# taz.de -- Theater Lübeck verhandelt Kinderwunsch: Das Drama geliehener Mutterschaft
> Ahlers' „Milch & Schuld“ am Theater Lübeck verhandelt Irrungen und
> Wirrungen der Leihmutterschaft. Die Inszenierung wirkt dabei ziemlich
> grell.
IMG Bild: Dramatische Begegnung: Szene aus „Milch und Schuld“
Ein Kinderwunsch wird nicht genetisch, sondern sozialpsychologisch
induziert. Ist er aber erst mal als elementar für den eigenen Lebensentwurf
gesetzt, wird der Leidensdruck immens groß bei etwa zehn Prozent aller
Paare in Deutschland, die laut Schätzung des Bundesfamilienministeriums
[1][unfreiwillig kinderlos] sind. Also auf dem klassischen Weg keine Kinder
bekommen können.
Gibt es ein Recht auf Elternschaft zur Realisierung des traditionellen
Familienbildes? Dass sich einige Paare mit solchen Behauptungen nicht für
die legale Alternative einer Adoption entscheiden, sondern in die höchst
umstrittene und in Deutschland verbotene Dienstleistung der
Leihmutterschaft (bis zu sechsstellige Summen) investieren, greift Sina
Ahlers in ihrem Stück „Milch & Schuld“ auf. Sie lässt sich erst einmal
empathisch darauf ein und blickt schließlich aus mehreren Perspektiven auf
grundsätzliche Fragen zum [2][Kinderwunsch,] -kriegen und -haben. Regie
führt Lara Jung am Theater Lübeck.
Der Herzschlag eines Ungeboren pulsiert unter der klangdüsteren Tonspur.
Die Bühne nimmt nicht die im Text erwähnte Bahnhofsatmosphäre auf, sondern
erinnert an eine Skaterbahn, über der eine Sonnenscheibe hängt als
Projektionsfläche für Trickfilmgimmicks mit benutzten oder erwähnten
Requisiten. Zwei Außenseiterinnen treffen sich in diesem Ambiente zum
fröhlichen Streiten. Zartie (Sonja Cariaso) ist jung und etwas klischeehaft
orientierungslos in prekären Verhältnissen. Allein aus ökonomischer Not
vermietet sie ihren Uterus für einen Großauftrag: Eine künstlich
befruchtete Eizelle soll implantiert werden und zum Baby heranwachsen.
## Weniger Altruismus als Profit
Zartie ist sich bewusst, dass das bei ihr weniger mit Altruismus zu tun hat
und mehr ein profitorientiertes Geschäft mit reproduktiven Fähigkeiten ist.
Ihr ganzer Körper und Geist werden beansprucht. Sind die Strapazen der
Schwangerschaft überhaupt bezahlbar? Was ist mit dem Kind, das
identitätsbildend mit diversen Herkünften klarkommen muss? Darüber tauscht
Zartie sich mit einer einbeinigen Taube (Antonia Sophie Schirmeister) aus,
die zu laut, zu grell im kunstfelligen Hiphop-Hippie-Style-Mix als
Interviewerin daherkommt und gleich einen Grund für Mutterschaft markiert:
„Ich will gebaucht werden.“
Die monologischen Fragmente der beiden inszeniert Lara Jung dialogisch und
überformt sie performativ. Kaum ein Halbsatz, zu dem das Duo nicht
aneinander herumfummeln, rennen, toben, fallen, übereinander steigen muss.
Stets soll inneres anspielungsreich in äußeres oder symbolisches Geschehen
übersetzt werden. Was zuweilen witzig, häufig unverständlich leerläuft.
Manchmal aber finden Mensch und Taube zu gemeinsamen Bewegungen – grooven
ihre Arme ins Babyschaukeln ein oder feiern eine Geburtschoreografie. Die
szenischen Wechsel sind rasant, der Bedeutungsgewinn ist mau. Auch weil die
hektische Verspieltheit zu keinem Rhythmus, zu keiner Entwicklung findet.
Durchaus freudig klemmt sich Zartie einen Wasserball als Fremdkörper vor
den Bauch. Dagegen setzt die Autorin Gedanken, Gefühle, Erlebnisse von
Frauen, die sie im Internet gefunden hat. Vom verzweifelten „Ich wünsche
mir so sehr ein Kind“ geht es zu [3][Mütteräußerungen] über zehrenden
Schlafmangel, zermürbende Fremdbestimmung, „ruinierte Körper“ und totale
Frustration: „Wenn sie dich anlächeln, ist alles wieder gut – das ist der
größte Bullshit ever. Freiheitsliebe und Kinder passen einfach nicht
zusammen.“ Dagegen stehen Aphorismen wie: „Nur wer sich vermehrt, lernt von
sich abzusehen.“ Beim Hin und Her der Aussagen schmiegen sich die
Darstellerinnen eng aneinander, als wollten sie die Widersprüche vereinen.
## Mindereinnahmen bei Behinderung
Zartie hat Angst vor Schuldgefühlen und Mindereinnahmen, wenn sie ein Kind
mit Behinderung produziert. Und so kommt es. Die Auftraggeberin kann nun
vom Kaufvertrag zurücktreten. Wem gehört das Kind? Soll die Leihmutter es
„wegmachen“ lassen, will sie es austragen und behalten? Die einbeinige
Taube, durch ihre Behinderung selbst nicht der Norm entsprechend, spricht
ihr mit einer Kussorgie Mut zu.
Nach diesem dramatischen Bruch nimmt alles einen guten Verlauf. Ex-Taube
Schirmeister gibt jetzt die Eispenderin Holly und Cariaso bleibt Zartie.
Beide konzentrieren sich auf klassisches Rollenspiel, sodass sich die
Figuren zu beklommenem Kennenlernen öffnen können. Die Wunschmutter spricht
darüber, wie es ist, Eltern mit Kindern zu sehen: „Der Neid, der einem ins
Gesicht geschrieben steht, ist das, wofür man sich am allermeisten schämt.“
Die Leihmutter erkennt in ihrer Schwangerschaftsarbeit, dass auch „so eine
schöne erzwungene Liebe“ erblüht. Schließlich kommen beide schwesterlich
zusammen. Werden sie das Kind gemeinsam annehmen?
Das ist eindrücklich gespielt. Inhaltlich werden viele Punkte aktueller
Mutterschaftsdiskurse angetippt – sprachlich in einem sinuskurvigen
Ausbalancieren von lakonischer und wutkraftvoll entschwebender
Formulierungskunst. Der Text überzeugt als offene Suchbewegung. Ihr hechelt
die Inszenierung erst assoziierend hinterher, hält inne und möchte dann in
freundlicher Konventionalität ein Happy End herbeizaubern.
Regiekünstlerisch nicht vollends überzeugend, aber sympathisch.
15 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Jens Fischer
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