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       # taz.de -- Neue Dramen: Die Suche nach dem Trotzdem
       
       > Kann die Kunst noch was reißen, wenn die Politik versagt? Das Theater
       > strengt sich mächtig an, wie die Autor:innenTheaterTage in Berlin
       > zeigen.
       
   IMG Bild: In Kieran Joels Stück „Winnetou V“ läuft wenig nach Plan
       
       Die Geschichte eines kleinen Jungen, der seinen gelben Spielzeugbagger
       hässlich findet und einen neuen will – kann man sich vorstellen, dass
       daraus ein satirischer Theaterabend über Karrierestrategien in Polizei und
       Politik wird? Hält man es für möglich, dass Old Shatterhand eine
       Wiedergeburt als Regisseur erlebt, der einen humanistischen Kern von Karl
       May gegen postkoloniale Kritik verteidigen will? Ist ein Theaterabend
       vorstellbar, der nur aus Ansagen möglicher Titel von noch nicht
       geschaffenen Kunstwerken besteht?
       
       Das sind merkwürdige rhetorische Fragen. Sie beruhen auf der Lektüre der
       vielen Texte, deren Inszenierungen ab 6. Juni an das [1][Deutsche Theater]
       in Berlin zu den Autor:innenTheaterTagen eingeladen sind.
       Dramenlektüre eröffnet neben dem Inszenierungsbesuch einen zweiten Blick
       auf das, was die Theater, die Autor:innen und Künstlerkollektive so
       umtreibt.
       
       Stückfassungen heute sind auffällig oft keine endgültig fertigen Texte.
       Nicht selten sind Hinweise wie „Manche Szenen werden so bleiben, weil sie
       funktionieren. Andere werden verschwinden, weil sie nicht funktionieren.
       Manche Szenen werden nie gespielt, weil wir etwas Besseres finden. Andere
       Szenen werden dazukommen, weil die Probe klüger ist als der Schreibtisch“,
       dem Text vorangestellt wie in „Winnetou V“ von Kieran Joel. Der Autor (und
       Regisseur in diesem Fall) nimmt sich also vor dem Kollektiv der
       Performenden zurück.
       
       Oder aber der/die Autor:in schreibt in den Text Wünsche an die Spielenden
       hinein, nicht zu perfekt zu werden und dem Unvorhersehbaren eine Chance zu
       lassen. Wie Kim de l'Horizon: „Und bitte, Spieljs: Meistert den Text nicht,
       nutzt ihn nicht als perfekte, schwierige Welle, die ihr Bravado-mässig
       runtersöhrft. Immer wieder neu den Text nicht-können, nicht-wissen, nicht
       aufs das stützen, was funktioniert hat, sondern auf den Moment, eure
       co-präsenten Körper und Säfte und Kräfte, euer gegenwärtiges Kraulen im
       Jetztgrad-kalten Wasser.“
       
       ## Aufklärung im besten Sinne
       
       Der sachlichste Text unter den 11 eingeladenen Stücken, „Krieg und
       Frieden“, kommt von Calle Fuhr, einem 1994 geborenen Autor und Regisseur.
       Zusammen mit der Correctiv-Redaktion hat er einen Monolog über Putins
       Aufstieg und Ziele verfasst. Der ist nicht nur äußerst informativ und
       spannend, sondern [2][knüpft rhetorisch geschickt] an Fragen an, die
       alltägliche Entscheidungen von uns, den Bürger:innen der BRD, betreffen.
       Wie Wehrpflicht, Energiepolitik, Aufrüstung.
       
       Es ist Aufklärung im besten Sinne, ein journalistisches Format, das seine
       Quellen offenlegt. Aber ist er auch Theater, dieser „Bühnenessay“?
       Herausgekommen am [3][Schauspielhaus Köln] lässt er sich auf jeden Fall als
       Beleg nehmen für das Anliegen der Kunst, politische Haltung zu zeigen.
       
       Wie viel Sinn es ergibt, sich mit dem Theater für eine demokratische Welt
       einzusetzen, ob ethische und politische Aufklärung noch möglich oder nur
       eine liebgewordene Illusion in der Kunstblase ist, dem geht [4][Kieran
       Joel] in „Winnetou V“ nach, herausgekommen am Stadttheater Ingolstadt. Das
       Setting ist eine sehr skurrile Versuchsanordnung, eine fiktive Reise durch
       die USA, in der einige der Karl-May-Figuren wider Willen mit dem Mythos des
       Wilden Westens und seiner Verschleierung des Kolonialismus hadern, andere
       mit dem Trumpismus der Gegenwart, und nur der Regisseur als alter Ego von
       Old Shatterhand noch auf der Suche nach Idealismus und Edelmut ist. Hinter
       jeder albernen Zuspitzung aber leuchtet die Frage, was geht denn noch in
       der Kunst.
       
