
       Mannschaft gespielt, er hat öffentlich Stammspieler auserkoren, die am
       Sonntag auf der Bank sitzen werden. Andere Spieler hat er in Interviews
       bloßgestellt.
       
       Friedrich Merz hat Reformen angekündigt, und zwar überall gleichzeitig: Er
       will die Einkommensteuer reformieren und die Rente, die Pflege und die
       [3][Krankenversicherung]. Wobei man aufhören sollte, von Reformen zu
       sprechen, denn es geht im Wesentlichen um Kürzungen. Ähnlich wie beim
       Bundestrainer ist auf seine Ankündigungen dabei kein Verlass.
       
       ## Merz will Methoden vor vorgestern
       
       Erst ließ Merz sich darauf ein, auch Spitzenverdiener zu belasten, dann zog
       er seine Zusage wieder zurück. Auch die [4][Bafög-Erhöhung] hat seine
       Unionsfraktion zurückgenommen. Und öffentlich vorführen, das macht
       Friedrich Merz nicht nur mit einzelnen Mitgliedern seiner Mannschaft,
       sondern mit dem Koalitionspartner oder ganzen Bevölkerungsgruppen.
       
       Bundeskanzler und Bundestrainer geben sich gern auf der Höhe der Zeit. Sie,
       und auch ihr Publikum, trauern aber einem Deutschland hinterher, das es
       nicht mehr gibt. Merz will mit Methoden von vorgestern (Neoliberalismus) an
       die Erfolge von gestern (Exportweltmeister) anknüpfen. Und auch Nagelsmann
       glaubt, mit den Helden der Vergangenheit (Manuel Neuer) erfolgreich zu
       sein.
       
       Eine Vermischung von Sport und Politik, wie auch in diesem Text, ist bei
       Großereignissen heikel. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass im
       Windschatten einer WM weitgehende Reformen, nein, Umverteilungen
       durchgesetzt werden. Mitten im Sommermärchen 2006 wurde die Mehrwertsteuer
       erhöht. Dies traf besonders Menschen mit niedrigen Einkommen. Der Bundesrat
       stimmte dem Gesetz am 16. Juni zu. Zwei Tage zuvor gewann Deutschland gegen
       Polen, vier Tage danach gegen Ecuador. Vier Jahre später, während der
       Weltmeisterschaft in Südafrika, einigte sich die Bundesregierung bei einem
       Gipfel im Kanzleramt auf die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge. Einen Tag
       später spielte Deutschland im Halbfinale gegen Spanien.
       
       Gut möglich, dass es auch in diesem Fußballsommer zu Sozialkürzungen kommt.
       Wie Friedrich Merz und seine Bundesregierung damit durchkommen, könnte auch
       davon abhängen, wie erfolgreich die Nationalmannschaft ist. Bundestrainer
       und Bundeskanzler haben oft voneinander profitiert. Konrad Adenauer spielte
       lieber Boccia, statt 1954 nach Bern zu fahren. Aber Helmut Kohl sonnte sich
       im Triumph der WM 1990, Angela Merkel profitierte 2014 vom Titel. Und hätte
       Gerhard Schröder länger durchgehalten, hätte er mit dem Sommermärchen im
       Rücken womöglich noch die Wahl gewonnen.
       
       Merz spricht von Wohlwollen, das es im Land für seine „Reformen“ brauche.
       Er tut wenig dafür, eine solche Stimmung zu begünstigen. Wenn aber die
       Nationalmannschaft ein überraschend gutes Turnier spielen sollte, könnte
       die Bundesregierung zumindest kurzzeitig profitieren. Scheidet Deutschland
       früh aus, dürfte das die Zustimmung zu Kürzungen nicht erhöhen. Und
       abgelenkt wären die Deutschen auch nicht mehr, wenn Merz’ Regierung Anfang
       Juli in ihr Endspiel einzieht.
       
       13 Jun 2026
       
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