       ## Eine Aufzählung potenzieller Titel
       
       Um den Preis des seltsamsten Stücks können sich Leo Meier und das
       [5][Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule] streiten. Meier, Autor und
       Schauspieler, 1995 geboren, schickte in „auf der suche nach dem verlorenen
       bagger“ Alfi, der noch nicht zur Schule geht, auf eine Odyssee durch die
       Instanzen der Gesellschaft, von Polizei über Kommunalpolitik bis Talkshow.
       Wie der Junge programmatisch missverstanden und instrumentalisiert wird,
       damit sich die vermeintlichen Kinderversteher vorteilhaft positionieren
       können, liest sich unterhaltsam und witzig.
       
       Das Stück [6][„2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger“ der
       Frankfurter Hauptschule] dagegen ist nur als Lektüre kaum zu konsumieren.
       Denn tatsächlich besteht es aus einer Aufzählung potenzieller Titel, ein
       anspielungsreiches Gag-Feuerwerk, prall voll mit popkulturellen und
       bildungsbürgerlichen Referenzen. Es zeigt der Subkultur ebenso wie der
       Hochkultur den Stinkefinger, amüsiert sich mit Sarkasmus und Zynismus. Und
       lässt hinter all dem Schlaubergertum die verzweifelte Frage, was kann sie
       denn noch ausrichten, die Kunst.
       
       Der anregendste Text, der auch als gelesenes Drama Fantasie und Erkenntnis
       triggert, kommt von [7][Kim de l'Horizon]. „Die kleinen Meerjungrauen“
       erzählt vom hohen Preis der Anpassung, den bekannte Märchenwesen wie kleine
       Meerjungfrauen, Alraunen und Erdaltraun (zu ihrer Empörung „Zwerge“
       genannt), zahlen müssen, wollen sie unter den Menschen leben.
       Selbstverleugnung, Vergessen der eigenen Vergangenheit, Abtrennung von der
       Verbindung zu den Elementen gehören dazu.
       
       Es ist auch ein Spiel mit der Sprache, in der oft mehr Wissen über das
       Verdrängte steckt, als ihr alltäglicher Gebrauch ahnen lässt. Dass die
       Märchenhaften schließlich zu Kapitalismuskritik ansetzen und sich zu
       Sprecher:innen der Ressourcen machen, deren Verschleuderung so
       bedrohliche Formen angenommen hat, kommt hinzu. Ein Text, der dem Theater
       viele Türen in die Gegenwart öffnet.
       
       ## Phänomene der Erschöpfung und des Eskapismus
       
       Theatertext-Lektüre funktioniert nicht immer. Gerade dort, wo sich das
       Spiel zu Performance und kollektiver Stoffentwicklung hin entwickelt,
       bleibt beim Lesen vieles ungreifbar und rätselhaft. Das Theater im Bahnhof
       aus Graz und die auf [8][Videogames spezialisierte „pseudo-marxist media
       guerilla“ Total Refusal] reflektieren in „Let's Play I am old and tired“
       Phänomene der Erschöpfung und des Eskapismus.
       
       Die Rückzugsfantasie „Walden oder das Leben in den Wäldern“ von Henry David
       Thoreau wird gegen Videospiele geschnitten, die mit einem virtuellen
       Ausstieg aus der Realität deren Mängel kompensieren oder erdulden helfen.
       Teilweise ist das klug und analytisch, wenn es etwa um Zeitbegriffe wie
       „quality time“ oder „Zeitvergeudung“ geht, den Kampf um Arbeitszeiten oder
       um die Unsterblichkeitsfantasien von Tech-Giganten. Aber in den
       labyrinthischen Strukturen zwischen Videogame, Bühne, historischem Zitat
       und Überschreibung verliert man leicht auch den Boden unter den Füßen.
       
       In der Übergangszeit zwischen Spielzeitende und Festivalsommer ermöglichen
       die Autor:innenTheaterTage dem Theater noch einmal den Puls zu
       fühlen. Er ist erhitzt und beschleunigt in der Konfrontation mit einer
       Gegenwart, die für die Zukunft kaum noch positive Modelle parat hat. Ist
       ein Ausstieg aus dem Falschen noch möglich? Viele Hoffnungen machen sich
       die Autor:innen der Stücke nicht. Und suchen doch danach, ein Trotzdem
       in ihrer Kunst zu finden.
       
       5 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Neues-Drama-von-Caren-Jess-in-Berlin/!6172340
   DIR [2] https://www.deutschestheater.de/programm/dt-att/festival/programm-2026
   DIR [3] /Neuer-Intendant-am-Schauspiel-Koeln/!6112680
   DIR [4] /Kim-de-lHorizons-Blutbuch/!6063009
   DIR [5] /Urauffuehrung-an-Muenchner-Kammerspielen/!6131848
   DIR [6] /Urauffuehrung-an-Muenchner-Kammerspielen/!6131848
   DIR [7] /Theater-im-TD-Berlin/!6162454
   DIR [8] /Ausstellung-ueber-Bauernkriege-in-Halle/!6087167
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Bettina Müller
       
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